Pinneberg
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Stiftungsserie: Hüter der niedrigen Miete

Geschäftsführer Ingo Worm (von hinten) sowie die stellvertretenden Vorsitzenden Thilo Binné und Claus Dieter Westphal sitzen auf einer Bank im Bereich der bei Senioren sehr beliebten Stiftungswohnungen am Clara-Bartram-Weg

Geschäftsführer Ingo Worm (von hinten) sowie die stellvertretenden Vorsitzenden Thilo Binné und Claus Dieter Westphal sitzen auf einer Bank im Bereich der bei Senioren sehr beliebten Stiftungswohnungen am Clara-Bartram-Weg

Foto: Thomas Pöhlsen / HA

Die Pinneberger Stiftung „Wir helfen uns selbst“ verhilft Senioren mit wenig Geld und Großfamilien zu einem günstigen Zuhause.

Pinneberg.  Einst gegründet, um die Wohnungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg zu lindern, ist die Stiftung „Wir helfen uns selbst“ heute zu einer sozialen Stütze für Senioren mit schmalem Budget sowie große Familien in Pinneberg geworden. „Wir können sehr günstige Mieten bieten“, sagt Geschäftsführer Ingo Worm.

Wohnraum war nach dem Zweiten Weltkrieg Mangelware in Deutschland. Viele Gebäude waren den Bombardements zum Opfer gefallen. Die Rückkehrer aus Kriegsgefangenschaft sowie Flüchtlinge aus dem Osten verschärften die Situation. Viele Menschen warteten auf staatliche Hilfe – die nicht kam. Also ergriffen mehrere einflussreiche Personen in Pinneberg die Initiative. „Wir helfen uns selbst“ war nicht nur ihr Motto, sondern wurde auch zum Titel der Stiftung, die sie initiierten.

Im Mai 1959 war die Gründung durch die Firmen Binné und Ölting, den Bauverein Pinneberg und die Stadt Pinneberg. Beide Unternehmen und die Genossenschaft brachten je 5000 Mark ein, die Stadt die Grundstücke.

Das erste Projekt waren Häuser an der Breslauer Straße. Auf der grünen Wiese entstanden in einem gigantischen Wohnungsbauprogramm auch Immobilien anderer Wohnungsbaugesellschaften. „Dagegen ist heute die Eggerstedt-Kaserne Pillepalle“, sagt der Geschäftsführer. Kontinuierlich wurde weitergebaut. Mittlerweile hat die Stiftung einen Bestand von 250 Wohnungen und verfügt über eine Wohnfläche von 13.521 Quadratmetern. Eine Besonderheit bilden zwei Wohneinheiten, die an die jüdische Gemeinde sowie das DRK vermietet sind. Das sehen die Stiftungs-Lenker als Teil der sozialen und gesellschaftlichen Aufgabe der Stiftung. Und eine Wohnung ist derzeit an die Stadt Pinneberg zur Unterbringung von Flüchtlingen vermietet.

Kaltmiete bei rund fünf Euro pro Quadratmeter

Wohnungen werden an Rentner mit Wohnungsberechtigungsschein sowie Familien mit mindestens drei Kindern vergeben. Sie müssen sich schriftlich bewerben. Aktuell finden sich 60 Anträge von Familien in den Bewerbungsakten. Bei der Auswahl geht es nicht nur um die Reihenfolge des Eingangs. Pinneberger sowie Menschen, die einen Bezug zur Stadt haben, bekommen den Vorzug gegenüber Auswärtigen. Bei der Vergabe wird auch auf die Nationalität sowie ethnische Besonderheiten geachtet. „Wir wollen keine Ghettos“ sagt Worm. Menschen verschiedener Herkunft sollen miteinander leben können.

Familien zahlen eine Kaltmiete zwischen 4,95 und 5,25 Euro, Senioren zwischen 4,95 und 5,35 Euro. Praktisch alle Wohnungen sind aus der Mietpreisbindung gefallen. Trotzdem werden die Mieten nicht angehoben, wie es in mehr oder weniger großem Umfang bei Wohnungsbaugenossenschaft Usus ist. Dass die Preise unverändert bleiben, ist dem Vorstand durch die Satzung vorgegeben.

Diese sensationell günstigen Mieten werden auch durch eine besonders sparsame Verwaltungsarbeit gewährleistet. Die Geschäftsstelle ist in einer ehemaligen Ein-Zimmer-Wohnung am Clara-Bartram-Weg untergebracht. Außer Worm arbeitet dort noch eine Sekretärin. Beide haben je eine 30-Stunden-Stelle. Dem Geschäftsführer kommt auch eine soziale Aufgabe zu. „Er kümmert sich, kennt alle Familien und ihre Sorgen“, sagt Claus Dieter Westphal, stellvertretender Vorsitzender der Stiftung.

Besonderen Stellenwert haben die 60 Wohnungen, die an Großfamilien vermietet sind. In diesem Marktsegment ist die Stiftung der größte Anbieter in Pinneberg. Günstige Wohnungen seien für kinderreiche Familien sehr schwer zu bekommen, sagt Worm. Wohnungen mit vier oder mehr Zimmern würden kaum gebaut, und wenn doch, werden sie an Paare oder Kleinfamilien vergeben.

Neuland betrat der Stiftungsvorstand 2010 mit dem Mehrgenerationenhaus Sonnenland. In einem Teil leben Rentner, in einem anderen Familien. Um die Gemeinschaft zu entwickeln, hat jeder eine kleine Aufgabe. Regelmäßig gibt es Mieterversammlung. Neue Bewohner werden bei einem Treffen allen vorgestellt.

Die Mehrzahl der Stiftungs-Wohnungen wurde in den 60er- und 70er-Jahren gebaut. Sie sind energetisch weit entfernt von heutigem Stand und sanierungsbedürftig. Inzwischen gibt es einen Plan, nach dem der Bestand bis 2025 aufgearbeitet worden sein soll. Dabei achten die Planer darauf, dass die zumeist kleinen Wohnungen für die Bedürfnisse älterer und gehbehinderter Menschen umgestaltet werden.

Neubauten sind angesichts der Grundstückspreise in Pinneberg praktisch nicht mehr zu realisieren. Zusätzlicher Wohnraum wird geschaffen, indem bei Sanierungen die Häuser zusätzlich aufgestockt werden. Dies ist zum Beispiel bei den Häusern am Clara-Bartram-Weg geplant, die sich wegen der Nähe zur Pinneberger Innenstadt bei den Rentnern besonderer Beliebtheit erfreuen. Bei dem für 2018 geplanten Projekt könnten Außenaufzüge angebaut werden, um rollstuhlgerechte Wohnungen zu schaffen.

Worm führt die Geschäfte und wird von einem elfköpfigen Vorstand kontrolliert. An der Spitze steht laut Satzung der Pinneberger Bürgermeister, zurzeit also Urte Steinberg. Fünf Kommunalpolitiker sind vertreten. Sie wählt die Ratsversammlung. Hinzu kommen fünf Vertreter aus der Wirtschaft sowie dem sozialen und gesellschaftlichen Leben, die von der Bürgermeisterin ausgewählt werden.

Seit gut einem Jahr gehört zu ihnen Thilo Binné, Enkel von Hugo Binné, einem der Gründern der Stiftung. „Bei allen Veränderungen, die die heutige Zeit mit sich bringt, wird mit dieser Stiftung eine Tradition erhalten“, sagt der Geschäftsführer der Pinneberger Baustofffabrik. Mit der Vermietung der Wohnungen werde Kontinuität und Verlässlichkeit vermittelt.