Pinneberg
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Spendenwerber belagern die Innenstädte

Dialoger im vollen Einsatz in Pinnebergs Fußgängerzone

Dialoger im vollen Einsatz in Pinnebergs Fußgängerzone

Foto: Alexander Sulanke / HA

Fast kein Tag vergeht, an dem Passanten nicht angesprochen werden. Es geht um Spenden für NGOs. Oft steckt dieselbe Firma dahinter.

Pinneberg.  „Du bist selbstbewusst und kommunikativ. Du bist ein Teamplayer, tolerant und empathisch. Du hast Spaß im Umgang mit Menschen.“ Und, ganz wichtig: „Du begeisterst dich für die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen.“

In dieser Beschreibung einer Jobagentur findet sich Simon offenbar wieder. Nun steht er auf dem Lindenplatz in Pinneberg, seine Augen fokussieren ein Paar mittleren Alters, dann geht er auf beide zu, bleibt vor ihnen stehen, die Zeigefinger auf den Boden gerichtet, ganz so, als wolle er sie zum Anhalten bewegen. Und gerade so weit entfernt, um ihnen nicht den Weg zu verstellen. Einer seiner Kollegen hoppelt unterdessen häschengleich über den Platz, hält vor einem anderen Passanten den Zeigefinger in die Höh’ und ruft: „Einmal kurz angehalten bitte, der Herr Geheimagent!“ Sie sind heute zu viert. Und sie wollen Geld. Spenden, Mitgliedschaften, Patenschaften.

Alltag in Pinneberg. Und nicht nur dort. „Wir haben das Gefühl, dass die Stadt voll ist mit jungen Leuten, die alles retten wollen“, sagt Elmshorns Bürgermeister Volker Hatje. Vivien Rehder, Sprecherin der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein, spricht von „Dauerbelagerungszustand“.

Simon mit seiner dunkelroten Rastazopf-Frisur sieht aus wie der Entwicklungshelfer aus dem Bilderbuch. Tatsächlich arbeitet er in der Entwicklungshilfe, wenn auch nur indirekt, eben als Geldranschaffer. Wen er mit Charme oder mit Witz an den Infostand lotsen kann, dem bringt er die Leistungen einer Hilfsorganisation nahe. In diesem Fall ist es die christliche Entwicklungshilfeorganisation World Vision, die kürzlich wegen eines Mitarbeiters aus dem Gaza-Streifen in die Schlagzeilen geriet, der Spenden an die Hamas weitergeleitet haben soll.

In Pinneberg, man duzt sich längst, nennt Simon Preise. Für eine Kinderpatenschaft etwa schlägt er 360 Euro im Jahr vor – „das ist ein Euro pro Tag“ – für ein Basisprogramm, von dem Schwangere in Entwicklungsländern profitieren, 108 Euro.

World Vision oder eine andere Organisation – für viele Menschen in den Städten im Kreis Pinneberg spielt das keine Rolle. Sie sind einfach nur noch genervt davon, dauernd angesprochen zu werden, selbst wenn es legal und für die gute Sache ist. Denn mittlerweile vergeht kaum ein Tag, an dem keine Werber da sind. Offiziell heißen sie Dialoger oder Face-to-face-Fundraiser.

Stefan Krappa, Sprecher im Pinneberger Rathaus, sagt, dass in der Kreisstadt im vergangenen Jahr 31 Genehmigungen erteilt worden seien, dieses Jahr schon 25. Viele gelten für mehrere Tage. In Elmshorn sind es nach den Worten der Sachgebietsleiterin für Flächenmanagement, Christina Schötzow, 40 bis 50 pro Jahr, darunter fielen allerdings auch Stände örtlicher Parteien. Und Wedels Ordnungsamtschef Jürgen Brix spricht von etwa 20 Genehmigungen jährlich.

Für ihre Auftritte müssen als gemeinnützig anerkannte Organisationen wie World Vision in allen drei Städten keine Standgebühren bezahlen. Ob hinter einem Antrag die jeweilige Organisation selbst steht, spiele übrigens keine Rolle, sagt Krappa. Oft tut sie es nicht.

Auch Simon steht nicht bei World Vision selbst auf der Lohnliste. Die Berliner Firma Dialog Direct ist Auftragnehmer, ein Pionier unter den Fundraising-Agenturen mit heute nach eigenen Angaben rund 1000 Dialogern. Viele sind Studenten.

Die werden oft von Friends angeworben, einer Art Personalvermittlung im selben Haus. Wer dort anheuert, bekommt 68 Euro pro Tag, für erfolgreiche Vertragsabschlüsse gibt’s Boni. „Im Durchschnitt verdienen Dialoger somit zwischen 80 und 120 Euro pro Tag, die besten auch deutlich mehr“, heißt es auf der Friends-Homepage. Weil Dialog Direct auch für Amnesty International, die Uno-Flüchtlingshilfe, den BUND und viele mehr arbeitet, ist es unterm Strich oft dieselbe Firma, die in den Städten des Kreises aktiv ist.

Simon und Kollegen machen unterdessen Liegestütz. Andere Dialoger legen auch mal ein Tänzchen aufs Pflaster der Fußgängerzone. Oder laufen mit ausgebreiteten Armen im Kreis, als seien sie Vögel. Benjamin Spiekermann, Kampagnenleiter bei Dialog Direct, sagt: „So geben sie sich Energie. Sie müssen sehr frustrationstolerant sein, brauchen Nerven wie Draht.“ Denn mancher Passant in der Fußgängerzone sei „nicht der Netteste“.

Vivien Rehder von der Verbraucherzentrale mahnt unterdessen: „Nicht drängen lassen, keine Willensbekundung abgeben, weder mündlich noch schriftlich.“ Stattdessen nach Infomaterial zum Mitnehmen fragen.