Pinneberg
Haselau

Haselauer Segler nimmt Kurs auf Schottland

Thomas Herion ist vor Kurzem aus dem Ruhrpott an die Elbe gezogen. Er liebt Touren mit kleinen Booten und restauriert historische Segelschiffe

Haselau.  In ein paar Tagen geht es für Thomas Herion wieder los. Schottland ist das Ziel, denn dort bieten sich für den Haselauer und seine Frau Nicola die perfekten Segelbedingungen. Die Nordsee ist ihr Lieblingsrevier, egal ob vor der britischen Küste oder vor den ostfriesischen Inseln. „Die unfassbaren Strömungen, der Einfluss von Ebbe und Flut, das ist meine Passion“, sagt der 65-Jährige.

An seiner Sprachfärbung ist die Herkunft leicht zu erkennen. Thomas Herion wurde in Essen geboren. Mit acht Jahren saß er erstmals in einem Boot und hatte die Leidenschaft seines Lebens gefunden. Als 15-Jähriger machte er auf dem Baldeneysee seinen Segelschein. „Das war ein guter Kursus“, erinnert er sich. Mit ihm hat Harro Bode das Segeln erlernt, der 1976 bei den Olympischen Spielen in Montreal bei den 470ern die Goldmedaille holte. Die Wege der beiden sollten sich wieder kreuzen.

Thomas Herion wechselte das Revier, vom Binnensee ging es auf die Nordsee, er stieg auf größere Boote um und entwickelte sportlichen Ehrgeiz. In den 70er-Jahren segelte der hochgewachsene Mann um die Europameisterschaften im Hobie Cat, einem leichten Katamaran. 1979 folgte ein weiterer Einschnitt in das seglerische Leben. Thomas Herion kaufte sich eine ziemlich heruntergekommene, in den 30er-Jahren gebaute Jolle und machte sie wieder flott. Zahlreichen historischen Booten hat der passionierte Bastler seitdem wieder neues Leben eingehaucht. Sein Wissen gibt er auch auf Messen wie der „Boatfit“ in Bremen an Menschen weiter, die ein Schiff restaurieren oder neu bauen wollen.

Neue Seglerheimat im Wassersportclub Haseldorf

Seine Fähigkeit nutzte Thomas Herion auch für das berufliche Leben. Ein Maschinenbaustudium hatte er kurz vor dem Abschluss abgebrochen, danach absolvierte er ein Germanistikstudium erfolgreich. Thomas Herion wurde Lehrer, später Mitglied der Schulleitung an der Frida-Levy-Gesamtschule in Essen. Um die Schüler an die Seefahrt heranzuführen, initiierte er die Sanierung alter Schiffe. „Ich hatte immer eine Gruppe von Abiturienten um mich, die bereit waren, die Arbeit zu machen“, sagt der Motivationsexperte.

Sein Meisterstück legte der Pädagoge wohl mit der Restaurierung eines 1935 gebauten Fischkutters ab. Der wurde von der Ostsee nach Essen gesegelt, dort einmal komplett auseinandergebaut und wieder zusammengesetzt. Sein alter Segelkamerad, der Olympiasieger Harro Bode, war mittlerweile Vorstandsvorsitzender des Ruhrverbandes geworden und damit auch für sämtliche Wasserwege im Einzugsgebiet des Flusses verantwortlich. Er stellte Herion und dem für das Projekt gegründeten Verein eine Fläche an der Ruhr zur Verfügung, die als Werft genutzt wurde. 100 Jugendliche und 20 Erwachsene packten zwei Jahre lang kräftig an. 20.000 Seemeilen legte der Kutter danach zurück. Krönung war eine Tour von dem Heimathafen Emden aus nach Brest zu einem großen Segelschifftreffen.

„Ich wollte schon immer an der Küste leben“, sagt Herion. Vor gut zwei Jahren bot sich ihm eine Möglichkeit, diese Idee in die Tat umzusetzen. Seine zweite Frau Nicola konnte sich am Asklepios Westklinikum in Hamburg-Rissen selbstständig machen. Der Lehrer ging kurzerhand in den Ruhestand, und das Paar kaufte sich ein Grundstück in Haselau. Bis auf einige Gewerke, die sie machen lassen mussten, errichtete Thomas Herion das Holzhaus komplett in Eigenleistung.

Beim Wassersportclub Haseldorf hat das Paar eine neue Seglerheimat gefunden. „Einen besseren Hafen kann man sich gar nicht vorstellen“, sagt der Freizeitkapitän. Mit der Ebbe fällt jedes Mal ein Teil des Hafens trocken.

Von den großen Booten und den weiten Segeltouren hat sich Herion mittlerweile verabschiedet. Heute ist er gern mit einer Jolle unterwegs. „Es macht mehr Spaß“, sagt der Skipper. Der Aufwand sei kleiner, er könne einfach losfahren. „Das mache ich auch noch, wenn ich 80 bin.“

Früher hat er die Jolle zwei- bis dreimal im Jahr auf den Anhänger geladen, ist die 1800 Kilometer bis Schottland mit dem Auto gefahren. Mittlerweile hat das Ehepaar ein eigenes Boot im Hafen von Seil, einer Insel auf der Westseite Schottlands, liegen. In der Haselauer Heimat sind beide momentan bootslos. Einen aufgearbeiteten Piraten Baujahr 1956, haben sie vor Kurzem an einen Freund weitergegeben. Derzeit werkelt Herion an einem acht Meter langen Neubau eines Segelbootes. Er orientiert sich bei der Konstruktion an den „Dory“ genannten Hilfsbooten, die einst noch zu Segelschiffzeiten vor Neufundland im Fischfang eingesetzt wurden. Rechtzeitig zur nächsten Segelsaison soll das Holzschiff auf jeden Fall fertiggestellt sein.

Aktiv hat sich der Mann aus dem Ruhrpott in der Haseldorfer Marsch integriert. Als der Kulturverein vor dem Aus stand, übernahm Herion den Vorsitz und richtete ihn zusammen mit seiner Stellvertreterin Anne-Lena Krohn neu aus. Pastor Andreas-Michael Petersen holte den Tenor in die Kantorei der Hl. Dreikönigskirche. Der gemischte Chor kam dank der Segelbegeisterung und der Kontaktfreudigkeit Herions zu zwei Festivalauftritten in Schottland. Bei einer seiner Touren legte er in dem Örtchen Tynuilt an, wo gerade die Highland Games ausgerichtet wurden. Er kam an dem Zelt der Organisatoren eines Wettbewerbs zur Pflege der gälischen Sprache vorbei und sprach sie an. Natürlich könnten die Haselauer beim „Royal National Mòd“ auftreten, bekam er zur Antwort. Die Organisation sei noch ein hartes Stück Arbeit gewesen, berichtet Herion. Doch die Reise im Herbst 2015 nach Oban habe alle begeistert.