Pinneberg
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„In Deutschland herrscht Islamophobie“

Sedat Şimşek ist seit 2009 der Vorsitzende der islamischen Religionsgemeinschaft DITIB-Nord Vorsitzender (umfasst Schleswig-Holstein, Hamburg und Teile von Niedersachsen). Er lebt in Pinneberg

Sedat Şimşek ist seit 2009 der Vorsitzende der islamischen Religionsgemeinschaft DITIB-Nord Vorsitzender (umfasst Schleswig-Holstein, Hamburg und Teile von Niedersachsen). Er lebt in Pinneberg

Foto: Anne Dewitz / HA

Muslime stießen auf Vorurteile, sagt Sedat Simsek von der Religionsgemeinschaft DITIB-Nord. Das spiele Radikalen in die Hände.

Pinneberg.  Sedat Simsek ist seit 2009 der Vorsitzende der islamischen Religionsgemeinschaft DITIB-Nord (umfasst Schleswig-Holstein, Hamburg und Teile von Niedersachsen). Der Vorstand wird alle drei Jahre gewählt. Ob der Pinneberger sich im nächsten Jahr zur Wahl stellen wird, möchte er erst noch mit seiner Frau beraten. Es ist ein Ehrenamt, das wenig Zeit für die Familie lässt. Mit seinen 35 Vereinen – 34 Moscheegemeinden und ein Bildungsverein – hat es sich die DITIB als größter muslimischer Dachverband in Deutschland zum Ziel gesetzt, das Miteinander von Muslimen und Nichtmuslimen in Deutschland zu fördern und einen Beitrag dafür zu leisten, dass Muslime als Teil der Gesellschaft ihren Beitrag für die Zukunft des Landes erbringen. Dabei ist die DITIB-Nord auch stark in den Bereichen der Bildung, der Jugend- und Frauenarbeit sowie im Sozialen und Kulturellen Bereich engagiert.

Hamburger Abendblatt: Auch in Pinneberg erfährt die Moschee durch die vielen Flüchtlinge einen enormen Zuwachs bei den Freitagsgebeten. Vor welche Herausforderungen stellt Sie das?

Sedat Simsek: In Pinneberg müssen wir im Innenhof Teppiche auslegen, um alle unterzubringen. Vor der Flüchtlingskrise kamen zwischen 300 und 400 Muslime, jetzt sind es 200 mehr. Das stellt uns nicht nur räumlich vor Herausforderungen. Bislang wurde die Freitagspredigt, die bundesweit in allen DITIB-Gemeinden einheitlich ausgestrahlt wird, auf Deutsch und Türkisch gehalten, da die Türken bislang mit 70 Prozent die größte Gruppe der Muslime ausmachten. Nun suchen wir nach Möglichkeiten, ins Arabische zu übersetzen. Zusätzliche Übersetzungen ziehen das Gebet in die Länge. Bislang behelfen wir uns mit einer kurzen Zusammenfassung auf Arabisch. Wir bieten aber mehr als nur Gebetsräume. Es geht auch um den praktischen Lebensbezug. Wir versuchen, den Flüchtlingen mit Deutsch- und Integrationskursen zu helfen, ihnen mit allgemeinen Informationen die Eingliederung zu erleichtern. DITIB arbeitet mit dem Bundesfamilienministerium zusammen an einem Konzept, wie wir Flüchtlinge sozial einbinden können. Der Bundesverband und damit auch wir hier in Pinneberg übernimmt Patenschaften für die Flüchtlinge – auch für christliche. Dabei geht es um praktische Hilfe im Alltag. Das Ziel ist es, dass sie spätestens nach einem Jahr selbstständig für sich sorgen können.

Die Flüchtlingskrise hat in Deutschland die Diskussion über den Islam hierzulande befeuert. Was sagen Sie zu der Forderung, Moscheen künftig nicht durch ausländische Investoren finanzieren zu lassen?

Simsek : Wir finanzieren uns aus Mitgliedsbeiträgen und privaten Spenden wie jeder andere Verein auch. Es gibt keine wohlwollenden Geldgeber aus dem Ausland. So weit reicht die muslimische Nächstenliebe auch nicht (lacht).

Und wie bewerten Sie die Forderung, Imame einzusetzen, die an deutschen Universitäten ausgebildet sind?

Simsek : Das hätte man schon vor 20 Jahren machen müssen. Dass Imame aus der Türkei in deutschen Moscheen vorbeten, beruht auf einem Modell aus den 80er-Jahren. Wir arbeiten seit Jahren an Konzepten, wie Imame an deutschen Universitäten ausgebildet werden können. Bislang gibt es keine derartige Möglichkeit. Darum sind wir auf Geistliche aus der Türkei angewiesen. Das heißt nicht, dass türkische Imame Radikalität fördern. Das sind gut ausgebildete Theologen, die den Gedanken der Partizipation betonen. Ihnen fehlen aber Kenntnisse über Gesellschaft und Geschichte Deutschlands. Sie können nur religiöse Dienste anbieten und vorbeten. Wir Muslime möchten aber in den Dialog treten, und das muss künftig durch Imame, die hier ausgebildet worden, unterstützt werden. Nur so kann der Islam hier eine feste Beheimatung finden, können Muslime als Teil der deutschen Gesellschaft anerkannt werden. Auf akademischer Ebene treten wir in Pinneberg übrigens schon regelmäßig in den interreligiösen Dialog. Alle zwei bis drei Monate kommen Vertreter der islamischen, christlichen und der jüdischen Gemeinde zusammen, um sich auszutauschen. Solche Impulse möchten wir an die Basis weitergeben.

Pinneberg stand vor einigen Jahren in den Schlagzeilen, weil sich Radikale in einer Hinterhofmoschee getroffen haben, um Hass zu predigen...

Simsek : Ich würde das nicht als Moschee bezeichnen. Es ist ein Ort, wo radikale Ideologien ausgetauscht wurden. Menschen, die sich vom Extremismus angezogen fühlen, haben nie ein Gemeindeleben miterlebt. Sie sind nicht als Kind mit ihrem Vater zum Freitagsgebet gegangen. Wir versuchen, durch gute Jugendarbeit unseren Jugendlichen Sicherheit zu geben, ihnen die Religion und Werte zu vermitteln, damit sie gegen dumme Gedanken gewappnet sind. Die Taktik der Radikalen ist es, die Jugendarbeit in den Moscheen zu unterwandern. Sie bieten ihre Hilfe an, zeigen sich engagiert und biedern sich bei Vorstand und Imamen an. Es ist nicht immer leicht, die Situation sofort zu durchschauen. Wenn sie auffliegen, verweisen wir auf unsere Hausordnung.

Und was besagt die?

Simsek : Dass wir Intoleranz nicht tolerieren, und die gesellschaftliche Grundordnung macht auch unsere Grundwerte aus. Menschenverachtende Ansichten sind nicht tolerierbar. Ein Grund, warum Jugendliche sich von radikalen Strömungen angezogen fühlen, ist, dass sie sich ausgegrenzt fühlen. In Deutschland herrscht eine Islamophobie. In Befragungen wird deutlich, dass viele Deutsche Muslime nicht für demokratiefähig halten, sie halten sie sogar für gewaltbereit. Muslime stoßen im Alltag auf Vorurteile. Diese Ausgrenzungserfahrung spielt Radikalen in die Hände. Sie vermitteln den Jugendlichen: Wir sind deine Familie. Anderseits kann man argumentieren: Wer es in einem Land mit so vielen Möglichkeiten nicht schafft, in dem jeder Zugang zu Bildung und Arbeit hat, dann ist es seine persönliche Schuld, dass er versagt und sich radikalisiert. In beidem liegt ein Stück Wahrheit.

Auch die Rolle der Frau im Islam ist immer wieder Thema öffentlicher Diskussionen...

Simsek : Es stimmt, dass viele Muslime noch ein sehr fragliches Frauenbild im Kopf haben. Vorurteile bestimmen das Rollenverständnis. Wir machen das in Predigten immer wieder mal zum Thema. In der Vereinsarbeit ist in der Satzung zudem festgeschrieben, dass mindestens zwei Frauen in den Vorstand gewählt werden müssen. DITIB-Nord hat es sich zum Ziel gesetzt, den Anteil von Frauen in den Gemeinden zu erhöhen und ihre aktive Teilnahme am Gemeindeleben zu fördern. Dabei unterstützt DITIB-Nord die Frauen in vielen Problemen des täglichen Lebens und bietet ihnen Beratung und Unterstützung gegen jede Form der Unterdrückung und Ausgrenzung. Das Umdenken ist ein Prozess, den wir unterstützen.