Pinneberg
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Bordell in Moschee-Nähe: Zuspruch für Muslime

Foto: Andreas Daebeler / HA

Vertreter anderer Glaubensrichtungen äußern ihr Verständnis für die Proteste der türkisch-islamischen Gemeinde gegen das Laufhaus.

Pinneberg.  Auf der einen Straßenseite wird gebetet, gegenüber gibt’s Sex gegen Bezahlung – in Pinnebergs Friedenstraße ist das Alltag. Vis-à-vis der einzigen Moschee im Stadtgebiet bieten Prostituierte ihre Dienste an. Nachdem das Abendblatt über Proteste der türkisch-islamische Gemeinde berichtet hatte , erreichten die Redaktion in den vergangenen Tagen etliche Zuschriften. Auch in den sozialen Netzwerken wird munter diskutiert, zuweilen mit zweifelhaftem Zungenschlag. Vertreter anderer in Pinneberg beheimateter Glaubensrichtungen äußern derweil Verständnis für den Moscheevorstand.

So der Pinneberger Pastor Karl-Uwe Reichenbächer, der Prostitution gegenüber einer Moschee am Montag als „geschmacklos“ bezeichnete. Propst Thomas Drope, Oberhaupt des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises, nennt die Proteste des muslimischen Gemeindevorstands nachvollziehbar. Grundsätzlich müsse man damit leben, dass es in unserer Gesellschaft Prostitution gebe. „Wenn so etwas in der Nachbarschaft vorkommt, kann das schon sehr nerven.“ Das gelte auch für kirchliche Einrichtungen, etwa Kindertagesstätten. Er selbst habe einen vergleichbaren Fall allerdings noch nicht erlebt.

Dabei hat das horizontale Gewerbe auch im Umfeld der Pinneberger Christuskirche einen Platz. Mehrere Prostituierte bieten in der Bahnhofstraße, nicht weit von Gotteshaus, Gemeindezentrum und Diakonie, ihre Dienste an. Drope zeigt sich überrascht: „Davon haben wir noch nichts gemerkt.“,

Mit Wolfgang Seibert äußerte sich am Montag auch der Vorstand der jüdischen Gemeinde in der Stadt Pinneberg zu dem Nachbarschaftsstreit an der Friedenstraße. Ihn persönlich würde horizontales Gewerbe vor der Tür seines Gemeindezentrums nicht besonders stören. „Aber wenn in einem solchen Fall Unruhe unter unseren Mitgliedern aufkäme, wäre auch ich gezwungen zu handeln.“ Es sei zudem zu bedenken, dass Muslime nach sehr strengen Sitten lebten. „Frauen, die nackte Haut zeigen, sind ein Problem“, so Seibert. Seref Ciftci, einer der Gemeindevorsteher, hatte von freizügigen Damen berichtet, die ihre Freier am Tag begrüßten und verabschiedeten. „Ich habe Verständnis, wenn das Unruhe in der muslimischen Gemeinde auslöst“, so Seibert.

Ein vergleichbarer Fall hatte vor vielen Jahren im nicht weit entfernten Henstedt-Ulzburg für Schlagzeilen gesorgt. Dort war es allerdings keine muslimische Gemeinde gewesen, die gegen ein Freudenhaus in der Nachbarschaft mobil machte – sondern eine christliche. Im Schatten des Turms der Kreuzkirche hatte ein Bordell eröffnet. Bürgermeister und verantwortlicher Pastor kämpften gemeinsam gegen das Etablissement. Und stießen auf Probleme, die sich auch heute ergeben. Denn die Rechtslage ist schwierig, wie Pinnebergs Stadtsprecher Marc Trampe auf Anfrage des Abendblatts bestätigt. „Wir haben keine Handhabe, wenn es nicht nachweislich um Zwangsprostitution geht“, so Trampe. Für derartige Etablissements gebe es nicht einmal eine Meldepflicht.

Bürgermeisterin könnte als Vermittlerin auftreten

Das werde sich erst ändern, wenn das neue Prostitutionsgesetz Anwendung finde, das für 2017 geplant ist. Dann müssten Betreiber von Bordellen bei der Stadt eine Erlaubnis beantragen. Bürgermeisterin Urte Steinberg rät dem Vorstand der türkisch-islamischen Gemeinde derweil, das direkte Gespräch mit den Nachbarn zu suchen. Sie wäre im Zweifel auch bereit zu vermitteln. Der Stadt liegen auch Beschwerden aus der Mühlenstraße vor – auch dort gibt es einen Puff.

An Gemeindevorsteher Seref Ciftci geht die Diskussion offenkundig nicht spurlos vorbei. Hasskommentare, in denen Menschen mit muslimischem Glauben im Internet diffamiert werden, verunsichern ihn. Er hoffe, dass die Gemeinde nicht auch noch bedroht werde. In diese Kerbe schlägt auch der Propst: „Es ist wirklich erschreckend, wie manche Menschen reagieren und was da teilweise zu lesen ist“, so Thomas Drope. „Unterirdisch“, nennt er Angriffe, die augenscheinlich aus der rechten Ecke kommen.

Drope ist wichtig, auch das Schicksal der von Prostitution betroffenen Frauen in der aktuellen Diskussion nicht unter den Tisch fallen zu lassen. Es sei Anspruch der Kirche, sich um diese Frauen zu kümmern. Ein Aspekt, den auch der Pinneberger Pastor Harald Schmidt betont. „Wir sind immer ansprechbar, bieten Beratung an.“ Zur Situation an der Friedenstraße äußert sich der Geistliche wie folgt: „Wenn ich mir vorstelle, dass dergleichen gegenüber unserer Kirche geschehen könnte, dann muss ich sagen, das wünscht man sich nicht.“ Allerdings lasse die Rechtslage Prostitution eben auch zu. „Ich rate zu einem klärenden Gespräch, um Nachbarschaft irgendwie möglich zu machen.“

Rund 40 Prostituierte bieten in der Stadt Pinneberg derzeit ihre Dienste an, zumeist in unauffälligen Wohnhäusern – wie an der Friedenstraße. Der Stadtverwaltung sind die Standorte bekannt. Im Rathaus bereitet man sich schon jetzt auf die Herausforderungen der neuen Gesetzeslage vor. Denn die Umsetzung wird an den Kommunen hängen bleiben. „Wir werden Personal einstellen, um das Gesetz anzuwenden“, sagt Trampe. Künftig seien auch Kontrollen in fraglichen Etablissements geplant. Trampe: „Es kommt in diesem Fall zusätzliche Arbeit auf uns zu.“