Pinneberg
Kreis Pinneberg

Elbtörns der „Gloria“ stehen auf der Kippe

Die neue Verodnung bringt den Skipper der „Gloria“, Ulrich Grobe auf die Zinne: „Wer sich das ausgedacht hat, hat keine Ahnung von Traditionsschifffahrt“

Die neue Verodnung bringt den Skipper der „Gloria“, Ulrich Grobe auf die Zinne: „Wer sich das ausgedacht hat, hat keine Ahnung von Traditionsschifffahrt“

Foto: Katy Krause / HA

Kaum erfüllbare Auflagen des Bundesverkehrsministeriums für Traditionsschiffe wie den 120 Jahre alten Frachtsegler aus Elmshorn.

Kreis Pinneberg.  Die Vereine und Verbände der Traditionsschifffahrt sind auf der Zinne. Eine neue Sicherheitsverordnung aus dem Hause von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU), die zum 1. Januar nächsten Jahres in Kraft treten soll, macht ihnen schwer zu schaffen. „Wenn das umgesetzt wird, gibt es in Deutschland keine Traditionsschiffe mehr“, prophezeit Ulrich Grobe. „Wir würden unser ganzes maritimes Erbe auf den Müllhaufen der Geschichte werfen“, sagt der Begründer und Vorsitzende des Vereins der Freunde des Ewers „Gloria“.

Diese Freunde und Unterstützer haben seit 2002 das heute beinahe 120 Jahre alte Segelschiff, das in Elmshorn gebaut wurde und viele Jahrzehnte lang Fracht über die Unterelbe und ihre Nebenflüsse schipperte, liebevoll restauriert und wieder flott gemacht.

Heute befördert das historische Segelschiff 40- bis 50-mal im Jahr jeweils bis zu 25 Fahrgäste über die Elbe. Die Passagiere lieben es, so zu segeln, wie es früher einmal war. Weitgehend ohne elektronische Technik.

Am vergangenen Wochenende war die letzte Tour in diesem Jahr, erzählt Grobe. Er fürchtet nun, dass es auch die allerletzte Tour mit der „Gloria“ für immer gewesen sein könnte. Denn die Bestimmungen dieser Verordnung seien für sein Schiff technisch überhaupt nicht umsetzbar. Der Ewer, der gerade im benachbarten Glückstadt für die nächste Saison fit gemacht wird, dürfte dann nicht mehr auslaufen.

Neue Verordnung fordert 160 Meter lange Ankerkette

Und selbst wenn sich die aufwendigen Umbauten realisieren ließen, könnte sich der kleine Förderverein mit seinen 70 Mitgliedern die Kosten von rund 35.000 Euro plus jährliche Unterhaltungskosten von 7000 Euro für externe Sachverständige, die zum Beispiel die Funkanlagen überprüfen sollen, überhaupt nicht leisten. „Das ist alles so absurd“, ärgert sich Grobe. „Wer sich das ausgedacht hat, hat keine Ahnung von der Traditionsschifffahrt.“

So müsste er für seinen 15 Meter langen und 30 Tonnen schweren Frachtsegler laut neuer Verordnung eine 160 Meter lange Ankerkette an Bord montieren. Die jetzige mit 50 Metern Länge reiche dem Minister nicht mehr aus. „Der Bug würde sofort tiefer ins Wasser gedrückt werden“, sagt Grobe. „Und die Elbe ist gar nicht so tief.“

Bei der „Gloria“ müssten zusätzliche Schotten eingebaut werden, die Reling müsste erhöht und einen riesiger Abwassertank an Bord geführt werden, der mehrere Kubikmeter Flüssigkeit aufnehmen könnte.

„Dann wäre der Laderaum zur Hälfte voll“, sagt der Liebhaber der Traditionssegler und frühere Leiter der Industrie- und Handelskammer in Elmshorn über die aus seiner Sicht weit überzogenen Sicherheitsanforderungen, die bei voller Umsetzung das ganze Schiff lahmlegen würden.

Auch die Elektronik müsste auf dem Schiff auf den neuesten Stand gebracht und ein Funkgerät installiert werden, das mindestens sechs Stunden funken könnte. „Dabei haben wir ein Funkgerät an Bord, das mit Batterie betrieben wird.“ Zudem habe er immer ein Handy dabei. „Das tut’s eigentlich auch“, meint Grobe. Er sagt: „Die Wut unter den Traditionsseglern ist groß.“

Der Traditionsschiffer hat sich in seiner Not politischen Beistand „geangelt“ und den Elmshorner SPD-Bundestagsabgeordneten Ernst Dieter Rossmann an Bord geholt. Der zeigt Verständnis für die Sorgen der Freunde des alten Elmshorner Segelschiffes.

Im Koalitionsvertrag nach der Bundestagswahl 2013 hätten sich SPD und CDU/CSU ausdrücklich zum Erhalt der Traditionsschifffahrt bekannt. Daran dürfe nicht gerüttelt werden, betont Rossmann. Solche historischen Schiffe wie der Ewer „Gloria“ müssten Bestandsschutz genießen, und den Betreibern müsse erlaubt sein, Erlöse zu erwirtschaften, die den Erhalt der Schiffe sichern helfen, fordert der Bundestagsabgeordnete.

„Wir brauchen eine Verordnung, die nicht die Traditionsschifffahrt kaputt macht, sondern sie als Bereicherung des kulturellen Erbes versteht.“ Da sei diese „Dampfhammer-Verordnung“ aus dem Hause des CSU-Ministers nur kontraproduktiv. Allerdings habe der Bundestag auf diese Verordnung keinen Einfluss. Nur über den Bundesrat könnten die Parteien diesen Entwurf noch modifizieren, was die SPD der Küstenländer versuchen werde. „Die Traditionsschifffahrt ist ein Landeskulturgut. Da werden wir ein Auge drauf haben.“

Auch die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Museumshäfen hat sich eingeschaltet, die die noch etwa 100 historischen Fracht- und Segelschiffe, Fahrgastschiffe, Schlepper, Eisbrecher, Feuerschiffe und Lotsenversetzschiffe vertritt, die bis heute noch erhalten und fahrtauglich sind.

Die Organisation fürchtet, „dass die Traditionsschifffahrt der deutschen Kulturlandschaft verloren geht“, wenn diese strengen und bürokratischen Auflagen der ministeriellen Verordnung tatsächlich umgesetzt würden.

Grünen-Abgeordnete Valerie Wilms aus Wedel hält dagegen die Verbesserung der Sicherheit auf den alten Schiffen für notwendig. „Wir brauchen eine vernünftige Abwägung der Sicherheit an Bord für die Fahrgäste mit dem Weiterbetrieb der Traditionsschiffe“, fordert Wilms. Auch externe Gutachter müssten vorgeschrieben werden. Über ihre Berichterstatter könnten die Parteien dem Ministerium nun noch vor der Bundesratsentscheidung ihre Bedenken kundtun, sagt sie und glaubt noch an Verbesserungen der Verordnung. „Zum 1. Januar wird sie jedenfalls nicht in Kraft treten können.“ Auch der CDU-Abgeordnete Ole Schröder aus Rellingen mahnt dazu, den Einsatz historischer Schiffe mit einer zeitgemäßen Ausgestaltung der Sicherheitsvorschriften an Bord in Einklang zu bringen, „damit zum Beispiel keine Kinder in Gefahr gebracht werden.“ Es sei „im Interesse aller, insbesondere im norddeutschen, die Traditionsschifffahrt zu stärken.“