Kreis Pinneberg

Regionale Fleischer geraten unter Druck

| Lesedauer: 3 Minuten
Thomas Pöhlsen
Jan-Peter Fülscher (l.) führte Ernst-Dieter Rossmann durch seinen Schlachtbetrieb. Der in der Region verwurzelte Unternehmer leidet unter der Großkonkurrenz

Jan-Peter Fülscher (l.) führte Ernst-Dieter Rossmann durch seinen Schlachtbetrieb. Der in der Region verwurzelte Unternehmer leidet unter der Großkonkurrenz

Foto: Thomas Pöhlsen / HA

Seestermüher Unternehmer kritisiert die zu schwachen Regelungen für Leiharbeit und Werksverträge und spricht von Wettbewerbsverzerrung.

Seestermühe.  Eine „massive Wettbewerbsverzerrung“ prangert Jan-Peter Fülscher, Geschäftsführer der Fülscher Fleisch KG in Seestermühe an. Er zahlt seinen 30 Mitarbeitern tarifliche beziehungsweise übertarifliche Löhne. Die größten Fünf der Fleischbranche, die 80 Prozent der Schweine und Rinder in Deutschland schlachteten, schafften es mit verschiedenen Tricks, nur ein Drittel seiner Lohnkosten zu zahlen. Der regionale Schlachter sieht sich von den Großen bedroht.

Diese Rechnung machte Fülscher während eines Besuchs des Bundestagsabgeordneten Ernst Dieter Rossmann (SPD) auf. Fülscher missfielen Äußerungen, wonach die Große Koalition dem Missbrauch von Leiharbeit und Werkverträgen einen Riegel vorgeschoben habe. „Vernünftig geregelt ist das immer noch nicht“, sagt er. In der EU hätten neben Deutschland nur Staaten wie Zypern und Malta noch keine ausreichende gesetzliche Regelung. Hauptproblem sind für ihn immer noch die Werkverträge mit Subunternehmen aus Rumänien und Bulgarien, die Arbeiter dieser Nationalität zu den gesetzlichen Regelungen ihres Herkunftslandes beschäftigten. Ihnen werden Billiglöhne gezahlt, so Fülscher. Und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gebe es nicht. Rossmann gab zu, dass es sich bei den neuen Regelungen der Großen Koalition wohl eher um „kleine Fortschritte“ handele.

Im September hätten die großen Schlacht-Unternehmen medienwirksam zusammen mit Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) eine Selbstverpflichtung unterschrieben, wonach die Arbeitnehmer in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse in Deutschland übergehen sollten, so Fülscher. Ihn machte hellhörig, dass dabei von 8000 Beschäftigen die Rede war. In der Branche wird jedoch von 25.000 bis 30.000 ausländischen Arbeitern in Werksverträgen ausgegangen. „Wo sind denn die anderen geblieben?“, fragt Fülscher.

Rossmann sieht Handlungsbedarf und will mit Fraktionskollegen aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, dort sind viele große Fleischbetriebe ansässig, auf eine Kontrolle der Selbstverpflichtung drängen. „Wir müssen Zähne zeigen für die Rechte der Arbeitnehmer“, sagt der Genosse.

Fülscher warnt vor „Vieh- und Fleischtourismus“

Tricksereien der Großen sieht Fülscher auch bei der Umlage, die nach dem Erneuerbare-Energie-Gesetz (EEG) gezahlt werden muss. Ausnahmen wurden bei der energieintensiven Produktion mit geringen Lohnkosten wie in der Stahlindustrie geschaffen. Große Fleischereien zahlten keine Umlage, er schon, so Fülscher. Die Großbetriebe unterliefen die Regelung mit einem Buchungstrick. Die Werkverträge werden nicht als Lohn, sondern im Bereich Kosten verbucht. „Da gibt es einen offensichtlichen Missstand“, sagt Rossmann, den er mit den EEG-Experten aus seiner Fraktion klären will.

Dieser Missbrauch ist für Fülscher mit seinem Jahresumsatz von 17 Millionen Euro ein Hauptgrund für den Strukturwandel in der Fleischindustrie. Viele Kleine hätten aufgegeben, die Großen beherrschen den Markt. Die Folge sei ein „Vieh- und Fleischtourismus“. Rinder und Schweine würden stundenlang vor der Schlachtung transportiert. Das wirkt sich auf die Qualität aus. „Schweinefleisch wird in der Pfanne hart und zäh“, sagt der Experte.

In dem Seestermüher Betrieb werden durchschnittlich 650 Schweine und 100 Rinder pro Woche geschlachtet. Beim Branchenprimus Tönnies sind es 400.000 Schweine und 8000 Rinder. Die Fülscher-Tiere kommen aus der Region. Das Fleisch wird an Restaurants sowie über Fachgeschäfte in der Region sowie direkt ab Schlachterei an der Dorfstraße verkauft.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Pinneberg