Pinneberg
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Problem-Puff vor der Moschee kriegt jetzt eine hohe Hecke

Foto: Roland Magunia

Die Stadt Pinneberg erarbeitet Kompromiss im Streit zwischen Muslimen und Bordellbetreiber. Jetzt kommen die Gärtner.

Pinneberg.  Anika, Elly und Marusja sind noch da. Sie bieten ihre Körper an. In dem kleinen Pinneberger Bordell an der Friedenstraße, das es im Sommer zu einiger Berühmtheit brachte. Mitglieder der türkisch-islamischen Gemeinde, die regelmäßig in einer Moschee gegenüber beten, hatten sich öffentlich Luft gemacht. In dem Wohnhaus an der Friedenstraße herrsche eine Freizügigkeit, die nicht zum religiösen Geschehen im Gotteshaus passe. Der Streit zwischen den ungleichen Nachbarn kochte hoch, Bürgermeisterin Urte Steinberg kündigte an, zu vermitteln. Das hat sie nun getan. „Es wird einen Sichtschutz geben“, sagt die Rathauschefin. Eine hohe Hecke könne den gewährleisten. Anika, Elly und Marusja dürfen sich auf frisches Grün vor ihrem Fenster freuen. Nach dem Zoff um Pinnebergs Problem-Puff kommen nun die Gärtner.

Rückblick: Es ist Mitte August, als die Geschichte um das kleine Bordell in Nähe des Marktplatzes so richtig Fahrt aufnimmt. Seref Ciftci, Vorstand der türkisch-islamischen Gemeinde, berichtet dem Abendblatt von entblößten Brüsten am Fenster. Er kündigt an, gegen das Etablissement auf der anderen Straßenseite mobil machen zu wollen. Zur Not werde er in der Nachbarschaft Unterschriften sammeln, um den Puff vor der Moscheetür loszuwerden. Das Gebäude gegenüber ist auf den ersten Blick ein ganz normales zweigeschossiges Wohnhaus, das früher zu einer Autowerkstatt gehörte. Gleich mehrere Frauen bieten dort Sex gegen Bezahlung an. Der Stadt ist das bekannt. Die leichten Mädchen werben offen und mit Adresse im Internet für ihre Liebesdienste.

Frauen würden vormittags mit einer Limousine gebracht, danach herrsche reger Betrieb, berichteten die genervten Muslime. An Schäferstündchen interessierte Herren, die durch die Wohnstraße streunten, verabredeten sich offenkundig per Handy mit den Damen. Wenn Gemeindemitglieder nach dem Gebet die Moschee an der Friedenstraße verließen, stünden Gardinen im Bordell zuweilen offen. Dabei würden in dem Gotteshaus doch 170 Kinder betreut, um deren Seelenheil es gehe. Im Hamburger Rotlichtviertel möge dergleichen ja an der Tagesordnung sein. Zu einer Kleinstadt wie Pinneberg passe das nicht.

Mit dem gewaltigen Medienecho, das folgte, rechnete Ciftci damals nicht. Der Nachbarschaftsstreit schaffte es sogar in bayrische Gazetten. Der Gemeindevorstand äußert sich seitdem nicht mehr gegenüber Journalisten. Gesprochen hat er mit Bürgermeisterin Steinberg. Wie auch der Betreiber des Bordells, der überhaupt keinen Grund sieht, sein nicht gegen geltendes Recht verstoßendes Etablissement zu schließen. Rathaussprecher Stefan Krappa kennt weitere Ergebnisse der Gespräche: „Der Kompromiss sieht vor, dass im Bereich der Tür eine Art Windfang installiert wird“, sagt er. Sogar die Bauaufsicht habe dem Bordell zwischenzeitlich einen Hausbesuch abgestattet: „Es musste geklärt werden, ob eine Baugenehmigung notwendig ist, das hätte eine Verzögerung mit sich gebracht.“ Doch auf ein Genehmigungsverfahren könne verzichtet werden. Wann der Sichtschutz installiert wird? „Das soll zeitnah passieren“, antwortet Krappa. Die Kosten würden von der Bordell-Seite getragen.

Puff gegen Moschee – eine Auseinandersetzung, die sich womöglich irgendwann in Wohlgefallen auflösen könnte. Denn nach Informationen des Abendblatts wünscht sich der Gemeindevorstand ohnehin eine Luftveränderung. Gespräche mit der Stadt wurden bereits geführt. Hintergrund ist jedoch nicht die zwielichtige Nachbarschaft. Vielmehr herrscht in dem Gotteshaus an der Friedenstraße Platznot. Der Zuzug von Flüchtlingen hat dafür gesorgt, dass das Gotteshaus bei Gebeten aus allen Nähten platzt. Man wünscht sich eine größere Moschee, womöglich an einem neuen Standort.

Für Pinnebergs Problem-Puff könnte es schon kommendes Jahr eng werden. Dann soll ein neues Prostitutionsgesetz in Kraft treten. Frauen, die Sex gegen Bezahlung anbieten, müssen sich dann regelmäßig bei den Behörden melden. Zudem herrscht Kondompflicht. Das Betreiben eines Bordells ist nur noch mit Erlaubnis der Stadt zulässig, Inhaber müssen sich einer Prüfung unterziehen. Zwecks Umsetzung des Gesetzes wird die Stadt Pinneberg personell aufrüsten, wie Bürgermeisterin Steinberg bestätigt. Es werde eine zusätzliche halbe Stelle geschaffen. Derzeit geht das Ordnungsamt davon aus, dass 40 Prostituierte im Stadtgebiet ihre Dienste anbieten. Einige von ihnen empfangen in der Bahnhofstraße ihre Freier – vis-à-vis der dort beheimateten evangelischen Christuskirche.