Pinneberg
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Sturz im Bus: 86-Jährige klagt Fahrer an

Anne-Marie Ackermann hat schwere Blessuren davongetragen, Tochter Christiane Witt klagt den Busfahrer an

Anne-Marie Ackermann hat schwere Blessuren davongetragen, Tochter Christiane Witt klagt den Busfahrer an

Foto: Andreas Daebeler / HA

Pinnebergerin verletzt sich schwer. Busfahrer soll Hilfe unterlassen haben. VHH bestätigen Unfall, weisen den Vorwurf aber zurück.

Pinneberg.  Den Morgen des 17. August wird Anne-Marie Ackermann so schnell nicht vergessen. Jeder Blick in den Spiegel führt ihr das Geschehen wieder vor Augen. Das rechte Auge ist blutunterlaufen, das Kinn schimmert lila. Es ist 9.35 Uhr, als die 86-Jährige am Mittelkamp in Pinneberg einen Bus der Linie 594 besteigt. Sie will nach Wedel, hat dort einen Arzttermin. Kurz darauf liegt sie auf dem Boden des Mittelgangs. Gestürzt, womöglich deshalb, weil der Fahrer plötzlich angefahren ist. Genau weiß sie das nicht mehr. Die Erinnerung an den Sturz ist der Seniorin abhandengekommen. Was sie noch weiß: dass hilfsbereite Fahrgäste sich nach dem Unfall um sie kümmerten. Der Busfahrer nicht, sagt sie. Der habe weder nach ihrem Befinden gefragt noch angeboten, einen Arzt zu rufen.

Anne-Marie Ackermann trägt schwere Gesichtsverletzungen, Prellungen am Arm und Schürfwunden am Bein davon. Ihre Hausärztin, bei der sie später am Tag sitzt, weist sie sofort ins Krankenhaus ein, wo sie die Nacht über bleiben muss. Tochter Christiane Witt klagt jetzt die verantwortlichen Verkehrsbetriebe VHH an.

Eine Woche nach dem Sturz im Bus sitzt Anne-Marie Ackermann in ihrem Wohnzimmer im ersten Stock ihres Hauses am Thesdorfer Weg. Die engen Stufen steigt die 86-Jährige mehrmals täglich – und zwar problemlos. Von einer Gehbehinderung kann keine Rede sein. Das haben Ärzte inzwischen bestätigt. Zwar besitzt die Rentnerin einen Rollator. „Allerdings nur wegen des diagnostizierten Asthmas“, wie Tochter Christiane betont. Auch von neurologischen Erkrankungen sei bei ihrer rüstigen Mutter nichts bekannt. „Ich stürze nicht einfach so ohne Grund“, bestätigt Ackermann.

Die 86-Jährige geht davon aus, dass eine abrupte Fahrbewegung Grund für ihren Unfall war. Das schließe sie auch aus dem Geschehen nach dem Sturz, an das sie sich erinnert. Fahrgäste, die ihr zur Hilfe geeilt seien, hätten auf den Busfahrer eingeschimpft. Der sei weiter in Richtung Wedel gefahren, habe nicht angeboten, einen Rettungswagen kommen zu lassen.

Die Verletzungen, die Anne-Marie Ackermann am Morgen des 17. August erleidet, sind erheblich. Noch eine Woche nach dem Sturz ist die rechte Gesichtshälfte grün und blau. Die Rentnerin kann ohnehin nur auf einem Auge sehen. Weil das andere zuschwillt, wird es für einige Tage komplett dunkel um sie. Das Jochbein ist geprellt. Zunächst befürchten die Ärzte im Pinneberger Klinikum, dass sich im Kopf ein Blutgerinsel bildet. Die Gefahr eines Schlaganfalls besteht. Nach einer Tomografie darf jedoch aufgeatmet werden.

Dass sich die alte Dame solch schwere Verletzungen zugezogen hat, sei vor Ort offensichtlich weder für den Busfahrer noch für die anderen Fahrgästen ersichtlich gewesen. Das jedenfalls meint VHH-Sprecher Martin Beckmann, der den Vorfall in der Linie 594 grundsätzlich bestätigt. „Es tut uns leid, dass der alten Dame das passiert ist. Wir wünschten, wir könnten solche Ereignisse vollkommen ausschließen.“ Allerdings stelle sich die Situation aus Sicht der Verkehrsbetriebe in Teilen anders dar als von der verunglückten Frau geschildert.

Fahrer will Leitstelle gerufen und Hilfe angeboten haben

So habe der aus Quickborn stammende Busfahrer angehalten, nachdem die Frau beim Anfahren im vorderen Teil des Busses gestürzt sei. Er habe die Leitstelle informiert und sei auch erst weitergefahren, als klar gewesen sei, dass sich Fahrgäste um die Frau kümmerten. Der Busfahrer habe zudem nach eigenen Angaben mehrmals gefragt, ob er einen Rettungswagen rufen solle. Dies habe die alte Dame allerdings verneint.

Dass diese vermutlich unter Schock stand und vielleicht auch deshalb den Einsatz eines Rettungswagens ablehnte, zog der Fahrer offensichtlich nicht in Erwägung. „Vielleicht wäre es besser gewesen, den RTW einfach zu rufen“, sagt auch Beckmann. Grundsätzlich habe der Fahrer aber richtig gehandelt, indem er die Leitstelle informiert und Hilfe angeboten habe. Bei dem Fahrer handele es sich um einen erfahrenen Mitarbeiter, der bereits seit sieben Jahren bei den VHH beschäftigt und davor etliche Jahre für ein Tochterunternehmen gefahren sei. In der Vergangenheit sei er stets durch besonnenes Handeln in schwierigen Situationen aufgefallen.

Die Tochter der 86-Jährigen will sich damit allerdings nicht zufriedengeben. Wie Beckmann bestätigt, ist sie an die VHH mit einer Schadensmeldung herangetreten. Die VHH würden den Fall nun an ihre Versicherung geben, deren Sachverständige sich das Geschehen noch einmal genau vornehmen.

Ob und wie viel Schadenersatz die alte Frau erhalten wird, dürfte vor allem von den Aussagen zweier Zeugen abhängen, die sich offenkundig beim Kundenservice der VHH gemeldet haben. Auch die Tochter der alten Dame hatte über die sozialen Medien Zeugen aufgerufen, sich zu melden. Laut VHH-Sprecher Beckmann soll der Tenor der bislang vorliegenden Aussagen sein, dass der Fahrer den Sturz nicht durch besonders schnelles Anfahren oder abruptes Lenken verursacht habe.

Licht ins Dunkel könnten zudem Videoaufnahmen aus dem Bus bringen, die allerdings laut VHH noch nicht ausgewertet sind. Unabhängig von der Schadenersatzforderung möchte Beckmann das Gespräch mit der alten Dame suchen. Wenn auch sie dies wolle, so der VHH-Sprecher, würde er sie gern besuchen und einen Blumenstrauß vorbeibringen. Außerdem könne er anbieten, mit ihr zu üben, wie man sich am sichersten in einem Stadtbus verhält. Dafür verfügten die VHH über ein spezielles Senioren-Beratungsteam.

Donnerstagmorgen, acht Tage nach dem Sturz, besteigt Anne-Marie Ackermann wieder einen Bus. „Der Fahrer ist aufgestanden, hat mir einen Platz besorgt“, sagt die 86-Jährige. „Das habe ich noch auch noch nie erlebt.“

Zeugen des Vorfalls können sich bei der Redaktion (Telefon 04101/510-100) melden