Pinneberg
Hamburg

Holmer erzählt, wie er als Hungerkind litt

Zeitzeuge Günter Buchholz aus Holm litt nach dem Krieg Hunger und Not. Er konnte mit seiner Familie später aus Ostpreußen nach Wedel fliehen

Zeitzeuge Günter Buchholz aus Holm litt nach dem Krieg Hunger und Not. Er konnte mit seiner Familie später aus Ostpreußen nach Wedel fliehen

Foto: Katy Krause / HA

Historiker rekonstruiert Schicksale von Weltkriegsopfern, die nicht als solche galten. Eines davon ist der 77-jährige Günter Buchholz.

HOLM. Ostpreußens Hungerkinder hatten den Wind nicht gesät, aber den Sturm geerntet. Mit diesem Los mussten sie leben. Sie schwebten irgendwo im Niemandsland der Nachkriegsgeschichte, von der Welt unbeachtet, aber den Betroffenen ein quälender, unbarmherziger Begleiter. Die Wunden verkrusteten, heilten aber nicht. Denn die Vergangenheit blieb lebenslang ein unberechenbarer Gegenspieler, floss versteckt als unterirdischer Strom und schoss zwischendurch immer wieder unkontrolliert an die Oberfläche. Als beschämende Mutlosigkeit, wenn die Neffen einen zum Spaziergang auf die freigegebene Eisfläche der Hamburger Alster baten, die lauernd funkelte wie das Haff.“

Christopher Spatz schreibt dies in seinem Buch „Nur der Himmel blieb derselbe. Ostpreußens Hungerkinder erzählen vom Überleben.“ Einer von denen, die in der Nachkriegszeit von der Welt unbeachtet ums Überleben kämpfen mussten, ist der Holmer Günter Buchholz. Er bettelte um das Wenige, was andere entbehren konnten. Zitterte in kalten Nächten ohne Zuflucht und versteckte sich vor dem Militär. Buchholz war ein Hungerkind. Geboren und aufgewachsen ist er in Königsberg. Nach dem Krieg wurde er vertrieben. Mit Mutter, Tante und dem kleinen Bruder floh die Familie nach Litauen. Später schaffte sie es, zu Verwandten nach Deutschland zu gelangen. Die Großmutter lebte in Wedel.

Anfangs wollte man die Vertriebenen auch dort nicht haben. Doch bis heute lebt Buchholz in der Region. In Holm fand er später Arbeit und ein Heim für seine Familie. Seine Geburtsstadt Königsberg sah er nie wieder. Seine Mutter zog es vor einigen Jahren dorthin zurück. Zusammen mit dem jüngeren Bruder reiste sie in die alte Heimat, schaute sich Schauplätze von einst an. Buchholz wollte nicht. „Wozu?“, fragt er. Was solle das schon bringen. Eine Reise in der Vergangenheit fällt ihm schon im Gespräch schwer genug.

Kinder bettelten um Reste

Es braucht Zeit, bis er sich öffnen kann und etwas erzählt. Davon, wie die Russen kamen und sich Frauen aus dem Keller holten. Von der Flucht, den Nächten versteckt in irgendwelchen Scheunen – und dem ständigen Hunger, der seinen drei Jahre jüngeren Bruder fast umbrachte. Er erinnert sich, wie sie um Reste bettelten, Abfall aus den Tonnen der Kasernen stahlen und die Mutter aus Kartoffelrinde etwas Essbares kochte. Es war ein harter Überlebenskampf, bei dem Buchholz’ Jugend auf der Strecke blieb. Tief hat er das in seinen Erinnerungen vergraben.

„Was gewesen ist, da macht mein Kopf manchmal zu“, sagt der heute 77-Jährige. Was war, das könne man ja auch nicht ändern. „Man muss hart gegen sich selbst sein“, ist Buchholz’ Credo. Er hat in seiner Kindheit gelernt, dass sich keiner für seine Leidensgeschichte interessierte. „Warum sollte man auch davon erzählen?“, fragt er. „Jeder hatte seine eigenen Sorgen.“ Man habe sich lieber auf den Wiederaufbau konzentriert.

Doch heute ist das anders. Das, was Buchholz wie viele der Vertriebenen aus Ostpreußen erlebte, interessiert. Zum Beispiel den Historiker Spatz. Buchholz ist einer von 50 Zeitzeugen, mit denen er für sein Buch gesprochen hat. Es handelt von unerhörten Geschichten, berichtet von der Entwurzelung und Verpflanzung der Menschen.

Der Vater im Krieg gefallen, die Mutter raffte die Seuche davon: Viele Kinder mussten sich allein durchschlagen. Manche Waisen landeten in sowjetischen Heimen. Die Welt nahm von dem Drama damals kaum Notiz.

Am Donnerstag, 9. Februar, 19 Uhr, wird Spatz im Hamburger Michel aus seinem Buch lesen. Zudem wird der Psychiater Christoph Muhtz von der Schön Klinik Eilbek Einblicke in seine Forschung mit ostpreußischen Flüchtlingen und Vertriebenen geben. Anschließend werden Zeitzeugen ihre Erfahrungen schildern. Buchholz wird nicht dabei sein. Seine Erinnerungen vor Publikum zu schildern, liegt ihm nicht.

Es gibt aber etwas aus seiner Jugend, darüber spricht er sehr gern. Dann kommt er aus dem Erzählen gar nicht mehr heraus. Es geht um seine Zeit in Wentorf bei Hamburg. Dort hatte das Land Schleswig-Holstein auf die sich häufenden Anfragen nach speziellen Fördermaßnahmen das Volksschulinternat für Heimatvertriebene gegründet. Für ostpreußische Hungerkinder wie Buchholz war das ein riesiges Glück.

Denn erst im Alter von zehn Jahren wurde Buchholz erstmals eingeschult. Mit 60 Kindern saß der traumatisierte Junge, der zuletzt viel Russisch und Litauisch gesprochen hatte, in einer Wedeler Schule. „Für mein Alter war ich ein Zurückgebliebener“, wurde ihm vom Lehrer attestiert. Erst in Wentorf wurde alles besser. „Ich habe dem Internat viel zu verdanken. Das hat mir den Aufschwung gegeben“, sagt Buchholz heute. Unter Gleichgesinnten und mit Lehrern, die sich auf die besonderen Schüler einstellen konnten, ging es schulisch bergauf. Buchholz machte seinen Hauptschulabschluss und wurde Maschinenbauschlosser. Doch vor allem konnte er in Wentorf wieder Kind sein, zumindest ein wenig nachholen, was ihm der Krieg genommen hatte.

Bis heute halten die Schüler von einst zusammen. Lange Zeit hat Buchholz auch regelmäßige Klassentreffen organisiert. Heute besucht er vor allem noch seine Mitschüler, die in Hamburg leben. Ihre schlechten aber auch die guten Erinnerungen machen sie zu einer Schicksalsgemeinschaft.