Pinneberg
Kreis Pinneberg

Immer mehr Urlauber kommen zum Camping

Eine Nacht dürfen Wohnmobile auf öffentlichen Parkplätzen stehen

Eine Nacht dürfen Wohnmobile auf öffentlichen Parkplätzen stehen

Foto: Thomas Muncke / picture alliance / Thomas Muncke

Wohnmobile sind voll im Trend. Kommunen im Kreis Pinneberg müssten das als Chance sehen, sagt ein Kenner der Tourismusbranche.

Kreis Pinneberg.  „Wir fahren mit unserem Wohnmobil seit 30 Jahren durch die Lande und halten an, wo es uns gefällt“, sagt Jürgen Graf aus Löhne bei Herfort. Und seine Frau Elke nickt zustimmend. An diesem Tag sind sie in Bönningstedt angekommen. Der Stellplatz Tante Henni ist beliebt unter motorisierten Campern. Die Grafs wollen Hamburg erkunden, die Elbe, das Alte Land. Und sie wollen einfach weiterfahren, wenn sie genug gesehen haben. „Das Bedürfnis nach mobiler, flexibler und individueller Freizeitgestaltung ist enorm gestiegen“, sagt Norbert Schadendorf, der den Platz betreibt. Etwa 1000 Gäste hat er im vergangenen Jahr dort begrüßt.

Das Wohnmobil – für immer mehr Menschen ist es die ganz große Freiheit: Immer auf Achse zu sein, weit weg vom Alltag, von Stress und Hektik. Und gleichzeitig so flexibel, wie es überhaupt nur möglich sein kann. Das könnte auch eine Chance für den Kreis Pinneberg sein, die bislang allerdings, so der Elmshorner Tourismusforscher Martin Linne, weitgehend ungenutzt geblieben ist. Und das trotz enormer Potenziale. Denn laut einer Studie von promobil vor sind allem Wohnmobil-Stellplätze in der Nähe von Flüssen, Seen, Strand und Meer gefragt.

Der Deutsche Tourismusverband sieht die Wohnmobilisten nicht nur wegen ihrer wachsenden Zahl als wichtigen Tourismusfaktor an. Auch die Tatsache, dass viele der motorisierten Urlauber in der Nebensaison unterwegs sind, bewerten Experten als positiv. Das stabilisiere die Tourismuswirtschaft. Laut dem Verband gibt es in Deutschland derzeit mehr als 3000 Stellplätze. 80 sollen es im Kreis Pinneberg sein: 20 in Wedel, 21 in Hasloh, zwölf in Quickborn, zehn in Pinneberg, fünf in Barmstedt und jeweils vier in Sestermühe, Elmshorn und Uetersen.

Mitunter ist die tatsächliche Zahl aber schwer zu ermitteln. Denn als aus geprägte Individualisten suchen Wohnmobil-Urlauber ihre Ziele oft abseits der bekannten Pfade. Sie bevorzugen statt traditionellen Campinganlagen alternative Stellplätze, etwa bei Gaststätten, Bauernhöfen, in der Nähe von Museen, Bädern und Thermen. Aber auch bei Wohnmobil-Händlern, auf öffentlichen Parkplätzen und eigens eingerichteten Wohnmobilhäfen sind sie immer wieder anzutreffen.

Die Adressen werden auf Internetportalen mit Namen wie mobilisten.de, stellplatz.info und campercontact.de zusammengetragen. Was dort stimmt, deckt sich aber nicht immer mit der – offiziellen – Realität. Beispiel Pinneberg: Während etliche Portale die Stellplatzzahl mit zehn angeben, ist in anderen von 50 die Rede. Gemeint ist hier wie dort der Großparkplatz an der Hans-Herrmann-Kath-Brücke. Und dort gibt es genau genommen null Plätze. „Um einen Stellplatz als Wohnmobilstellplatz auszuweisen, müssen bestimmte Bedingungen erfüllt sein, sagt Stefan Krappa, Sprecher der Stadtverwaltung. Dazu gehöre Stromversorgung sowie ein Wasser- und Abwasseranschluss. „Nichtsdestotrotz dürfen Camper mit ihrem Wohnmobil eine Nacht auf dem Parkplatz bleiben“, sagt Krappa. Offizielle Stellplätze zu schaffen sei in der Stadt noch nicht angegangen worden.

Die Wedeler sind da weiter. An der Badebucht in Schulau stehen 20 Plätze bereit. Ein Tagesticket kostet zehn Euro, für je einen zusätzlichen Euro gibt es acht Stunden Strom und vier Minuten Wasser.

Uetersen eifert dem Wedeler Modell nach. Die Stadtverwaltung will 18 moderne Stellplätze mit Wasser- und Stromversorgung, Solaranlagen und Grünfläche am Stichhafen schaffen. Uetersen wäre dann nach Hasloh die Kommune mit dem zweitgrößten Stellplatzangebot. Doch die Politik will noch nicht mitziehen, bezweifelt, dass es eine hohe Nachfrage geben werde, dass ein solcher „Luxusplatz“ notwendig sei. Dabei fordern Wohnmobilisten laut der promobil-Studie genau das, was Uetersens Verwaltung bieten möchte: Müllcontainer, moderne Fäkal- und Brauchwasserentsorgung sowie eine ruhige Lage am Wasser.

Auch die Umweltschützer melden Bedenken an. „Ein zunehmender Wohnmobiltourismus führt immer zu einem höheren Besucherdruck, insbesondere auf beruhigte, schützenswerte Flächen“, sagt Uwe Langrock, Vorsitzender des Nabu im Kreis Pinneberg. „Eine Vielzahl von Menschen sieht in der freien Natur leider einen stark regenerierfähigen Lebensraum“, Doch die Natur sei nicht unendlich belastbar.

„Es reichen schon wenige Menschen aus, wenn sie mit einer gewissen zügellosen Freizeitgestaltung unsere schutzwürdigen Gebiete arg strapazieren, indem sie gewisse Verordnungen bewusst übergehen“, urteilt der Naturschützer. Das Missachten gesperrter Wege, laute Musik oder Unterhaltungen und frei laufende Hunde würden ein Problem darstellen. Wichtig sei daher, dass Kommunen den Wohnmobiltourismus richtig planen. Flächen müssen klar ausgewiesen sein, Ratgeber an die Hand gegeben und gut ausgebaute Radwege abseits von Schutzzonen geschaffen werden.

Wie stark die Gemeinde der Wohnmobilfahrer wächst verdeutlichen Zahlen: 1970 gab es gerade einmal 5500 Wohnmobile, die durch Deutschland tourten. Heutzutage sind rund 450.000 Wohnmobile in Deutschland registriert.