Pinneberg
Schenefeld/Itzehoe

Schüsse vor Diskothek: Opfer haben Erinnerungslücken

Die Opfer des Disco-Schützen gaben an, sich an die Tat nicht erinnern zu können

Die Opfer des Disco-Schützen gaben an, sich an die Tat nicht erinnern zu können

Foto: TVR News Kontor

Prozess um die Schüsse vor dem Ebert’s: Zwei 24-Jährige wollen weder Angeklagten noch Tatwaffe erkennen. Richterin droht mit Beugehaft.

Schenefeld/Itzehoe.  Gleich zu Beginn seiner Aussage blies Armin B. den Richtern den Marsch. „Ich kann nicht viel erzählen. Ich weiß nur noch, dass ich im Krankenhaus aufgewacht bin“, sagte der Hamburger. Der 24-Jährige ist eines der beiden Opfer der Schießerei vor dem Ebert’s vom 19. April 2015, die seit Montag die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Itzehoe beschäftigt. Versuchten Totschlag, gefährliche Körperverletzung und unerlaubten Waffenbesitz wirft die Staatsanwaltschaft dem Schützen Ferhat K. aus Norderstedt vor.

Am zweiten Prozesstag hatten die Opfer das Wort – und ihre Vernehmung gestaltete sich mehr als schwierig. Armin B., der laut Anklageschrift einen Penisdurchschuss erlitt, ließ sich zwar entlocken, dass alles gut verheilt sei und er keine Funktionsstörung habe. Was die eigentliche Tat anging, blieb er wortkarg. Auf mehrfache Nachfrage gab er preis, an diesem Abend seinen Geburtstag mit mehreren Freunden und Unmengen von Alkohol im Ebert’s gefeiert zu haben, nachdem die Gruppe zuvor „von Café zu Café“ gezogen sei. Doch wer dabei war und was genau sich im Ebert’s abgespielt hat, „das erinnere ich alles nicht mehr“.

Erinnerungslücken, die ihm das Gericht nicht abnahm. Den Vorstoß der Vorsitzenden Richterin Isabel Hildebrandt, sie könne ihn auch in Beugehaft nehmen, um sein Erinnerungsvermögen aufzufrischen, konterte Armin B. mit den Worten: „Führen Sie mich doch ab – gern auch sofort.“ Und als die Richterin dem 24-Jährigen Teile aus seiner polizeilichen Vernehmung vorlas, kommentierte der das mit den Worten, er habe den Polizisten „irgendeinen Scheiß erzählt, weil die mich genervt haben“.

Auch das zweite Opfer Hamed D., dem eine Kugel das Schienbein zerschmetterte, stellte wesentliche Teile seiner polizeilichen Aussage als falsch dar – aus dem gleichen Grund. „Ich war gerade aus der Narkose aufgewacht, wollte die Beamten loswerden.“ Immerhin gab sich der 24-Jährige etwas mehr Mühe als sein Freund, sich an Einzelheiten der Tatnacht zu erinnern. „Da war ‘ne Frau im Ebert’s, die hatte Bock auf Armin. Der hatte aber keinen Bock auf sie, da hat sie den Dicken gemacht und die Türsteher gerufen.“ Diese hätten Armin mit vor die Disco genommen, er und die anderen aus der Gruppe seien mitgegangen.

„Da war ‘ne andere Jungsgruppe vor der Tür, und da war eine kleine Spannung auf beiden Seiten“, so der 24-Jährige. Das sei aber ganz normal. „Zu viel Testosteron halt.“ Warum wenig später die Schüsse fielen und wer geschossen hat, dazu fiel dem 24-Jährigen nichts ein.

Schütze habe gezielt auf den Unterleib gefeuert

Den Angeklagten erkenne er nicht wieder. Und die Kugel habe kaum ihm gegolten, „weil wer schießt schon absichtlich da unten hin“.Die Tatwaffe, die ihm die Richterin präsentierte, konnte Hamed D. nicht identifizieren. Und als ihn die Richterin mit Aussagen konfrontierte, wonach seine Gruppe Frauen angetanzt und belästigt haben soll, gab er Antworten wie diese: „Da waren zig Frauen verrückt nach uns, da fühlte sich keine belästigt.“

Türsteher Kolja K. schilderte, dass es sehr wohl aus der Gruppe heraus Stress mit Frauen gab. Er habe Armin B. als Geburtstagskind nach draußen gebeten, um ihm ins Gewissen zu reden. Daraufhin seien dessen Freunde mitgekommen. Plötzlich sei eine zweite Gruppe aufgetaucht, der er den Einlass verweigert habe. Die Gruppe habe sich aggressiv verhalten. Türsteher Hans-Martin S. schilderte, wie dann eine Frau das Ebert’s verlassen habe, zur zweiten Gruppe gegangen sei und auf Armin B. gezeigt habe. Dann habe einer aus der Gruppe die Waffe gezogen und ohne zu zögern abgedrückt. Der Schütze sei nicht aufgebracht gewesen, habe gezielt auf den Unterleib des Opfers gefeuert.