Pinneberg
Kreis Pinneberg

Finale für einen grandiosen Klassiksommer

Es gibt noch Karten für das Konzert in Rellingen, bei dem das Wiener Ensemble dolce risonanza

Es gibt noch Karten für das Konzert in Rellingen, bei dem das Wiener Ensemble dolce risonanza

Foto: Martin Rainer / HA

Schleswig-Holstein Musik Festival: Fast alle Konzerte im Kreis waren ausverkauft. Es gibt noch Karten für Rellingen und Haseldorf.

Kreis Pinneberg.  Klassik ist gefragt im Kreis Pinneberg. Jedenfalls, wenn sie so hochkarätig besetzt daherkommt wie beim allsommerlichen Schleswig-Holstein Musik Festival. Fast alle der bislang zwölf Konzerte dieser Saison im Klassikdreieck Elbe-Pinnau-Krückau waren nach Angaben von Festivalsprecherin Bettina Brinker ausverkauft. Für die drei Finalveranstaltungen in Haseldorf (18. und 23. August) und Rellingen (19. August) gebe es – Stand Dienstag – aber noch Karten.

Das ist schön für den kurzentschlossenen Musikfreund. Doch für den Festivalbeirat am erfolgsverwöhnten Standort Rellingen ist es eine faustdicke Überraschung, dass das Konzert „Der besondere Haydn“ mit der weltweit gefragten Sopranistin Christiane Oelze und den Spezialisten für historische Klangtraditionen des Wiener Ensembles dolce risonanza sich eher schleppend verkauft.

Dabei sind die annähernd 600 Karten für den achteckigen Klangtempel bei den SHMF-Gastspielen üblicherweise im Nu vergriffen. Denn die feine Akustik bietet insbesondere kammermusikalischen Besetzungen einen edlen Rahmen und lockt deshalb die Stars der Szene und ihre andächtigen Fans zuverlässig an die Rellau. So auch 2016: Umjubelter Schubert-Auftakt mit dem diesjährigen Festival-Guru András Schiff, faszinierende Klangreise mit dem Trio Mosnier-Altstaedt-Angelich Ende Juli – alles bis zum letzten Platz besetzt, das Hörervolk frenetisch.

Nur das Oelze-Gastspiel schwächelt. Dabei verspricht das Programm echte Klangperlen. Organist Anton Holzapfel und dolce risonanza widmen sich dem Schaffen des Komponisten, bevor er in adelige Dienste trat und sich als freischaffender Musiker und Organist sein Brot deutlich mühsamer verdienen musste. Oelze steuert mit Haydns Solokantate „Arianna a Naxos“ einen schwer widerstehlichen Ohrschmeichler bei.

So wird es ausgerechnet zum großen Festivalfinale für die ehrenamtlichen Helfer um Rellingens Beiratschefin und Grande Dame der Kultur, Marianne Stock, nochmal richtig anstrengend. Das liegt vor allem am ungewöhnlich üppigen Probenwunsch der Klangperfektionisten aus Wien. Erst Anfang der Woche erfuhr Stock zu ihrer Überraschung, dass das Ensemble nebst einer historischen, akklimatisierungsbedürftigen Orgel bereits am heutigen Mittwoch anreist, um an zwei Tagen jeweils sechs bis sieben Stunden lang im barocken Gotteshaus an den Details seiner Harmonien zu feilen. Den meisten Klassikprofis genügt zum Proben der Nachmittag vor dem Konzert. So plante Stock in aller Eile neu.

Während die Ehrenamtlichen in Rellingen und Haseldorf also noch wirbeln, können die Organisatoren an den anderen drei Spielorten – Elmshorn, Schenefeld und Wedel – bereits Festivalbilanz ziehen. 440 Zuhörer rockten mit den Schlagzeugern von Elbtonal das ausverkaufte Forum Schenefeld. „Ein toller Abend“, sagt Bürgermeisterin und Mit-Organisatorin Christiane Küchenhof. Diese Musik habe gut ins Forum gepasst, und das Publikum habe auch das besondere Beiprogramm mit rotem Teppich und Kleinkünstlern gut angenommen. Die Chancen, dass Schenefeld sich auch 2017 wieder um ein Konzert bewerbe, stünden gut, sagte Küchenhof. Musikalisch eher durchwachsen, aber von der Stimmung her ebenfalls ein Erfolg war das einzige Wedeler Konzert. London Brass gastierte im ausverkauften (Boots-)Schuppen 1 direkt am Elbufer.

Positiv fällt die Bilanz auch an der Krückau aus. Stars wie der Ausnahme-Oboist Albrecht Mayer versetzten die insgesamt mehr als 2600 Zuhörer bei den drei Konzerten in der Reithalle des Holsteiner Zuchtverbands in andächtige Verzückung. Wobei die frechen Klassikexperimente der Wiener Blas-Anarchisten von Mnozil Brass zum Auftakt das Publikum durchaus polarisierten.

Die Rundum-Versorgung von 85 Künstlern inklusive Einrichtung getrennter Garderoben für Damen, Herren und Solisten bereitete den Beirats-Routiniers keine Probleme. Eher schon die Bereitstellung der Stühle. 850 bis 930 Sitzgelegenheiten pro Konzert mussten sie heranschaffen. „Diese Stühle haben wir mühsam aus acht Schulen zusammengeklaubt“, sagt Rita Schliemann, Leiterin des Elmshorner Kulturamts und Vizechefin des ehrenamtlichen Festivalbeirats. Denn die in diesem Jahr besonders späten Schulentlassungsfeiern überschnitten sich mit dem Beginn des Festivals.

Welcher Komponist 2017 im Fokus stehen wird, das wollen die SHMF-Gewaltigen erst Ende August verraten. Auch wer András Schiff als Star-Musiker nachfolgen wird, bleibt noch ihr Geheimnis.

Aber noch ist das SHMF 2016 ja nicht ganz zu Ende. Am Donnerstag, 18. August, spielen The Philharmonics ihr ganz eigenes Haydn-Programm in Haseldorf. Ebenfalls im dortigen ehemaligen Rinderstall präsentiert der junge französische Pianist David Fray am Dienstag, 23. August, Werke von Haydn, Brahms und Schumann. Und wer Christiane Oelze live erleben möchte, der hat dazu am Freitag, 19. August, in der Rellinger Kirche Gelegenheit. Alle Konzerte beginnen um 20 Uhr.