Pinneberg
Halstenbek

Asylantrag: Das Warten auf den Bescheid

Flüchtling Rami-Said Al-Schech und seine Patin Cornelia Lengjel-Safavi

Flüchtling Rami-Said Al-Schech und seine Patin Cornelia Lengjel-Safavi

Foto: Arne Kolarczyk / HA

Syrischer Asylbewerber aus Halstenbek hat auch nach 16 Monaten in Deutschland noch keinen Termin für eine persönliche Anhörung.

Halstenbek.  Zwei Jahre lang hat Rami Said al-Schech auf Deutschland warten müssen. So lange dauerte seine Flucht aus dem zerbombten Aleppo, die durch sieben Länder führte. Im Dezember 2014 kam er hier an und stellte einen Asylantrag. Seitdem muss er wieder warten. Und zwar auf die Entscheidung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge Nach 16 Monaten in Deutschland wartet der 20-Jährige noch immer auf seinen persönlichen Anhörungstermin bei der Bundesbehörde, der Grundlage für die spätere Entscheidung ist.

„Ich habe inzwischen das Gefühl, dass er vergessen worden ist“, sagt seine Patin Cornelia Lengjel-Safavi. die Halstenbekerin betreut für die Gemeinde ehrenamtlich 30 Flüchtlinge. Acht von ihnen, darunter Rami Said al-Schech, bietet sie auch ein Obdach. „Die anderen haben längst ihre Anerkennung, nur er wartet immer noch. Ich weiß inzwischen nicht mehr, wie ich ihm das erklären soll“, sagt die Flüchtlingsbetreuerin.

Sie hat dem 20-Jährigen inzwischen den Kontakt zur Lübecker Rechtsanwaltskanzlei Wübbolt vermittelt, die viele Asylbewerber im Verfahren begleitet. „Herr al-Schech ist kein Einzelfall“, sagt Kanzleimitarbeiterin Michele Iqbal. In der Kanzlei gebe es diverse Fälle dieser Art, die unter der Überlastung des Bundesamtes für Migration leiden müssen. „Wir haben bisher nicht rausfinden können, nach welchem System das Bundesamt arbeitet.“

Der Fall Rami Said al-Schech ist ein Beispiel für ein nicht funktionierendes System. Der 20-Jährige, dessen Vater in seiner Heimat durch eine Bombe stirbt, flüchtet im Jahr 2012 zunächst zu Fuß in die Türkei. Von dort aus macht er sich auf den beschwerlichen Weg nach Deutschland, der ihn durch Griechenland, Mazedonien, Montenegro, Serbien, Ungarn und schließlich Österreich führt, ehe er in Bayern die deutsche Grenze passiert.

In Ungarn nahm ihn die Polizei fest. Grundlos, wie er sagt. „Ich war sechs Tage inhaftiert, habe drei Tage nichts zu Essen bekommen.“ Nach Abnahme der Fingerabdrücke schickten ihn die Ungarn zurück in die Türkei. Von dort aus machte sich der heute 20-Jährige erneut auf den Weg nach Deutschland – diesmal ohne aufgehalten zu werden. Das Kapitel Ungarn soll Rami Said al-Schech jedoch noch einmal einholen. Nach dem er im Dezember 2014 in Deutschland den Asylantrag stellt, kommt er zunächst nach Bremen, dann nach Halstenbek. Dort wohnt er in der Asylunterkunft an der Altonaer Straße, wo ihn am 3. März 2015 der Bescheid des Bundesamtes erreicht. Darin wird sein Asylantrag in Deutschland mit der Begründung abgelehnt, dass laut der Dublin III-Verordnung das EU-Land Ungarn für ihn zuständig sei, weil er dort durch Abgabe der Fingerabdrücke erstmals erfasst worden sei. Doch die Sechs-Monats-Frist, mit der der 20-Jährige nach Ungarn hätte überstellt werden können, lässt das Bundesamt verstreichen.

„Das verwundert kaum, schließlich nimmt Ungarn so gut wie keine Flüchtlinge auf“, sagt Patin Cornelia Lengjel-Safavi. Am 16. Februar 2016 hebt die Fünfte Kammer des Schleswig-Holsteinischen Verwaltungsgerichts den Bescheid des Bundesamtes vom 3. März 2015 auf. Im Urteil heißt ist, der Bescheid sei schon aufgrund der nicht eingehaltenen Überstellungsfrist rechtswidrig. Die Bundesrepublik Deutschland sei nun zuständig.

Doch die tut sich mit Rami Said al-Schech schwer. Seine Landsleute, die im Jahr 2015 nach Deutschland gekommen waren, wurden ohne Einzelfallprüfung durchgewunken. Seit 2016 gilt sie wieder – und damit auch die persönliche Anhörung, auf deren Termin Rami Said al-Schech wartet. „Das kann noch Monate dauern, bis es dazu kommt“, sagt Michele Iqbal von der Lübecker Anwaltskanzlei. Und bis zur endgültigen Entscheidung des Bundesamtes werde weitere Zeit vergehen.

Für Rami Said al-Schech heißt es weiter warten. Ein Wiedersehen mit seinem älteren Bruder, der nach Schweden geflüchtet ist, ist genauso unmöglich wie ein Treffen mit seiner Mutter und seinem jüngsten, durch eine Bombe schwer verletzen Bruder, die in der Heimat geblieben sind. Ohne Entscheidung über den Asylantrag darf der 20-Jährige Deutschland nicht verlassen. Und auch eine Arbeitserlaubnis ist eigentlich nicht möglich. Aufgrund einer Ausnahmegenehmigung durfte Rami Said al-Schech drei Monate ein Praktikum in einem Hamburger Restaurant machen. Eine Ausbildung als Koch könnte sich anschließen – wenn das Warten ein Ende haben sollte.