Pinneberg
Borstel-Hohenraden

Stein-Streit: Wem gehört das Megalithgrab?

Auch um diese Steine geht es: Die als Grabplatten genutzten Exemplare könnten Teil einer Grabrekonstruktion werden. Andreas Schütterle hat sich zwecks Größenvergleich daneben positioniert

Auch um diese Steine geht es: Die als Grabplatten genutzten Exemplare könnten Teil einer Grabrekonstruktion werden. Andreas Schütterle hat sich zwecks Größenvergleich daneben positioniert

Foto: Elvira Nickmann / HA

Archäologen übergeben historische Fundstätte in Borstel-Hohenraden. Bürgermeister will Gespräch mit Grundstückseigentümer suchen.

Borstel-Hohenraden.  Die Mitarbeiter des Archäologischen Landesamts Schleswig-Holstein (ALSH) sind abgerückt von dem etwa ein Hektar umfassenden Ausgrabungsgebiet nahe der Autobahnabfahrt in Borstel-Hohenraden. Hinterlassen haben sie jede Menge Bodenlöcher und Hügel mit Erdaushub – und etwa zehn imposant wirkende Steine, die einmal als Teile eines steinzeitlichen Megalithgrabes dienten.

„Es gibt Großsteingräber mit Verzierungen. Dann würden wir die Steine mitnehmen, weil sie wichtig für weitere Untersuchungen wären“, erklärt Archäologe Andreas Schütterle, der Grabungsleiter vor Ort. Das ist hier aber nicht der Fall.

Die Zeitspanne der Ausgrabungen habe von vornherein festgestanden und sei mit der Gemeinde abgesprochen. „In dem sandigen Boden erhält sich organisches Material wie Leder, Kleidung und Holz leider nicht“, bedauert Schütterle. Rund zwei Monate hat er mit seinem Team in Borstel-Hohenraden auf dem Areal des zukünftigen neuen Gewerbegebiets gegraben, abgebürstet und die Funde dokumentiert.

Aufgabe des ALSH sei es, Wissen zu sichern und diejenigen Dinge nach Schleswig mitzunehmen, die weiter untersucht werden müssten oder bei Mitnahme als dasselbe erhalten blieben, was sie ursprünglich darstellten: Urnen, Töpfe, eine Eisensichel, ein Schaber für Tierhäute und auch der Dolch aus Feuerstein, der als Grabbeigabe in der Kammer des Megalithgrabes gefunden worden sei. Doch für die Steine des Grabes gelte das nicht, denn das Grab als solches sei nicht mehr erhalten. Daher erhebt das Landesamt keinen Anspruch auf die massiven Zeitzeugen.

Ist also die Gemeinde Borstel-Hohenraden Besitzer der Steine? Fast könnte man den Eindruck gewinnen, wurden doch unlängst bei den Plänen zur Gestaltung einer neuen Dorfmitte die Steine ins Spiel gebracht. Eine Rekonstruktion des Grabes als Hingucker und Anschauungsmaterial zur Heraushebung der Bedeutung des Ortes als archäologische Fundstätte, so lautete ein Vorschlag.

„Es gibt dazu noch keine Entscheidung der Gemeindevertretung“, stellt Borstel-Hohenradens Bürgermeister Jürgen Rahn auf Nachfrage des Abendblatts klar. Das Archäologische Landesamt habe jedenfalls bereits seine Unterstützung bei der Sicherstellung und einer eventuellen Rekonstruktion zugesagt. „Im Moment sehen wir das so, dass die Steine der Gemeinde zustehen“, so Rahn weiter. Aber ganz so einfach scheint die Sachlage nicht zu sein.

Der südlichen Teil des Ausgrabungsgeländes befindet sich komplett im Besitz der Gemeinde. Nach heutigem Stand entsprach die Nutzung in der Zeit der ersten beiden nachchristlichen Jahrhunderte tatsächlich dem, was hier demnächst entstehen soll: einem Gewerbegebiet. „Hier muss es furchtbar gestunken haben“, vermutet Schütterle. Der Grund: In sogenannten Rennöfen wurde aus Raseneisenerz, das aus einer nahen Fundstelle im Boden stammte, das Roheisen herausgeschmolzen und von der Schlacke getrennt. „In einer Ausheizgrube befinden sich noch Reste von Schmiedearbeiten“, so Schütterle.

Bei dem nördlichen Teil ist die Gemeinde allerdings nicht der Besitzer des ganzen Grunds. Hier liegen das Steingrab, direkt daneben die Überreste des Grabhügels aus der vorrömischen Eisenzeit des 3. oder 2. Jahrhunderts vor Christus, ein Gräberfeld mit Resten von 25 Urnen, eine davon aus nachchristlicher Zeit, Kochstelle sowie Hinweise auf Speicher und ein vermutlich als Werkhaus genutztes Gebäude.

Gerade das Areal, auf dem das Megalithgrab gefunden wurde, gehört laut Archäologe Andreas Schütterle aber dem Tangstedter Bauunternehmer Werner Dunse. Damit stellt sich die Frage, wer ein Anrecht hat auf die alten Grabplatten und Stützpfeiler, die einmal die Bestattungsstätte einer hochgestellten Persönlichkeit und die Grabbeigaben schützten.

Auch wenn die Gemeinde nicht Alleineigentümerin ist, trägt sie tatsächlich allein die Kosten für die Erschließung des neuen Gewerbegebiets inklusive der Ausgrabungskosten. Werner Dunse hat seinen Grund nicht an die Gemeinde verkauft, weil er darauf selbst bauen will. Damit spart er eine Menge Geld für die sonst fällige Grunderwerbssteuer, die beim Verkauf an die Gemeinde und beim erneuten Erwerb fällig würde. Der Bauunternehmer habe sich die Steine kürzlich angesehen, sagt Schütterle, und sein Interesse daran bekundet. Borstel-Hohenradens Bürgermeister hat er darüber allerdings noch nicht informiert. „Wichtig ist, dass der Fund für den Ort erhalten wird“, sagt Jürgen Rahn, der jetzt von sich aus das Gespräch mit Dunse suchen will.