Pinneberg
Sanierung

Warum Pinneberg Millionen versenken muss

Stadtwerkechef Sven Hanson (l.) und Ingenieur Jürgen Hasse mit einer verschmorten Starkstromleitung

Stadtwerkechef Sven Hanson (l.) und Ingenieur Jürgen Hasse mit einer verschmorten Starkstromleitung

Foto: Andreas Daebeler / HA

Stadtwerke sanieren für viel Geld marodes Leitungsnetz unter der Stadt. Bei Stromausfall kooperieren sie mit Berliner Krisenzentrum.

Pinneberg.  Es ist der 8. September. Ein Donnerstag. Und ein Tag, den ein Pinneberger Straßenbauer nie vergessen wird. Der Mann will eine Eisenstange in den Boden rammen und stößt mitten in ein unter der Baustelle verlaufendes Starkstromkabel. Dass er überlebt, ist reines Glück. „So eine Art zweiter Geburtstag“, sagt Jürgen Hasse. Hasse ist Ingenieur bei den Pinneberger Stadtwerken. Er hat Zahlen zusammengetragen – und liefert einen Überblick über Zwischenfälle, mit denen das Versorgungsunternehmen zu kämpfen hat. 30 Stromausfälle, 32 Gaslecks und 20 Störungen beim Trinkwasser – so lautet Hasse zufolge die Bilanz fürs abgelaufene Jahr.

Die Hälfte der Probleme bei der Stromversorgung ist auf Fremdverschulden zurückzuführen. „In Pinneberg wird aktuell viel gebaut, da kommt es häufiger vor, dass ein Bagger ein Kabel erwischt“, sagt Sven Hanson, der die Stadtwerke seit Juli leitet. Für einen Teil seiner Kollegen bedeutet jeder Kurzschluss längere Arbeitszeit. Bei Pinnebergs Stadtwerken gibt es gleich auf mehreren Ebenen Eingreiftrupps – für Gas, Strom und Wasser.

Und die werden aus Berlin in Gang gesetzt. Denn die Stadtwerke arbeiten – ebenso wie die Halstenbeker Gemeindewerke – mit dem in der Hauptstadt sitzenden Kompetenzzentrum für kritische Infrastruktur zusammen.

Wählen Pinneberger oder Halstenbeker die Notfallnummer, werden die Anrufe in der rund um die Uhr besetzten Zentrale des Dienstleisters in Berlin entgegengenommen. Und zwar nicht von einfachen Telefonisten. „An den Plätzen dort sitzen bereits technisch geschulte Mitarbeiter“, sagt Pinnebergs Stadtwerkechef Hanson. Somit gebe es sofort eine erste Einschätzung der Situation. Das Kompetenzzentrum setzt dann die Notfalltrupps vor Ort in Gang. Pinnebergs Stadtwerke haben ständig fünf Monteure in Bereitschaft. Zudem gibt es auf Führungsebene eine Lenkungsgruppe für besonders schwere Fälle. Gasunfälle etwa.

Dass ein ausgeklügelter Notfallplan unerlässlich ist, zeigte sich erst im Dezember, als im Bereich der Innenstadt großflächig der Strom ausfiel. Bei Geschäften und Banken sorgte der Blackout für helle Aufregung. „Ein Erdschluss“, erinnert sich Hasse. Ein Bagger hatte das Kabel beschädigt. Während das Netz bei einem Kurzschluss sofort zusammenbricht, bewirkt ein Erdschluss nur, dass im Umspannwerk die Trafos heißlaufen. Für die Stadtwerke bedeutet das, dass die Fehlersuche schnell gehen muss. Abschnittweise wird der Strom abgeschaltet, um herauszufinden, wo der Schaden entstanden ist.

Der Zustand des Netzes im Pinneberger Untergrund gibt den Stadtwerken Aufgaben für die Zukunft auf. Die Lebensdauer der in 60 Zentimeter Tiefe liegenden Stromkabel etwa ist auf rund 50 Jahre begrenzt – 1,8 Millionen Euro musste der Versorger allein im abgelaufenen Bilanzjahr investieren. Beileibe ist das nicht der einzige Posten, der den Etat der Stadtwerke belastet, denn unter den Straßen herrscht Sanierungsstau. So wurden zuletzt 2,4 Millionen Euro fällig, um die 90 Zentimeter tief liegenden Gasleitungen zu erneuern, 1,9 Millionen flossen ins Trinkwassernetz, das etwa 1,20 Meter unter dem Asphalt verborgen ist.

Das größte Problem sind in Pinneberg, wie auch im benachbarten Rellingen, die zum Teil maroden Abwasserrohre. „Ein bundesweites Problem“, sagt Hanson. Fast drei Millionen Euro müssen pro Jahr investiert werden, um Versäumnisse der Vergangenheit aufzuarbeiten. Das Netz unter der Kreisstadt ist 247 Kilometer lang – und musste in einem aufwendigen Verfahren überprüft werden. „Damit sind wir so gut wie fertig, wir sind Vorreiter im Kreisgebiet“, sagt Hasse. Er nennt einen Grund dafür, dass über Jahrzehnte zu wenig in die Leitungen investiert wurde: „Mit Rohren im Untergrund kann kein Politiker glänzen.“

Für die Stadtwerke, die die Rohre in Schadensklassen einordnen und nach Priorität erneuern, bringt der Sanierungsstau immer wieder böse Überraschungen mit sich. Wie etwa im vergangenen Jahr, als die Straße am Damm absackte, was zeitweise zum Verkehrschaos führte. Für derartige Fälle hat Hanson einen Puffer in seinem Etat. Zudem setzt er auf Transparenz, versucht, die Öffentlichkeit umfassend aufzuklären. Gehe es um Investitionen in den Untergrund, pflege man einen engen Draht zu den Mitarbeitern im Rathaus der Kreisstadt. So säßen die Stadtwerke bei Bauprojekten mit im Boot. Wenn irgendwo gebuddelt werde und sich die Erneuerung von Leitungen anbiete, werde entsprechend gehandelt.

Apropos richtig handeln. Für den Fall einer Störung hat Hanson eine Bitte an Betroffene in petto. „Lassen Sie die Techniker ihre Arbeit machen und sprechen Sie sie nicht an, wenn nicht unbedingt nötig.“ Die Notfalltrupps stünden im Schadensfall ohnehin schon genug unter Stress. Hasse ist sich sicher: „Sie erledigen ihre Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen.“