Pinneberg
Politik

Pinneberg baut im Eiltempo für Flüchtlinge

Foto: Andreas Daebeler / HA

Geringe Kosten, lange Lebensdauer, schnell fertig: Die Stadt setzt auf Holzhäuser beim Bau an der Müssentwiete. Bezug ab Oktober.

Pinneberg.  Mahnungen für Asylbewerber. Keine Wohnungen für Neubürger, die stattdessen in abgewrackten Hotels leben. Dazu Zoff um eine Großunterkunft in einem ehemaligen DRK-Altenheim. Nein, Pinneberg und Flüchtlinge – das schien nicht zu passen.

Jetzt gibt es endlich mal ein gute Nachricht aus der Kreisstadt. Nach schier endlosen Diskussionen um Standorte und Finanzen kann in wenigen Tagen die erste Gemeinschaftsunterkunft eröffnet werden. Binnen weniger Monate haben Fachfirmen auf dem Parkplatz einer Sportanlage an der Müssentwiete ein komplettes Wohnhaus hochgezogen – und zwar in Holzbauweise. Ab Oktober finden in dem Neubau 38 Flüchtlinge eine neue Heimat. Der vorgegebene Kostenrahmen wird eingehalten.

Das Abendblatt darf mit dem verantwortlichen städtischen Architekten Thomas Leichert vorab einen Blick ins Haus werfen. Denn mit diesem Bau betritt Pinneberg Neuland. Für einen vergleichsweise geringen Preis von 1,05 Millionen Euro hat ein Generalunternehmer das Gebäude hochgezogen. Fürs Geld gibt es einen auch in puncto Energiesparen vollwertigen Komplex, der auf einem Betonsockel sitzt, um Durchfeuchtung zu verhindern. Als Bodenbelag hat Leichert aus Sicherheitsgründen Kautschuk gewählt, denn der ist nicht brennbar.

Der Holzrahmen wird bei derartigen Bauten bereits fix und fertig angeliefert, nur die Innenwände werden noch eingesetzt. Die Decken bestehen aus 20 Zentimeter dickem Sperrholz. „Das Gebäude hat eine Lebensdauer von 100 Jahren“, so Leichert, der sichtlich stolz auf das vom in Großenaspe beheimateten Unternehmen Bauwerft hochgezogenen Holzhaus ist. Somit könne die Unterkunft auch nach einem Abflauen der Flüchtlingskrise weiter genutzt werden. Dann sollen darin Obdachlose eine Heimat finden.

Insgesamt 500 Quadratmeter Nutzfläche werden an der Müssentwiete, kurz vor der Grenze zur Gemeinde Prisdorf, zur Verfügung stehen. Diese teilen sich auf 18 Wohnzimmer à 18 Quadratmeter, zwei Gemeinschaftsküchen sowie mehrere moderne Sanitärräume auf. Für Wärme sorgt einen Gastherme, zudem setzt man auf Solartechnik. Die Stadt Pinneberg hatte sich nach vielen Diskussionen über Standort und Art von Neubauten zwecks Unterbringung von Asylbewerbern letztlich für die Holzbauweise entschieden. Benötigt wird das Haus laut Petra Jelinek vom Ordnungsamt in Pinneberg trotz weniger in der Stadt ankommender Asylbewerber dringend: „Derzeit müssen wir immer noch 150 Menschen in Hotels und Gasthöfen unterbringen.“

Der Bau einer Sammelunterkunft war von Politikern immer wieder gefordert worden. Die Haushaltskrise hatte das Projekt behindert. Mit Eröffnung des Hauses beginnt an der Müssentwiete, die weitab vom Schuss liegt, die eigentliche Arbeit von Flüchtlingskoordinatorin Pia Kohbrok. Sie will dazu beitragen, dass in Pinnebergs Norden keine Parallelgesellschaft entsteht. „Wir wollen unbedingt verhindern, dass es zu einer Ghettoisierung kommt.“ Zwar werde es für die Asylbewerber keine fes­te Betreuung vor Ort geben. „Aber Helfer vom Diakonieverein Migration kommen ins Haus, um zu helfen und zu beraten“, sagt Kohbrok. An der Prisdorfer Straße gebe es einen Bus, zudem sei es Ziel, die Flüchtlinge mit Fahrrädern auszustatten. „Die meisten von ihnen haben bereits eines.“ Gut so, denn Angebote für Flüchtlinge konzentrieren sich in Pinneberg auf die einige Kilometer entfernte Innenstadt.

Tag der offenen Tür im Oktober geplant

Auch das Thema Sicherheit beschäftigt die Planer seit Monaten. Mit benachbarten Sportvereinen und Anwohnern – es sind an der Müssentwiete nicht viele – werden Gespräche geführt, um Ängste abzubauen. So ist vorgesehen, dass das Umfeld der Unterkunft vernünftig beleuchtet wird. Kohbrok: „Natürlich birgt ein solches Projekt Konfliktpotenzial, aber wir begegnen dem mit Transparenz, sind immer ansprechbar.“

Die Stadt Pinneberg verzichtet zunächst völlig darauf, Frauen in dem Gebäude unterzubringen. Erstmal werden 34 alleinstehende Männer einziehen. Das hat laut Jelinek einen einfachen Grund – es kommen erheblich mehr männliche Asylbewerber. „Vereinzelte Frauen oder Familien dazwischen wollen wir nicht“, sagt Kohbrok.

Deren Schicksal liegt der Pinneberger Gleichstellungsbeauftragten Deborah Azzab-Robinson besonders am Herzen. Sie hofft, dass sich Eigentümer bei der Stadt melden, die bereit sind, bezahlbaren Wohnraum an geflüchtete Frauen zu vermieten. „Auf dem freien Markt finden sie kaum etwas, sitzen dann häufig in Frauenhäusern fest, dabei wären sie sehr friedliche Mieterinnen“, so Azzab-Robinson. „Wir sollten diesen Menschen eine Chance geben.“ Zumal die Miete in der Regel von den Behörden überwiesen werde. Scherereien hätten Vermieter nicht zu befürchten.

Voraussichtlich Anfang Oktober wird es an der Müssentwiete einen Tag der offenen Tür geben. Dann können sich alle Pinneberger einen Eindruck verschaffen. Wenn die Asylbewerber einziehen, erhalten sie eine Grundausstattung, ein Bett, einen Schrank sowie Geschirr. Extras wie einen Fernseher müssen sich die Flüchtlinge selbst besorgen.