Pinneberg
Weihnachten

Wedel: Diese Menschen haben eine Mission

Roswitha und Hans-Wolfgang Mühlenbein im Seefahrertreffpunkt im Hamburger Hafen

Foto: Thomas Pöhlsen / HA

Roswitha und Hans-Wolfgang Mühlenbein im Seefahrertreffpunkt im Hamburger Hafen

Die Wedeler Roswitha und Hans-Wolfgang Mühlenbein helfen im Hamburger Seefahrerclub Duckdalben – auch und gerade Heiligabend.

Wedel/Hamburg.  Heiligabend werden Roswitha und Hans-Wolfgang Mühlenbein in diesem Jahr nicht mit den Kindern und Enkeln verbringen. "Wir verzichten darauf, weil wir für andere da sein und ihnen eine Freude bereiten möchten", sagt Hans-Wolfgang Mühlenbein. Heute helfen seine Frau und er bei einem Fest für Menschen, die Tausende von Kilometern entfernt von ihren Lieben Weihnachten feiern müssen. Roswitha und Hans-Wolfgang Mühlenbein arbeiten ehrenamtlich in dem Treff Duckdalben der Deutschen Seemannsmission im Hamburger Hafen. Das Haus hat sich das Motto "Heimat in der Fremde" gegeben.

Durchschnittlich etwas mehr als 100 Seeleute pro Tag kommen in das geräumige Haus in unmittelbarer Nähe der Köhlbrandbrücke. 37.807 waren es 2015 insgesamt. Mit 18.482 kamen fast die Hälfte von den Philippinen, gefolgt von Indern (3715), Chinesen (2549), Ukrainern (2301) und Russen 1093). Wie das Schiff an der namensgebenden Duckdalbe festgemacht wird, so sollen die Seeleute in dem Haus Halt finden. "Auf den Schiffen arbeiten sie oft unter schwierigen Bedingungen, leben sie in engen Räumlichkeiten", sagt Hans-Wolfgang Mühlenbein. Hinzu kommt der Zeitdruck. Manchmal liegen die Schiffe nur wenige Stunden im Hafen, sehr selten länger als zwei Tage.

Den Code fürs Internet wollen fast alle als Erstes wissen

Der erste Weg führt die Seeleute fast immer zu einem der Mitarbeiter des Hauses, um den WiFi-Code zu erfragen. Sie können kostenlos telefonieren und skypen, so den Kontakt zu den Verwandten in der Heimat halten.

Für viele Besucher ist das Weihnachtsfest schon Tage vorher ein großes Thema. Jeffrey A. Palero kommt von den Philippinen und liest an seinem Computer Neuigkeiten aus der Heimat. Wehmütig wird er, wenn er an ein Weihnachten ohne die Ehefrau und die siebenjährige Tochter denkt. Er wird wohl schon wieder auf hoher See sein, wenn daheim gefeiert wird. Ein bisschen Ablenkung gibt es mit einer von der Schiffsleitung organisierten Weihnachtsparty.

Von einem Barbecue an Bord berichten Dionicio Palalay und Daniel Rey Tabile. Das ist zwar etwas Besonderes, wird sie jedoch nicht darüber hinwegtrösten, ohne ihre Lieben zu feiern. Wenn sie über ihre Familien und das Weihnachtsfest auf den Philippinen berichten, schwingt Traurigkeit in ihren Stimmen mit. Denn Alternativen gibt es für sie nicht. Im Vergleich zu anderen Jobs in ihrem Heimatland verdienen beide an Bord viel Geld. Manchmal leben nicht nur Ehefrau und Kinder von dem Lohn, sondern mehrere Generationen der Familie, sagt Hans-Wolfgang Mühlenbein.

Wer Glück hat und nicht an Bord, sondern im Hamburger Hafen den 24. Dezember verbringt, kann an der Weihnachtsfeier im Duckdalben teilnehmen. Erst wird eine Andacht zelebriert. In welcher Sprache die Diakone predigen, ergibt sich aus den Nationalitäten der Teilnehmern. "Sie müssen da flexibel sein", sagt Roswitha Mühlenbein. Danach gibt es Geschenke – für jeden eine mobile Ladestation fürs Handy sowie Süßigkeiten. Und anschließend essen alle zusammen Raclette. An die Seeleute, die nicht ins Duckdalben kommen können, verteilt eine Bordbetreuung die Geschenke. "Sie werden die ganze Nacht unterwegs sein", sagt Hans-Wolfgang Mühlenbein.

Roswitha und Hans-Wolfgang Mühlenbein zogen 2013 von Rostock nach Wedel, um in der Rolandstadt ihren Ruhestand zu genießen. Vor der Wende hatten sie ehrenamtlich, danach hauptamtlich für die evangelisch-lutherische Kirche gearbeitet. 2014 hörten sie auf der Ehrenamtsmesse Aktivoli in Hamburg von der Arbeit im Duckdalben und beschlossen sich zu engagieren. Sie gehören damit zu einer Crew von 80 Ehrenamtlern.

Shuttlebusse fahren mehr als 230.000 Kilometer pro Jahr

Hans-Wolfgang Mühlenbein arbeitet als Busfahrer. Voll gefordert ist er ab 18 Uhr, wenn auf den Schiffen Feierabend ist. Dann kommen von Bord die Anrufe, dass die Seeleute abgeholt werden möchten. Über vier VW-Busse verfügt die Seemannsmission, die von Ehrenamtlern gefahren werden. 14.251 Touren weist die Statistik für 2015 aus. 230.295 Kilometer legten die Bullis zurück. Mit einem freundlichen "Welcome friends" werden die Seeleute begrüßt.

Im Duckdalben finden sie vielfältige Möglichkeiten, die knapp bemessene Freizeit zu verbringen. Sie können Billard und Kicker spielen – auf einem schwankenden Schiff gibt es dazu keine Gelegenheit – oder heimische Zeitungen lesen. Es gibt einen Computerraum und einen Raum der Stille, in dem "alle Weltreligionen und noch ein paar mehr" mit kleinen Altären vertreten sind, sagt Roswitha Mühlenbein. Besonders beliebt bei den Filipinos ist der Karaoke-Raum. Weil so viele Seeleute aus dem südostasiatischen Staat einkehren, gibt es im Team zwei Mitarbeiter, die die Landessprache Tagalog beherrschen.

In einer Kleiderkammer gibt es eine erste Ausstattung für die Seeleute, die in T-Shirt und kurzen Hosen aus südlichen Gefilden ins kalte Hamburg kommen. Und sie können Geld nach Hause überweisen. Das ist billiger, als wenn sie eines der weltweit agierenden Unternehmen für Bargeldtransfers nutzen.

Roswitha Mühlenbein arbeitet in dem kleinen Shop, der "zu Supermarkt-Preisen" die für Seeleute wichtigen Produkte verkauft. "Vor allem werden Telefonkarten und Schokolade verlangt", berichtet sie. "Nirgendwo sonst in Hamburg werden so viele Tafeln Schokoladen verkauft wie bei uns."

In dem Shop mit Cafeteria-Bereich bekommt sie auch hautnah die Sorgen der Seeleute mit. Da war etwa die Unsicherheit der Ukrainer während der Krimkrise, die auf Schiffen mit Heimathafen auf der Halbinsel im Schwarzen Meer fuhren. Nach der Annexion durch Russland waren sie plötzlich russische Bürger.

Und Roswitha Mühlenbein erinnert sich an die Filipinos, die nach einem großen Taifun mit schweren Verwüstungen und zahlreichen Toten versuchten, ihre Verwandten anzurufen. Ein Seemann habe sie mit Tränen in den Augen vor Glück umarmt, nachdem er nach unzähligen Versuchen durchgekommen war. Er erzählte, dass alles, was die Familie besaß, zerstört worden sei, doch alle seien wohlauf.

Das Duckdalben schließt um 22.30 Uhr, und dann sind wieder die Busfahrer gefordert. An solchen Tagen, an denen der Seefahrertreff besonders gut besucht war, kann es schon mal bis Mitternacht dauern, bis alle zurück zu ihren Schiffen gebracht wurden. "Es ist schön, hier zu arbeiten", sagt Hans-Wolfgang Mühlenbein. "Denn für uns sind die Seeleute Freunde aus der Fremde, die wir noch nicht kennen."

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