Pinneberg
Kreis Pinneberg

Will denn niemand mehr Politiker werden?

Christian Zimmermann und Gunnar Koltzk fürchten, dass die SPD in Rellingen von der Bildfläche verschwindet

Christian Zimmermann und Gunnar Koltzk fürchten, dass die SPD in Rellingen von der Bildfläche verschwindet

Foto: Andreas Daebeler / HA

Rellingens SPD droht 2018 das Aus. Personalnot und Überalterung sind auch bei anderen Parteien im Kreis bekannte Probleme.

Kreis Pinneberg.  Gunnar Koltzk ist ein Roter im Land der Schwarzen. Der 67-Jährige führt die Fraktion der SPD in Rellingen. In einer Gemeinde, in der seit Jahrzehnten andere das Sagen haben. Rellingen ist CDU-Territorium – absolute Mehrheit der Christdemokraten inklusive. Dass das die Genossen nervt, ist kein Geheimnis. Dieser Tage wird aus politischem Frust sogar pure Existenzangst. Rellingens SPD droht wegen Personalnot das Aus. Auch anderenorts im Kreis Pinneberg macht den Parteien geringes Interesse der Menschen zu schaffen, das Nachwuchssorgen produziert. Die aktiven Mitglieder fragen sich: Will denn keiner mehr Politiker sein?

Stand jetzt werden die Rellinger Sozialdemokraten nicht genug Köpfe zusammenbekommen, um jeden der zwölf Wahlkreise zu besetzen. Gelingt das nicht, wird die SPD, deren Ortsverein 1897 aus der Taufe gehoben wurde, zur Kommunalwahl 2018 nicht antreten dürfen. Ein Gemeinderat ohne Sozialdemokraten? Das will Parteichef Christian Zimmermann verhindern. „Wir senden einen Hilferuf, müssen die Zeichen der Zeit erkennen.“

Fakt ist: Der Alltag als Politiker vor Ort ist wenig glamourös. Wer an Sitzungen teilnimmt, kann sich zwar über ein kleines Taschengeld freuen. Die Höhe der Aufwandsentschädigung liegt jedoch im Schnitt im Kreis Pinneberg bei gerade mal 25 Euro pro Teilnehmer. Zudem wandert ein Teil des Geldes in die Parteikasse. „Davon wird niemand reich, und das kann auch kein Grund sein, Politik zu machen“, sagt Herbert Hoffmann, der seit Jahrzehnten für Pinnebergs Sozialdemokraten im Einsatz ist.

Abende in trockener Luft von Sitzungsräumen. Ermüdende Diskussionen und immer wiederkehrende Tagesordnungspunkte – Hoffmann kennt das alles zur Genüge. Er ist immer noch dabei, sitzt in Pinnebergs Rat. Kämpft manchen Kampf, der aussichtslos scheint – etwa für ein Kulturzentrum in der Stadt. „Alle Parteien haben zunehmend Schwierigkeiten, Nachwuchs zu generieren“, sagt er. Dabei klaffe vor allem in der Altersgruppe von 35 bis 55 Jahren ein Loch. „Dabei wäre gerade in diesem Kreis Fachkompetenz gegeben, die in der Kommunalpolitik hilft“, so Hoffmann. Unzweifelhaft sei in den vergangenen Jahren auch in Pinneberg zunehmend eine Überalterung eingetreten. Immer mehr Politiker seien Rentner. Hoffmann will nicht länger nur quengeln, sondern handeln. Etwa indem er selbst im sozialen Netzwerk Facebook mobil macht. Hoffmann hat dort einen Auftritt für die SPD-Fraktion kreiert. Ein Feld, das bislang weitgehend unbestellt ist – andere Parteien machen sich bei Facebook rar. Internetseiten lassen es an Aktualität fehlen. „Eine Frage des Personals, irgendjemand muss sich halt kümmern“, sagt Hoffmann, dessen Partei aktuell noch 150 Mitglieder zählt. Zu Hochzeiten, in den 70er-Jahren, gab es mehr als 500 Sozialdemokraten in Pinneberg.

Hans-Jürgen Rebenther ist kein Roter. Er gilt bei der Halstenbeker CDU als kommunalpolitisches Urgestein. „Voraussichtlich werden wir jeden unserer 14 Wahlkreise für die Kommunalwahl 2018 besetzen können.“ Ein Hoffnungsschimmer, der jedoch nicht über Probleme hinwegtäuschen dürfe. „Auch wir sind überaltert“, sagt Rebenther. Die Bindung zu Wohnort und regionaler Politik gehe bei den Bürgern offenkundig zunehmend verloren.

Für Versagensängste gibt es indes wenig Grund: Menschen, die sich für Kommunalpolitik interessieren, werden betreut. „Alle Parteien bieten Schulungen an, die SPD etwa in Malente“, sagt Hoffmann. Er setzt für die Zukunft auch auf Schnuppermitgliedschaften, um Schwellen abzubauen.

Zurück zur Rellinger SPD, die aktuell nur noch 62 Mitglieder zählt. „Zwei Drittel davon sind Karteileichen“, sagt Gunnar Koltzk. Er spricht von „mindestens fünf Kandidaten, die gefunden werden müssten“, um 2018 antreten und so Sitze im Gemeinderat behalten zu können. Mit Christian Zimmermann steht Koltzk vorm Rathaus, die roten Parteibücher haben sie in der Hand. „Junge Familien sollten ihre Chance erkennen, sie können in ihrem Ort mitgestalten, etwa an der Entwicklung der Oberstufe an der Caspar-Voght-Schule mitwirken.“ Und so dafür sorgen, dass auch Rellingens SPD weiterlebt.

Mitgliederversammlung SPD Rellingen: Do 8.12.,19 Uhr, RTV-Turnerheim, Hohle Str. 14