Pinneberg

Züchter wollen das Seuchengesetz kippen

Erwin Martens und Ilka Gohla vom Rassegeflügelverein in Appen kritisieren die Behörden und zahlen in einen Klagefonds ein

Erwin Martens und Ilka Gohla vom Rassegeflügelverein in Appen kritisieren die Behörden und zahlen in einen Klagefonds ein

Foto: Andreas Daebeler / HA

Die Geflügelpest wird zum Streitfall: Pinneberger üben Kritik am Vorgehen der Behörden und unterstützen eine Klage gegen Maßnahmen.

Pinneberg.  Erwin Martens liebt seine Hühner. Und er gönnt ihnen die Freiheit. Eine Freiheit, die der Vorsitzende des Geflügelzuchtvereins Pinneberg-Appen den Tieren seit November verwehrt. Verwehren muss. Statt über Wiesen zu staksen, ist das Geflügel in einem kleinen Holzstall eingepfercht. Das ist vom Kreis Pinneberg vorgeschrieben – weil die Vogelgrippe, auch Geflügelpest genannt, in der Region grassiert. Für Martens ist das Vorgehen kompletter Unsinn. Wegen der Stallpflicht würden Hühner erst recht krank. „Sie werden fett, können sich nicht bewegen.“ Das Immunsystem gesunder Tiere werde zerstört.

Martens und Co. unterstützen deshalb eine Klage, die gerade vorbereitet wird. Sie zahlen in einen Fonds ein, mit dem das juristische Vorgehen finanziert werden soll. Die Züchter wollen das Seuchengesetz kippen. Rassegeflügelfans in ganz Norddeutschland haben die Nase gestrichen voll von Stallpflicht und Massenkeulung. Sie begehren auf. Während eines Symposiums in Kiel, an dem 150 Menschen teilnahmen, wurden die Weichen für die Klage gestellt.

Das Aktionsbündnis Vogelfrei hat den Juristen Dirk Büge eingeschaltet. Kein Unbekannter: Büge hat zu BSE-Zeiten die Tötungsanordnung von Importrindern aus Großbritannien und der Schweiz gerichtlich gestoppt. Ziel sei es jetzt, das bei der Vogelgrippe angewandte Seuchengesetz zumindest in Teilen zu Fall zu bringen. Büge bezeichnet etwa eine pauschale Stallpflicht als „erfolgversprechend angreifbar“.

Wissenschaftler zweifeln Wirkung der Stallpflicht an

Während der Tagung hatten Forscher der Kieler Universität Falschdarstellungen angeprangert und eine Aufstallung als kontraproduktiv bezeichnet. Der Mediziner Sucharit Bhakdi etwa sagte, die Geflügelverordnung müsse nachgebessert werden. Maßnahmen wie Sperrzonen, Aufstallung und die Tötung ganzer Bestände seien nicht zielführend. Ein Ornithologe bezeichnete die Übertragung der Geflügelpest durch Wildvögel, immerhin ein Anlass der Stallpflicht, als „zu vernachlässigen“.

Die Pinnebergerin Ilka Gohla, die acht Hühner hält und diese seit November gegen ihre Überzeugung im Schuppen einsperrt, kam beeindruckt aus Kiel zurück: „Die Behörden verschließen ihre Augen, obwohl angesehene Wissenschaftler aus unserem Bundesland Fakten liefern“, sagt sie. Auch für Martens steht längst fest, dass das Übel mit Sperrbezirken und Aufstallung nicht an der Wurzel gepackt wird. Es sei vielmehr „die Industrie mit ihren versifften Ställen“, die eine Verbreitung von Viruserkrankungen befördere. Mist aus Massentierhaltungen sei voller Viren und werde auf Feldern ausgebracht, Wildvögel infizierten sich dann. „Die Vorstellung, dass sich ein kranker Vogel aus Russland hierherschleppt, ist bizarr“, meint Gohla.

Dass es auch in Behörden längst Zweifel an der von Bundesland zu Bundesland verschieden ausgelegten Gesetzeslage gibt, ist ein offenes Geheimnis. Auf Nachfrage des Abendblatts hält sich Kreissprecher Oliver Carstens nach Austausch mit seinen Veterinären jedoch bedeckt: „Mit Interesse verfolgen wir die Diskussion, sind aber in unserem Handeln natürlich an die entsprechenden gesetzlichen Vorgaben gebunden“, so Carstens. Und weiter: „Sollte es in dieser Angelegenheit neue wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse geben, die möglicherweise zu geänderten Rechtsgrundlagen führen könnten, so wäre es Angelegenheit des Bundes und des Landes, diese schnell zu beschließen.“

Nicola Kabel, Sprecherin des schleswig-holsteinischen Landwirtschaftsministeriums, bezifferte die Anzahl der seit November registrierten Fälle von Geflügelpest am Freitag bundesweit auf 723. Um das Risiko einer Übertragung zwischen Wild- und Hausgeflügel zu verringern, solle durch die landesweite Stallpflicht der Kontakt so weit wie möglich minimiert werden. „Die Lage wird laufend überprüft, um zu entscheiden, ob die Schutzmaßnahmen weiter erforderlich sind“, so Kabel.

Martens hat eine eigene Sicht auf die Dinge: „Meine Tiere waren kerngesund und nicht anfällig, so lange sie draußen artgerecht leben durften.“ Das ändere sich nun wegen der Stallpflicht. Er fürchte, dass Mitstreiter die Zucht aufgeben. „Viele kommen in diesen Tagen mit Tränen in den Augen aus dem Stall.“ Folge wäre ein Verlust der für den Biohandel notwendigen Artenvielfalt. „Ein bedeutenden Wirtschaftsfaktor“, gibt Gohla zu bedenken.

Weitere Informationen zum Symposium in Kiel im Internet unter www.rgzv-cimbria.de