Pinneberg
Wedel

Ältere Menschen aus der Einsamkeit holen

Der vom Großvater geerbte Große Brockhaus aus dem Jahr 1893 gehört zu Otto G. Schades bevorzugter Lektüre

Der vom Großvater geerbte Große Brockhaus aus dem Jahr 1893 gehört zu Otto G. Schades bevorzugter Lektüre

Foto: Thomas Pöhlsen / HA

Stiftung für Seniorenaus Wedel organisiert Betreuungsangebote. Spenden sichern die Arbeit. Stiftungsgründer auf Expansionskurs.

Wedel.  Die „Einsamkeit hinter den Türen“ will die Stiftung für Senioren in Wedel bekämpfen. Denn viele Bewohner von Seniorenanlagen kämen aus den verschiedensten Gründen nicht mehr aus ihren Wohnungen, wünschten sich jedoch Kontakt, sagt Otto G. Schade, der 96 Jahre alte Gründer der Stiftung. Deswegen sorgt die Stiftung für Besuch. Betreuer treffen die älteren Menschen und machen ihnen so eine Freude.

Die Idee kam dem Kaufmann Ende des vergangenen Jahrhunderts. Kurz hintereinander erlebte der Bewohner der Kursana Residenz in Wedel, wie zwei Bewohnerinnen die Einrichtung verlassen mussten. „Alte Bäume verpflanzt man nicht“, zitiert er eine alte Weisheit.

Um solche ungeplanten Wohnungswechsel zu verhindern, wollte er die Gründung einer Stiftung initiieren. Dies legte er Peter Dussmann, dem damaligen Chef der Dussmann Gruppe, zu der die Wedeler Senioreneinrichtung gehört, ans Herz. Doch das Ansinnen wurde abgelehnt, und es kam die Anregung, dass Schade eine Stiftung gründen könnte. Der agile Rentner nahm sich des Gedankens an, änderte jedoch den Stiftungszweck in einem für ihn handhabbaren Sinne.

Seit 2000 kümmert sich die Stiftung um die „Beschaffung von Mitteln zur Förderung der Altenhilfe durch Dritte“. Anfangs wurden Ausflüge organisiert, etwa zum Matjesessen nach Glückstadt und zur Besichtigung der Kanalschleuse in Brunsbüttel. Der weiteste Ausflug sollte vom Flugplatz in Heist nach Ostfriesland führen. Die dortige Magnetschwebebahn wollten die Senioren besichtigen. Doch zuvor verunglückte der Transrapid, sodass es nicht mehr dazu kam. Dann rückte der einzelne Mensch mehr in den Fokus des Stifters. Bewohner der Einrichtungen vereinsamen, hat Schade beobachtet. Ihre Freunde und ältere Verwandte versterben. Die Senioren werden gebrechlich und bleiben aus Angst vor Unfällen lieber zu Hause.

Deswegen wurde „Betreuung kann es nie genug geben“ zum neuen Motto, sagt Lutz O. Schade, Sohn des Stiftungsgründers, der sich im Stiftungsvorstand engagiert. Die Betreuung reicht heute von der Unterhaltung und einem Spaziergang über Einkaufen und Kaffeetrinken bis zum Vorlesen und Basteln. Die Senioren können ihre Wünsche äußern.

Heute übernehmen 16 Mitarbeiter die Betreuung, sagt Birgit Stößner vom Vorstand der Stiftung. Eine festangestellte Kraft übernimmt die Koordination der Arbeit. Sie stimmt den Einsatz mit dem sozialen Dienst der Kursana Residenz ab. 5130 Stunden wurden im vergangenen Jahr von den Betreuern geleistet. Die Mitarbeiter sind in der Regel weiblich, älter als 40 Jahre, geringfügig beschäftigt und können sich die Zeit flexibel einteilen. Viele begreifen ihre Tätigkeit als Aufgabe für den Nächsten. Und die Senioren machen die Besuche „sehr glücklich“, sagt Lutz O. Schade.

Die Betreuer übernehmen vielfältige und manchmal auch ungewöhnliche Aufgaben für die Senioren. So sorgte sich eine Bewohnerin um ihren Sohn, der die Angewohnheit hat, sie regelmäßig zu besuchen, berichtet Birgit Stößner. Da er einige Zeit nicht gekommen war, bat die Dame ihre Betreuerin, mit einem Anruf bei dem Sohn nachzuforschen. Der lag im Krankenhaus, aber er hatte seiner Mutter von der bevorstehenden Behandlung nicht erzählen wollen, um sie nicht zu beunruhigen. Doch leider war das Gegenteil der Fall. Die Neuigkeit beruhigte die Dame, denn sie hatte weitaus Schlimmeres befürchtet.

Oder eine Seniorin erklärt, dass sie keinen Kontakt brauche und keine Unterstützung möchte. Doch als die Betreuerin sie besucht, fängt die Dame an zu reden, scheint gar nicht wieder aufhören zu wollen, und als die Betreuerin geht, lächelt sie.

Bezahlt wird die Arbeit nicht wie bei Stiftungen üblich aus den Erlösen, die aus der Anlage des Stiftungsvermögens entstehen, sondern aus Spenden. Manchmal geben die Senioren oder deren Verwandte Geld. Verstorbene bedenken die Arbeit der Stiftung in ihrem Testament oder möchten von den Teilnehmern der Beerdigung eine Unterstützung statt Blumen oder Kränze.

Um das Miteinander in dem Haus hatte sich Schade senior schon in vielerlei Weise gekümmert. Als Heimbeiratsvorsitzender engagierte er sich 16 Jahre. Eine „Themenwoche Ostpreußen“ mit Vorträgen und Lesungen wurde organisiert, Vorträge über Wallenstein und die Geschichte Schleswig-Holstein gehalten. Dem Historischen fühlt er sich auch heute noch verbunden, wo so manches der früheren Hobbys nicht mehr betrieben werden kann. Gern schmökert Schade in dem Großen Brockhaus aus dem Jahr 1893, den ihm der Großvater vermachte.

Der tatkräftige Rentner, der so wunderbar verschmitzt lächeln kann, schmiedet derzeit neue Pläne. Die Arbeit der Stiftung läuft so erfolgreich, dass sie ausgeweitet werden soll. Otto G. Schade möchte die Betreuung in anderen Senioreneinrichtungen anbieten. Wer sich für diese Möglichkeit interessiert, nimmt über die E-Mailadresse
seniorenstiftung@gmx.de Kontakt auf.