Pinneberg
Elmshorn

So lebt und arbeitet eine Zirkusfamilie

Zirkusdirektor Sandro Frank und Tochter Celina, 16, machen Pause in der Wohnwagen-Einbauküche

Zirkusdirektor Sandro Frank und Tochter Celina, 16, machen Pause in der Wohnwagen-Einbauküche

Foto: Dorothea Benedikt

Disziplin und routiniertes Miteinander prägen im Circus Europa das Leben. Ein Einblick in den Alltag von Zirkusfamilie Frank.

Elmshorn.  18 Uhr. Der Vorhang schließt sich, das helle Zirkuslicht erlischt, die Manege leert sich. Hinter den Kulissen des Circus Europa aber geht der Arbeitsalltag weiter. Sandro Frank tauscht die silberbetresste blaue Dompteursjacke gegen eine einfache Stallkleidung und schaut nach seinen vierbeinigen Mitarbeitern. „Zuerst kommen die Tiere. Immer“, sagt der 43-Jährige, der das Familienunternehmen als Stellvertreter seines gesundheitlich angeschlagenen Vaters in siebenter Generation leitet. Seine Kamele, Pferde, Lamas, der Büffel und die quirligen, gelehrigen Jack-Russell-Terrier liegen Frank spürbar am Herzen. „Sie fressen wirklich eine Menge, sie verursachen uns die meisten Kosten“, sagt er. „Aber ein Zirkus ohne Tiere ist für mich einfach kein Zirkus, sondern ein Varieté.“

Frank, dreifacher Familienvater und demnächst vierfacher Großvater, kennt kein anderes Leben als das zwischen Wohnwagen und Zelt, neun Monate im Jahr unterwegs von einer Stadt zur nächsten. Nur zwischen November und Februar leben sie in ihrem Haus nahe Celle, setzen alles instand. „Aber wenn der Frühling kommt und alles grün wird, dann muss ich einfach los, dann bekomme ich ein unglaubliches Fernweh“, sagt Frank, der in St. Peter-Ording im Zirkuswagen zur Welt kam.

Sehr früh musste er Verantwortung übernehmen. Bei einem tragischen Verkehrsunfall wurde sein Vater schwer verletzt, leidet bis heute unter den Folgen. Damals war Sandro Frank 13 Jahre alt. „Ich war der Älteste von uns fünf Kindern, ich hatte plötzlich ziemlich viel Verantwortung“, sagt er. Seine heutigen Schwiegereltern sprangen ein, griffen dem Teenager unter die Arme. Die Zirkusfamilie hielt zusammen und schaffte es.

Nicht zuletzt mit viel Disziplin. „Hier müssen alle ran und helfen“, sagt Frank. Sein Tag beginnt um sechs Uhr. Nach dem ersten Kaffee geht es zu den Tieren. Füttern, tränken, ausmisten, neu einstreuen. Gegen 9 Uhr hat seine Frau das Frühstück fertig. Kaffee, Brötchen und Marmelade stehen auf dem großen Tisch in der cremeweißen Wohnküche des 14 Meter langen Wohnwagens. „Wir essen, was uns schmeckt. Ganz normale Sachen“, sagt Frank. Sein Leibgericht sei Braten mit Kartoffeln und Rotkohl.

Seine beiden Söhne ernähren sich dagegen bewusst gesund, trainieren regelmäßig mit Hanteln, laufen abends. Für Sandro junior, 24, ist das Teil seines Pflichtprogramms als Akrobat. „Für seinen Handstand auf der zehn Meter hohen Stuhlsäule und die Akrobatik auf den galoppierenden Pferden muss er topfit und durchtrainiert sein“, sagt sein Vater. Und Angelo, 27, der Älteste, lebt als erfolgreicher Erstliga-Boxer ohnehin gesund. Er pendelt zwischen seiner Berliner Wohnung und dem Familienzirkus, in dem seine Frau und die beiden kleinen Söhne leben.

Nach dem Frühstück stehen die Proben an, die Tiere werden bewegt. Tochter Celina, 16, und Sandro junior tüten Briefe und Flyer ein, kümmern sich ums praktische Marketing. Wenn oben unter der Zirkuskuppel eine Glühlampe ausfällt, klettert Sandro junior hoch. „Er macht in zehn Meter Höhe Handstand – da kann er sich mühelos mit der einen Hand da oben festhalten und die Lampe mit der anderen tauschen.“ Franks Frau erledigt den Alltag, sie kauft ein, kocht, lässt Waschmaschine, Trockner und Geschirrspüler laufen. Es ist wie überall – nur befinden sich die hellen Hängeschränke, das feine Porzellan, Dusche, Bad und Schlafzimmer eben in einem Wohnwagen.

Zwischendurch klingelt immer wieder das Handy. „Das habe ich immer dabei“, sagt Frank. Schließlich gibt es viel zu organisieren: Plätze buchen, Termine mit Behörden koordinieren. Denn an jedem Standort nimmt das Bauamt den Zeltaufbau ab, prüft das Eisengestänge, die Zahl der Notausgänge und Feuerlöscher. Auch die Amtstierärzte sind Gäste, kontrollieren Gesundheitszustand und Unterbringung der Tiere.

Zur Routine zählt der tägliche Blick auf Nachrichten und Wetter. Gibt es Sturm oder Starkregen? Muss die Anlage gesichert werden? „Wenn das Zelt weg ist, geht es für uns nicht mehr weiter“, sagt der Chef. Denn versichert ist es nicht. Zu teuer.

Einen Plan B habe er niemals gehabt. „Ich habe ja nichts anderes gelernt.“ Andererseits fehle ihm auch nichts, im Gegenteil: „Wenn wir einen schönen Wiesenplatz haben, die Vorstellung gut gelaufen ist, die Tiere entspannt grasen, alles vorbereitet ist und wir mit der Familie draußen sitzen – dann liebe ich dieses Leben besonders.“