Rellingen

Flüchtlinge gegen den Fachkräftemangel

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Anne Dewitz

Ausbildungsstart 2016 im Kreis Pinneberg: Der Zaunhersteller Gawron in Rellingen bildet Asylbewerber aus Iran aus.

Rellingen. Mohammed ist über den Schraubstock gebeugt und bearbeitet ein Stück Metall. Meister Kai Potthoff schaut dem Lehrling über die Schulter. Der iranische Flüchtling ist im ersten Jahr seiner Ausbildung zum Metallbauer bei der Rellinger Firma Gawron. Das Familienunternehmen mit etwa 100 Beschäftigten fertigt Zäune. Noch lernt er wie alle Lehrlinge im ersten Jahr in einer Lehrwerkstatt. Am 1. August, wenn die neuen Azubis kommen, wechselt er in den regulären Betrieb.

Am 1. August ist Ausbildungsstart im Kreis Pinneberg. Offene Lehrstellen in Wirtschaft und Handwerk gibt es viele, auch jetzt noch, wenn in Schleswig-Holstein der doppelte Abiturientenjahrgang in die berufliche Zukunft startet. Seit Oktober 2015 haben die Unternehmen im Kreis Pinneberg 1.490 Ausbildungsstellen zur Besetzung bei der Agentur für Arbeit in Elmshorn gemeldet, ähnlich wie im Vorjahreszeitraum. Davon waren im Mai noch 683 unbesetzt.

Im ersten Jahr lernen Azubis im geschützten Raum

Aber oft fehlen die geeigneten Bewerber. Laut der Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) kann mittlerweile jede dritte Lehrstelle nicht mehr besetzt werden. Hauptgrund sind die niedrigen Geburtenzahlen. Zudem beginnen immer mehr Schulabgänger statt einer Ausbildung ein Studium. Arbeitgeber beklagen zudem häufig die schlechter werdende Qualität der Bewerbungen.

Betriebe, die auch künftig noch qualifizierte Fachkräfte haben wollen, müssen sich was einfallen lassen. „Wir haben uns 2011 entschlossen, unseren Lehrlingen im ersten Jahr einen geschützten Raum zu bieten, in dem sie zunächst einmal die Grundlagen des Berufs vermittelt bekommen“, sagt Franca Gawron. Sie heiratete vor 20 Jahren in den Familienbetrieb ein und leitet heute die Personalabteilung. „Wir mussten feststellen, dass die teilweise noch sehr jungen Lehrlinge schnell überfordert waren“, sagt sie. So fehle es beispielsweise an grundlegendem mathematischen Verständnis.

Statt zu jammern, dass es kaum noch geeignete Bewerber gab, reagierten die Gawrons. „In der Lehrwerkstatt erkennen wir den Unterstützungsbedarf früh und vermeiden auf beiden Seiten Frustration“, sagt Volker Gawron, Geschäftsführender Gesellschafter. So habe sich schon manch „Päckchenträger“ zu einem Topmitarbeiter entwickelt. Ausgebildet werden hauptsächlich Metallbauer, aber auch Kaufleute im Büromanagement. „In diesem Jahr bekommen wir sieben neue Auszubildenden“, sagt er. Auch in diesem Lehrjahr fängt wieder ein Flüchtling aus dem Iran bei Gawron an.

Die derzeitige Flüchtlingssituation biete gerade dem Handwerk neue Möglichkeiten, gegen den Fachkräftemangel anzugehen, heißt es bei der Handwerkskammer Lübeck. Hier hat man seit April drei Willkommenslotsen installiert. Eine von ihnen ist Birgit Wacker. Sie ist für die Kreise Steinburg und Segeberg und eben auch dem Kreis Pinneberg zuständig. Ihre Aufgabe ist es, einen geeigneten Flüchtling mit dem richtigen Betrieb zusammenzubringen und mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, auch bei Gawron. „Voraussetzung ist die Anerkennung oder eine gute Bleibeperspektive und gute Deutschkenntnisse“, sagt sie. Vielen Flüchtlingen sei das duale Ausbildungssystem fremd. „Sie können sich die Komplexität nicht vorstellen.“

Gawron möchte Mohammed nach der Lehre übernehmen

Bei Mohammed und Gawron hat es gepasst. Der 24-Jährige, der 2013 nach Deutschland kam, möchte über die Gründe für seine Flucht aus dem Iran nicht sprechen. Sein Blick ist auf die Zukunft gerichtet. „Ich möchte hier frei leben und als Metallbauer arbeiten“, sagt der junge Mann, der in Elmshorn lebt. Für seinen Traum arbeitet er hart. Seine beiden Deutschkurse hat er selbst bezahlt. Er lernt schnell. Mit Hilfe eines Flüchtlingspaten nahm er Kontakt zur Firma Gawron in Rellingen auf, kann dort zunächst ein Praktikum machen. „Mo“ wie ihn Kollegen und Vorgesetzte nennen, stellt sich geschickt an. Auch menschlich passt es.

„Die Kollegen sind sehr freundlich und hilfsbereit“, sagt er. Wenn er mal einen Fachbegriff nicht in seinem Wörterbuch findet, erklären sie es ihm gern. Umgekehrt zeigt er den anderen Lehrlingen gern ein paar Kniffe beim Schweißen. Als Schweißer hat er schon in Teheran gearbeitet.

„Mohammed ist sehr motiviert und fachlich geschickt“, sagt Volker Gawron. Am liebsten würde er ihn nach der Lehre übernehmen. Doch gerade musste er erfahren, dass Mohammeds Asylantrag abgelehnt wurde. „Dabei ist er doch ein Paradebeispiel für gelungene Integration“, sagt Gawron. Aus diesem Grund will er ihm auch helfen, gegen den Bescheid Einspruch zu erheben.

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