Pinneberg
Jugendarbeit

Armut von Kindern im Kreis Pinneberg steigt

Eugenia Koch-Wunder und Saim Cetinkaya stehen mit dem Nachwuchs am Herd. Sie berichten von ausgehungerten Kindern im Jugendtreff

Eugenia Koch-Wunder und Saim Cetinkaya stehen mit dem Nachwuchs am Herd. Sie berichten von ausgehungerten Kindern im Jugendtreff

Foto: Andreas Daebeler / HA

Immer mehr Minderjährige im Kreis Pinneberg leben von Hartz IV. Zum Glück gibt es Menschen, die sich für Kinder stark machen.

Kreis Pinneberg.  Ein Mädchen mag nicht zur Geburtstagsfeier ihrer Schulkameradin gehen. Sie hat kein Geld für ein Geschenk und schämt sich. Ein anderes rutscht im Zensurenspiegel ab. Die Mutter mit Migrationshintergrund stößt bei den Hausaufgaben an ihre Grenzen. Nachhilfe kann sie sich nicht leisten. Ein Junge kann sich in der Grundschule nicht konzentrieren, weil die Eltern ihn ohne Frühstück aus dem Haus schicken. Beispiele wie diese kennt Elke-Maria Lutz viele. Die pensionierte Jugendrichterin leitet den Deutschen Kinderschutzbund Elmshorn.

Allein in Elmshorn schätzt sie die Zahl der Kinder an der Armutsgrenze auf 2100. Die EU definiert alle Familien als arm, die von öffentlichen Leistungen leben müssen. Demnach ist jedes fünfte Kind in Deutschland arm. Die Flüchtlingskrise verschärft das Problem. Auch im Kreis Pinneberg nimmt Kinderarmut zu. Im Dezember 2015 lebten hier laut Agentur für Arbeit 6513 der unter 18-Jährigen in Bedarfsgemeinschaften, die Hartz IV bezogen – 4,6 Prozent mehr als im Vorjahr.

Der Kinderschutzbund ist hierzulande die größte Lobby für Kinder. Der Ortsverein Elmshorn ermöglicht auch den Benachteiligten Ferien an der Ostsee, bietet kostenlose Nachhilfe und Deutschkurse, ermöglicht Geburtstagspartys und Schwimmunterricht, führt Kinder an gesundes Frühstück heran, bietet einen geschützten Raum im offenen Spielkreis, erfüllt Weihnachtswünsche, kauft Kinderschuhe. Längst nicht jede Familie kann sich die leisten. „Im September 2015 haben wir wieder 100 Gutscheine für Winterschuhe verteilt“, sagt Elke-Maria Lutz. Die Nachfrage sei riesig gewesen, nicht alle Wünsche konnten erfüllt werden.

Während der Sommerferien wird der Kinderschutzbund sein Büro an der Jürgenstraße 11 wieder jeden Tag öffnen, um Kinder, die nicht verreisen konnten, von der Straße holen. Dann können sie mit den Betreuern ins Museum, zum Paddeln, vor Ort spielen und basteln, den Markt besuchen und anschließend Obstsalat zubereiten. Die Betreuung im Büro kostet am Tag einen Euro, Ausflüge 18 Euro. Wer sich das nicht leisten kann, für den findet Lutz einen Weg.

Der Bevölkerungsstruktur rund um das Büro gleiche dem im sozialen Brennpunkt Hainholz, wo sich unter anderem der Verein „Die Frischlinge“ um arme Kinder kümmert: viele allein erziehende Mütter, viele Familien mit Migrationshintergrund. Trotz niedrigschwelliger Angebote gibt es eine Gruppe, die Elke-Maria Lutz nur schwer erreichen kann: muslimische Mädchen. „Sobald sie zwölf oder 13 Jahre alt sind, kommen sie nicht mehr.“ Häufig üben die Familien starke Kontrolle aus und beäugen selbst einen Theaterbesuch misstrauisch.

Ortstermin in einem Pinneberger Jugendtreff. Hier, im Stadtteil Eggerstedt, wird Jahr für Jahr eine Ferienfreizeit vor der Haustür angeboten. Der Kreis Pinneberg unterstützt die Stadtranderholung mit 2000 Euro. Jugendpfleger Saim Cetinkaya legt Wert darauf, dass Familien mit kleinem Geldbeutel profitieren. Für 30 Euro stellt er ein Programm mit Ausfahrten in den Serengeti Park und an die See zusammen. „Kinderarmut hat zugenommen, das bekommen wir deutlich zu spüren“, sagt der Sozialpädagoge, der für die Stadt arbeitet. „Wir erleben immer häufiger, dass Eltern um Aufschub bitten, manchmal können sie gar nicht bezahlen.“ Wenn Familien in Not seien, werde mal ein Auge zugedrückt. „Kein Kind darf ausgeschlossen werden, weil Geld fehlt“, sagt Cetinkaya. Er hat in den vergangenen Jahren berührende Situationen erlebt. Etwa einen Neunjährigen, der während der Tour nach St.Peter-Ording zum ersten Mal in seinem Leben das Meer zu sehen bekam. „Das ist hängen geblieben.“

Auch er erlebt zunehmend, dass Kinder hungrig in die Schule oder den Jugendtreff kommen – und reagiert mit Kochprojekten. Zudem wurde gemeinsam ein Gemüsegarten angelegt, um das Bewusstsein für gesunde Ernährung zu schärfen. „Man merkt schnell, wenn Kinder nichts gegessen haben. Sie sind dann unkonzentriert“, so Cetinkaya, der mahnt, „die Augen vor dem Phänomen Kinderarmut nicht zu verschließen“.

Pinneberger Verein zahlt Kindern Schwimmkurse

Das ist auch das Credo von Kurt Desselmann, der den Verein Pinneberger Kinder leitet. Er sammelt seit Jahren Spenden, um bedürftige Familien zu unterstützen. Wichtigstes Projekt des Vereins: Sozial benachteiligte Grundschulkinder können seit 2013 kostenlos das Schwimmen lernen. Ein Angebot, von dem pro Jahr von etwa 100 Jungen und Mädchen profitieren. Vermittelt werden die Gutscheine von den Kindergärten im Stadtgebiet.

Der Kreis Pinneberg bietet drei Ferienfreizeiten für Kinder aus sozial benachteiligten Familien an, darunter eine integrative Reise gemeinsam mit der Lebenshilfe. „Für Familien besteht zudem die Möglichkeit, Leistungen aus dem Bildungs-und Teilhabepaket in Anspruch zu nehmen, etwa Zuschüsse für Sportvereine“, so Kreissprecher Oliver Carstens. Voraussetzung sei, dass das Kind eine Grundsozialleistung beziehe. Auch wenn das nicht zutreffe, gebe es die Chance, beim Jobcenter die Bedürftigkeit zu prüfen und etwa eine Klassenreise bezuschusst zu bekommen.