Pinneberg
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So funktioniert die erste deutsche Demokratie-Kita

Welchen Kuchen wollen wir heute essen? Kinder geben mittels Glasstein ihre Stimme für Schololaden-, Apfel- oder Zitronenkuchen ab

Foto: Elvira Nickmann / HA

Welchen Kuchen wollen wir heute essen? Kinder geben mittels Glasstein ihre Stimme für Schololaden-, Apfel- oder Zitronenkuchen ab

Die Kita Einstein-Dolli-Haus nimmt an einem bundesweit einmaligen Modellprojekt teil. Beteiligung der Kinder als Grundrecht.

Zwölf Kinder der Raben-Gruppe in der Pinneberger Kindertagsstätte Dolli-Einstein-Haus sitzen am Boden, in ihrer Mitte drei Kästen. Sie nehmen sich nacheinander je einen Glasstein aus einem Behälter und legen ihn in den Kasten ihrer Wahl. Lina muss nicht lange überlegen. Ihr Stein landet in dem Kasten mit einem Apfel aus Holz. Andere entscheiden sich für den mit der Zi­trone oder der Schokolade. Nach kurzer Zeit haben alle Kinder ihren Glasstein abgelegt – und damit auf spielerische Weise einen demokratischen Akt vollzogen. Denn die Mehrheit hat so gerade entschieden, ob der nächste Kuchen ein Apfel-, Zitronen- oder doch Schokoladenkuchen sein soll. Demokratie in der Kita, lautet das Prinzip, das auf einem Modellprojekt fußt, welches Partizipation bereits im Kindesalter ermöglichen will. Es geht darum, Kindern Freiräume zu eröffnen, um aktiv das Geschehen mitzugestalten. Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) kam am Montag nach Pinneberg, um das Dolli-Einstein-Haus als erste Demokratie-Kita Schleswig-Holsteins zu zertifizieren.

Einmal pro Woche findet in jeder der Gruppen eine Konferenz statt. Dabei können die Kleinen Wünsche äußern, besprechen, was sie gern unternehmen wollen und welche Entscheidungen anstehen, beispielsweise bei der Auswahl eines neuen Spielgeräts für das Außengelände. Sie wählen aus ihrer Mitte zwei Vertreter, die sogenannten Weitersager, die ihre Anregungen und auch ihr Votum in den Kinderrat tragen. Als Weitersager dürfen allerdings nur solche Kinder gewählt werden, die demnächst in die Schule kommen und bereits einige Erfahrung mit Partizipation gesammelt haben. Wichtig: Diese Personenwahl ist geheim, denn jeder der jungen Wahlberechtigten soll sich frei für einen Kandidaten entscheiden können.

Die Kinder wissen ganz genau über ihre Rechte Bescheid

Dabei geht es nicht darum, den Kindern in allen Belangen völlig freie Hand zu lassen, sondern sie bei der Entwicklung einer gemeinschaftsfähigen und selbstbestimmten Persönlichkeit zu unterstützen und ihnen die Freiheit zur Entfaltung ihrer Potenziale und Stärken zu geben. In der Kindertagesstätte Dolli-Einstein-Haus wird es Kindern so früh ermöglicht, demokratische Prozesse zu erfahren. Sie lernen früh ihre Rechte kennen und fordern diese tatsächlich auch ein, sagt Heike Schlüter, stellvertretende Leiterin der Einrichtung. Ob sie in Hausschuhen oder lieber ohne laufen wollten, wo sie sitzen und wie viel sie essen ist daher nichts, was ihnen Erzieher und Pädagogen diktieren. Wo die Selbstbestimmung ihre Grenze hat, entscheiden die Mitarbeiter der Einrichtung gemeinsam. Doch auch das kann bei Bedarf in einzelnen Punkten neu verhandelt werden, denn der Prozess ist fließend.

Den Pädagogen fehlte der Mut, so viel Macht abzugeben

Die Erarbeitung einer Kita-eigenen Verfassung sowie die eines Beteiligungsprojekts sind zwei Voraussetzungen, die am Modellprojekt teilnehmende Einrichtungen zu erfüllen haben. Als Grundlage dienen die Qualitätsstandards des Konzepts "Kinderstube der Demokratie", das vom Institut für Partizipation und Bildung in Kiel entwickelt wurde. "2006 haben wir angefangen, uns mit einer Verfassung auseinanderzusetzen", beschreibt Heike Schlüter den langen Weg zur Demokratie-Kita.

Die erste Version, die 2008 fertiggestellt wurde, legte fest, welche Partizipationsrechte für Kinder in der Einrichtung zukünftig gelten sollten. 2014 sei diese komplett überarbeitet worden, "denn anfangs waren wir noch nicht so mutig, so viel Macht abzugeben", gibt Schlüter freimütig zu. Schließlich sei das für alle ein Lernprozess, aber besonders schwer falle das Umdenken den Erwachsenen. Die Eltern haben keinen Einfluss auf die Partizipationsrechte der Kinder. Doch sie alle bekommen bei Anmeldung die Verfassung und werden von der Leitung bei Änderungen informiert. Dass zu Hause und in der Tageseinrichtung verschiedene Regeln gelten können, darin sieht Heike Schlüter kein Problem. "Kinder können sehr gut zwischen verschiedenen Situationen unterscheiden und damit umgehen."

Dass so viel Engagement von allen Seiten eine Anerkennung erfährt, ist selbstverständlich. Die Aufregung ist dementsprechend groß bei den kleinen Vertretern des Kinderparlaments: Noah (6) sowie Anuk, Maren und Emma, alle fünf Jahre alt, dürfen dabei sein, als Sozialministerin Alheit das Dolli-Einstein-Haus als sogar bundesweit erste Demokratie-Kita zertifiziert. In Anwesenheit von Gästen, Mitarbeitern und Elternvertretern überreicht sie Einrichtungsleiterin Ute Rodenwald die Zertifizierungsurkunde. "Demokratie kann und sollte man lernen", sagt die Ministerin. "Wenn Kinder mitgenommen und ernst genommen werden, prägt sie das fürs ganze Leben." Ein Umfeld zu schaffen, in dem Kindern die Teilhabe ermöglicht werde, bedeute vor allem für die Erwachsenen ein Umdenken. "Das ist nichts, was man eben mal so macht."

Das findet auch Michael Selck, Geschäftsführer des Awo-Landesverbands in Kiel, der sich bei allen Beteiligten bedankt. "Die eigene Haltung partizipativ auszurichten ist anspruchsvoll und verändert auch die Strukturen", so Selck. Die Kinder sitzen mit in der Runde und warten gelassen, bis es nach draußen geht. Dort sind sie erneut beteiligt, diesmal an der feierlichen Enthüllung des neuen Kita-Schilds. Zur Belohnung für ihren Einsatz bekommen die vier kleine Naschpakete für ihre Gruppen zum Aufteilen unter den Kindern – ganz demokratisch, das versteht sich von selbst.

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