Pinneberg
Gesellschaft

Warum Uetersens Rathaus ein Archiv braucht

Im Uetersener Rathaus lagern bislang unsortiert Urkunden, Akten und Personenstandsunterlagen. Die Akten in ein reguläres Archiv zu überführen und aufzuarbeiten wird voraussichtlich jahrelang die Arbeit von ausgebildeten Archivaren  in Anspruch nehmen

Im Uetersener Rathaus lagern bislang unsortiert Urkunden, Akten und Personenstandsunterlagen. Die Akten in ein reguläres Archiv zu überführen und aufzuarbeiten wird voraussichtlich jahrelang die Arbeit von ausgebildeten Archivaren in Anspruch nehmen

Foto: Manfred Augener

Verein der Archivare warnt vor Problemen, wenn Dokumente nicht sauber sortiert gelagert werden. Städte könnten kooperieren.

Uetersen/Hannover.  Die Einrichtung eines Stadtarchives für die Stadt Uetersen rückt nach jahrzehntelanger Nichtbeachtung des Schleswig-Holsteinischen Landesarchivgesetzes näher. Ende des Jahres wird die Verwaltungsgemeinschaft mit dem Amt Haseldorf aufgegeben. Dann soll in den frei werdenden Räumen des Rathauses eine Sichtung der städtischen Unterlagen erfolgen. Diese Arbeit kann Jahre dauern. Uetersener Politiker hatten zuletzt angeregt, Ehrenamtliche oder Mitarbeiter der Stadt mit der Aufgabe zu beauftragen. Bürgermeisterin Andrea Hansen hielt dagegen: Ausgebildete Archivare sollten die Arbeit erledigen. Rückendeckung erhält Hansen vom Verein der Archivarinnen und Archivare (VdA) in Deutschland.

Uetersen muss und sollte zügig an eine Archivierung herangehen. Das ist Konsens, seit die Stadt negativ aufgefallen ist, weil sie kein Archiv hat. Der VdA kritisiert, dass sich Uetersen jahrelang der Gefahr rechtlicher Probleme ausgesetzt habe – wie andere Kommunen ohne Archiv auch.

Viele Archive dokumentieren auch Ortsgeschichte

Ein kommunales Archiv sichert historisch und rechtlich wichtige Unterlagen einer Kommune. Und das dauerhaft. Akten werden hinsichtlich ihrer Bedeutung bewertet, katalogisiert und später der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Sogenannte Archivalien, das sind Urkunden, bedeutende Akten, Karten, Pläne, manche Fotos und auch digitale Daten. Archivare sichten das Schriftgut einschließlich aller Unterlagen des Rates und seiner Ausschüsse, die in der laufenden Verwaltung nicht mehr benötigt werden.

„In vielen Kommunalarchiven wird außerdem lokal- und regionalhistorische Forschung geleistet, und die Archive sind in viele Aktivitäten eingebunden, die sich mit der Ortsgeschichte
befassen“, sagt Cornelia Regin vom VdA-Bundesvorstand. Jubiläen, Straßenbenennungen, Recherche für die Verlegung von Stolpersteinen oder – im Falle Uetersens – auch die ungeklärte Frage nach einer Ehrenbürgerschaft Adolf Hitlers, die 2015 bundesweit für Schlagzeilen sorgte, zählen dazu. Auch Unterlagen aus Standesämtern werden bearbeitet. Sie können etwa bei Erbangelegenheiten relevant sein.

Dass diverse Städte kein Archiv unterhalten, wird von Regin als misslich angesehen. Die Finanzierung schrecke viele Kommunen ab, ihren Verpflichtungen nachzukommen. Denn ein Archiv kostet Geld. Die archivarischen Verbände bemühten sich dennoch, Kommunen zu sensibilisieren. Für die Einrichtung von Archiven werde stetig geworben. „Öffentlich nehmen archivarische Verbände immer wieder Stellung zu diesem Thema“, sagt Regin.

Rechtlich sei die Kommunalaufsicht für die Durchsetzung des Archivgesetzes zuständig, sagt Regin. Doch die wird nicht immer aktiv. Dies sei aber sinnvoll, denn der Nutzen sei unbestreitbar: „Städten und Gemeinden ohne Archive droht der Verlust ihres historischen Gedächtnisses und mitunter eine nicht rechtskonforme Verwaltung der Personenstandsunterlagen“, sagt die Archivarin. Ein professionell geführtes Archiv stelle sicher, dass Unterlagen rechtlich sauber behandelt würden. Kommunen mit professionell arbeitenden Archiven würden zudem, so Regin, die Grundlagen für die Orts- und Regionalgeschichte kommender Generationen sichern. „Das Landesarchivgesetz definiert den Zugang zu historischen Unterlagen als bürgerliches Grundrecht“, sagt sie. Verwaltungen seien damit zu Transparenz gezwungen. Ohne Archiv fehle diese Transparenz. Die Folge: Verwaltungen könnten Unterlagen nach Belieben vernichten.

Die Idee, Archivarbeit aus Kostengründen Ehrenamtlichen oder Verwaltungsmitarbeitern anzuvertrauen, wird vom VdA als riskant angesehen. Ehrenamtliche könnten, so Regin, archivarische Aufgaben in erster Linie nicht übernehmen, weil die Archive mit der Verwaltung von amtlichen und mitunter auch rechtserheblichen Unterlagen „hoheitliche“ Aufgaben wahrnähmen. „Archivierung ist zudem eine komplexe Fachaufgabe, die ein hohes Maß an spezifischen Kenntnissen voraussetzt. Die professionellen Anforderungen steigen derzeit erkennbar“, sagt sie. Momentan stelle die Digitalisierung eine große Herausforderung dar. Sie erfordere Spezialqualifikationen. Und diese besäßen nur ausgebildete Archivare. Regin: „Wir empfehlen, die Archivierung in Kooperation mit Nachbargemeinden zu organisieren und so qualifizierte Stellen zu schaffen.“