Rellingen

Mit 66 Jahren als Au-pair auf die Seychellen

Granny-Au-pair Angelika Kowalla auf dem Balkon ihrer Wohnung in Rellingen

Granny-Au-pair Angelika Kowalla auf dem Balkon ihrer Wohnung in Rellingen

Foto: Elvira Nickmann / HA

Abenteuerlust bringt die zweifache Großmutter Angelika Kowalla aus Rellingen und einen kleinen Jungen auf der Insel La Digue zusammen.

Rellingen.  Eigentlich würde Angelika Kowalla sich gerne mal „aufs Sofa legen“, aber dafür hat sie keine Zeit. Gerade erst vom Einhüten im Haushalt ihrer Tochter zurückgekehrt, bereitet sich die 66-jährige zweifache Großmutter an diesem Tag schon wieder auf die nächste Reise vor. Diese gilt dem einjährigen Nick, dessen Eltern sie als Granny-Au-pair, eine Art Leihoma, engagiert haben. Eine Idee, die sich sowohl bei Familien als auch bei Au-pairs im besten Alter zunehmender Beliebtheit erfreut.

Nick lebt auf den Seychellen. Dass er ausgerechnet ein deutsches Au-pair bekommt, liegt an der Herkunft seines Opas. Der deutsche Tauchlehrer hatte sich auf der Seychellen-Insel La Digue niedergelassen und dort eine Familie gegründet. Nicks Oma und seine Eltern möchten, dass der Einjährige die Sprache seines inzwischen verstorbenen Großvaters besser kennenlernt. Da Vater und Oma sich um die familieneigene Ferienanlage kümmern und die Mutter für ein Jahr zur Ausbildung in Irland weilt, wird sich Angelika Kowalla für acht Monate rund um die Uhr um den Kleinen kümmern. So weit die Planung.

Im Gepäck hat sie ein Fahrrad und Kosmetikartikel

Denn noch ist es beim Treffen mit dem Abendblatt nicht so weit. Für die Rellingerin steht neben dem Interview Packen auf dem Plan, 30 Kilogramm darf sie mit ins Flugzeug nehmen. Ganz wichtig ist ihr Laptop zum Kontakthalten mit der Familie. Wenigstens die benötigte Kleidung fällt kaum ins Gewicht, denn zwischen September und April liegen die Durchschnittstemperaturen zwischen 26 und 28 Grad, die Höchsttemperaturen knacken die 30-Grad-Marke. „Schnorchelsachen und Flossen müssen mit“, sagt Angelika Kowalla, und ihre drei Badeanzüge. Der Transport ihres Fahrrads kostet extra, aber sie wird ihre Spezialanfertigung brauchen auf einer Insel, auf der als Transportmittel nur Ochsenkarren und Fahrräder gebräuchlich sind. „Außerdem muss ich alle Kosmetikartikel einpacken“, bedauert sie. Mit Zahnpasta, Duschgel und Medikamenten könne sie zwar fast schon einen kompletten Koffer füllen, aber den Tipp, die Sachen besser mitzunehmen, habe sie von der deutschen Kontaktperson bekommen.

Erst seit sechs Wochen weiß die Granny, dass sie auf den Seychellen tätig sein wird. „Ich freue mich so darauf, das glauben Sie nicht“, sagt sie mit einem Strahlen in den Augen. Obwohl das Angebot so kurzfristig erfolgt sei, habe sie keine Minute überlegt. Impfungen oder Malariaprophylaxe seien für die Seychellen nicht nötig. Zudem kenne sie Klima und Umgebung von einem früheren Urlaub. „Die Mentalität der Leute ist gelassen und mediterran angehaucht“, weiß sie.

Mittlerweile ist Angelika Kowalla auf den Seychellen eingetroffen – nach elf Stunden Flug via Dubai auf die Hauptinsel der Seychellen, Mahé. Direkt im Anschluss ging es auf eine zweistündige Schiffsfahrt, die sie zu ihrem Ziel La Digue brachte, der „schönsten“ von 115 Inseln der Gruppe. Ein eigenes Zimmer und Bad erwarteten sie im Haus der Gastgeber. Mit diesen hatte Angelika Kowalla bis dato noch nie gesprochen, nur ein paar Fotos erhalten: Sie zeigen Nick, seine Mutter, seine Oma, Verwandte. Trotzdem ist sie sich sicher, dass sie sich gut zurechtfinden wird in der fremden Familie. „Man muss Mut, Selbstbewusstsein, Weltoffenheit und Abenteuerlust mitbringen und mit Kindern können“, nennt sie als Voraussetzung für den Job. Erste Erfahrungen dieser Art sammelte sie in England. Dort war sie für drei Monate bei einer Familie, um ihr Englisch zu verbessern. Das wiederum kann ihr auf La Digue weiterhelfen, da hier drei Sprachen gesprochen werden: Englisch, Französisch und Seychellenkreol.

Für Zugriff auf Au-pair-Stellen wird eine Gebühr fällig

Der Kontakt zu der Familie kam über eine Vermittlungsagentur zustande, von denen es mittlerweile einige gibt, die sich auf reiselustige Frauen im zweiten Lebensabschnitt spezialisiert haben. Interessierte Au-pair-Anwärterinnen bekommen je nach Höhe der zu zahlenden Gebühr für eine bestimmte Zeit Zugang zu Angeboten, auf die sie sich bewerben können. Gefällt einer Familie ihre Bewerbung, kann diese den ersten Kontakt aufnehmen - umgekehrt funktioniert das allerdings nur, wenn die Familie diese Möglichkeit auch zulässt.

Haben sich zwei Parteien gefunden, ist alles Weitere bis auf freie Kost und Logis Verhandlungssache. Aufgaben, Taschengeld, Übernahme der Kosten für die Reise und die Zusatzkrankenversicherung im Ausland, nichts ist vorher festgelegt. Angelika Kowalla beispielsweise hat keine extra Auslandskrankenversicherung abgeschlossen, diese sei für die lange Zeit schlichtweg zu teuer gewesen.

„Ich gehe damit ein gewisses Risiko ein“, war sie sich vor ihrem Abflug bewusst. Doch daran wollte die 66-Jährige momentan keinen Gedanken verschwenden. Mulmig wird ihr nur, wenn sie an Weihnachten denkt, „da war ich noch nie weg“, sagt sie. Ihre Familie wird ihr fehlen, vor allem die beiden Enkeltöchter. Als sie ihnen und ihrer Tochter von den Reiseplänen berichtet habe, seien diese vollkommen entgeistert gewesen, berichtet sie.

Was für Angelika Kowalla die Verwirklichung eines Traums bedeutet, stellt sich für Außenstehende durchaus als eine Reise ins Ungewisse dar. Was, wenn bei diesem Wagnis vor Ort alles schiefgeht? „Granny-Au-pair ist ein Abenteuer!“, wirbt ein Vermittler auf einer Website. So könnten sich auch Frauen mit kleinem Budget eine Fernreise leisten. Und einen Tipp hat der Anbieter sogar noch gratis: „Machen Sie sich in den Wintermonaten als Granny auf die Reise! Dann sparen Sie die Heizkosten zu Hause.“