Pinneberg
Elmshorn

Musik aus der Tiefe der russischen Seele

Der Kammerchor der Russisch Orthodoxen Kirche des Heiligen Prokop Hamburg in der Ansgarkirche in Elmshorn

Der Kammerchor der Russisch Orthodoxen Kirche des Heiligen Prokop Hamburg in der Ansgarkirche in Elmshorn

Foto: Elvira Nickmann / HA

Kritik der Woche: In Elmshorn präsentierte der Kammerchor der Orthodoxen Kirche in Hamburg lithurgische Gesänge, die zu Tränen rührten.

Elmshorn.  Sonnabend in der Elmshorner Ansgarkirche: Das helle Glockenspiel zur vollen Abendstunde ist gerade verklungen, die Besucher haben sich auf den hellen Holzbänken verteilt. Sie sind gekommen, um die liturgischen Gesänge eines besonderen Chors zu hören, des Kammerchors der Russisch Orthodoxen Kirche des Heiligen Prokop Hamburg.

Es mutet fast feierlich an, als die 18 schwarz gekleideten Frauen und Männer das Kirchenschiff betreten und sich vor dem Altar aufreihen. Auf ein Zeichen von Chorleiterin Irina Gerassimez hin erklingen die Stimmen, füllen augenblicklich den Raum und streben in die Höhe. Zwar sind alle Stimmlagen unter den Chormitgliedern vertreten, doch sticht naturgemäß besonders der Tief-Bass hervor, der unverzichtbar und repräsentativ ist für diese Art des Gesangs.

Einmal die Augen schließen, und schon eröffnet sich die ganze Pracht und Tiefe der Stücke, die so oft zitierte „russische Seele“ in ihrer Vielschichtigkeit. Dazu gehört unbedingt, dass die Texte auf Russisch gesungen werden, nur manchmal rezitiert Philipp Störzel mit seiner wunderbar vollen tiefen Stimme den Part, den während der Gottesdienste sonst ein Priester übernimmt, auf Deutsch.

22 Stücke stehen auf dem Programm. Sie bieten einen Querschnitt aus verschiedenen Gottesdiensten und Jahreszyklen. Viele davon wurden handschriftlich vom ersten Dirigenten des russischen Chores der Exilgemeinde aus dem Gedächtnis niedergelegt. Sänger russischer Nationalität sind kaum noch vertreten im Chor, den Fjodor Gerassimez nach Ende des Zweiten Weltkriegs gründete. Aber alle Mitglieder verbindet die Liebe zur russisch-orthodoxen Liturgie. Es sei die Einzigartigkeit der Musik, die ihn fasziniere, sagt Chorsänger Thomas Bocke. Im Unterschied zu westlichen Chören, bei denen Frauenstimmen überwiegen, stehen bei dem Kammerchor der Russisch Orthodoxen Kirche Männer- und Frauenstimmen in ausgewogenem Verhältnis zueinander.

Die Musik besitze die Kraft, ihre Hörer in einen fast meditativen Zustand zu versetzen. „Sie bringt etwas in uns zum Schmelzen“, sagt Chorleiterin Irina Gerassimez, Tochter des Gründers. Keine leeren Worte, die berührende Wirkung der Klänge zeigt sich bildhaft, als einige Besucher während des Konzerts in Tränen ausbrechen. „Die Maske, die wir sonst tragen, loszulassen und uns einverstanden erklären mit dem Leben, so wie es ist“, beschreibt die Chorleiterin diesen Zustand. Auch wenn Tränen fließen, sind die Konzerte keine traurige Angelegenheit. Sie sind im Gegenteil Lobpreis des Göttlichen, Jubelgesang und Gebet in einem. Um sie zu genießen, muss man weder gläubig noch spirituell sein, nur sein Herz öffnen.

Der Kammerchor ist zu hören bei den deutschen Gottesdiensten der Russischen Kirche des Heiligen Prokop in Hamburg, Hagenbeckstraße 10. Nächster Termin am Sonnabend, 4. Juni, von 17 bis 19.30 Uhr.