Wedel

Regio Klinik bessert nach bei Nachtwache

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Burkhard Fuchs
Betriebsratsvorsitzende Herta Laages und ihr Kollege Thomas Dahlke, Arzt in Pinneberg: 25 Pflegestellen sind derzeit unbesetzt in Regio Kliniken

Betriebsratsvorsitzende Herta Laages und ihr Kollege Thomas Dahlke, Arzt in Pinneberg: 25 Pflegestellen sind derzeit unbesetzt in Regio Kliniken

Foto: Burkhard Fuchs / HA

Konsequenzen nach Vorfall und Ärzteprotest: Von sofort an gibt es im Krankenhaus Wedel wieder eine dritte Nachtschwester.

Wedel/Kreis Pinneberg.  Die Regio Kliniken ziehen die Konsequenzen aus dem Beinahe-Todesfall einer Patientin im Krankenhaus Wedel und bessern bei der nächtlichen Patientenbetreuung nach. Von sofort an gibt es dort wieder eine dritte Nachtschwester. Zuvor hatten elf Ärzte in einem Protestschreiben die nächtliche Notfallversorgung in Wedel als unzureichend angemahnt und es abgelehnt, „die Verantwortung für diese teils chaotischen, wenn nicht gar patientengefährdenden Zustände ärztlicherseits“ zu übernehmen.

Protestnote von Ärzten an die Klinikleitung

Damit setzt der Klinikbetrieb einen Schlussstrich unter die umstrittene Personalveränderung Anfang des Jahres in Wedel. Weil das dortige Krankenhaus sich zu einer Fachklinik für Lungenkrankheiten und Geriatrie entwickeln sollte, wurde die Aufgabe der Zentralen Notaufnahme (ZNA) nachts dem Pflegepersonal in den Stationen übertragen. Fortan war nur noch eine Schwester ständig damit betraut, sich um die Patienten zu kümmern. Das wäre – wie das Abendblatt berichtete - im Falle der Mutter von Ariane Möller beinahe fatal ausgegangen. Die alte Dame, die ständig ein Beatmungsgerät braucht, bekam nachts um 4 Uhr plötzlich keine Luft mehr und drohte zu ersticken. Auf ihr Klingeln reagierte die eine Schwester nicht, weil sie gerade einen anderen Patienten versorgen musste. Erst ihre Tochter, die sie in ihrer Not anrief, erreichte dann den Pfleger von der ZNA, der dann sofort zur Patientin lief und sie versorgte.

Auch wenn die Klinikleitung diesen Vorfall als nicht lebensbedrohlich bezeichnete – jetzt hat sie offenbar nach einem Krisengespräch mit Ärzten, Pflegekräften und Betriebsrat zum Wohle der Patientensicherheit nachgebessert. „Wir sind uns einig: Das geht so nicht. Wir müssen in Wedel eine zusätzliche dritte Pflegekraft in den Nachtstunden haben“, sagt die Betriebsratsvorsitzende Herta Laages. Denn bei inzwischen 78 Patienten im Monat mit zum Teil schweren Lungenkrankheiten, die beatmet werden müssen, reiche eine Pflegekraft längst nicht mehr aus.

Das hatten auch Ärzte in einer Protestnote Ende Mai gefordert. Darin heißt es unter anderem: „Unsere Arbeitsbedingungen haben sich in den vergangenen Wochen deutlich verschlechtert.“ Die Übertragung der Notaufnahme-Aufgabe auf nicht dafür geschultes Personal habe „in den meisten Fällen allenfalls chaotische Zustände, aber mitunter auch lebensgefährliche Situationen“ mit sich gebracht, klagen darin elf Ärzte: „Auch nach Feierabend beschäftigt uns die Sorge weiter, ob Patienten und Angehörige optimal versorgt worden sind.“ Vier dieser Ärzte sollen gekündigt haben.

Offenbar war der Fall von Ariane Möllers Mutter kein Einzelfall, was die Klinikleitung allerdings bestreitet. Zudem sei die ZNA „von speziell geschulten Mitarbeitern der Station versorgt worden“, was wiederum die elf Ärzte bestreiten: „Wiederholt wurden Pflegekräfte eingeteilt, die in keiner Art und Weise eingearbeitet worden sind“, heißt es im Schreiben und weiter: „Diese Defizite machen es wiederholt erforderlich, dass pflegerische Aufgaben durch uns Ärzte übernommen werden mussten.“

Nun wird das offenbar wieder kurzfristig geändert. Kliniksprecher Sebastian Kimstädt betont, ohnehin sollte die dienstliche Änderung überprüft werden. Für den Betriebsrat ist diese Entwicklung die bedrohliche Folge der „jahrelangen systematischen Einsparpolitik im Pflegebereich“, der alle 2000 Krankenhäuser in Deutschland betrifft. „Das ist bittere Folge des Systems“, warnt Betriebsratsvorsitzende Laages. Bundesweit fehlten 70.000 Pflegekräfte. Bei den Regio Kliniken, die insgesamt 850 Pflegekräfte in 470 Vollzeitstellen beschäftigen, seien es wohl zwei bis drei Schwestern je Station, zumindest in den großen Kliniken Elmshorn und Pinneberg.

40 Stationen gibt es in den drei Krankenhäusern. 25 Stellen in der Pflege seien zurzeit unbesetzt, weil die Klinik dafür keine Fachkräfte finde. „Deutschland ist europaweites Schlusslicht bei der Patientenversorgung“, klagt Laages. „Hier muss sich eine Pflegefachkraft durchschnittlich um zehn Patienten kümmern, in der Schweiz und Holland sind es halb so viele und in Norwegen sogar nur vier Patienten.“

Für bessere Versorgung muss investiert werden

Wenn die Menschen hierzulande eine bessere Patientenversorgung wünschten, müsse ihnen klar sein, dass sie mehr Geld in die Pflege stecken müssten und die Krankenkassenbeiträge steigen werden, sagt Herta Laages.

Regio-Sprecher Kimstädt betont aber: „Wir sind aber nicht so sehr vom Pflegekraftmangel betroffen wie unsere Mitbewerber.“ Dafür betrieben die Regio Kliniken die größte private Krankenpflegeschule in Schleswig-Holstein mit 243 Plätzen. Von den 170 Auszubildenden machten gerade 34 ihr Examen, 25 wollten bei Regio bleiben.

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