Pinneberg
Spaßmbobile

Bierbikes erobern Halstenbeks Möbelmeile

Die Bier-Bike-Touristen aus England haben sichtlich Spaß an der Tour mit der Linie 66 durch Halstenbek. In der Wohnmeile sorgt der Muskelkraft-Rolltresen wegen seiner geringen Geschwindigkeit für Verdruss bei manchen Autofahrern. Einige versuchen dann riskante Überholmanöver

Die Bier-Bike-Touristen aus England haben sichtlich Spaß an der Tour mit der Linie 66 durch Halstenbek. In der Wohnmeile sorgt der Muskelkraft-Rolltresen wegen seiner geringen Geschwindigkeit für Verdruss bei manchen Autofahrern. Einige versuchen dann riskante Überholmanöver

Foto: Rainer Burmeister / HA

Weil Hamburg sie verbannte, sind die rollenden Kneipen jetzt in Halstenbek unterwegs. Für Autofahrer können sie Geduldsprobe bedeuten.

Halstenbek.  Die S-Bahn-Station Halstenbek ist für die Gemeinde zweifellos ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt: Nicht nur Züge stehen den Pendlern zur Verfügung, auch Linienbusse fahren den Bahnhof an. Außerdem gibt es einen geräumigen Park-and-ride-Platz, auf dem täglich Hunderte Autos abgestellt werden.

Doch an Wochenenden ist die Station Halstenbek auch Ausgangspunkt für eine höchst spezielle Variante des Personennahverkehrs. Dann startet nämlich vom Park-and-ride-Platz aus die Linie 66 zu einer Rundfahrt durch die Gemeinde.

Dass die 66 nicht Bestandteil des Hamburger Verkehrs-Verbunds ist, wird schon daran deutlich, dass HVV-Tickets nicht zur Mitfahrt berechtigen. Hinzu kommt die ungewöhnliche Antriebstechnik. Ein Gemisch aus Muskelkraft und Gerstensaft sorgt dafür, dass sich das Fahrzeug im Format eines Mini-Busses behäbig fortbewegt. Für den Vortrieb sorgen dabei die Passagiere. Sie nehmen auf Sätteln Platz, die beidseits des rollen Ungetüms quer zur Fahrtrichtung montiert sind. Dies Position verschafft Zugang zum Tresen, an dem frisch gezapftes Bier vom Fass kredenzt wird. Die Füße der Fahrgäste bedienen derweil einen Tretantrieb, der das überdachte Spaßmobil auf Touren bringt.

Kenner der Verhältnisse wissen spätestens jetzt, dass es sich bei dem Gefährt um ein sogenanntes Bier-Bike handelt. Solche rollenden Kneipen waren bis vor ein paar Monaten auch in Hamburger Stadtteilen wie St. Pauli unterwegs. Doch Hamburgs Bezirksverwalter zogen die Spaßbremse und verbannten die Bierbikes von den Straßen.

Seitdem ist Halstenbek zum Ersatzschauplatz des feucht-fröhlichen Ausflugstourismus geworden. Vielleicht hat da jemand etwas durcheinander gebracht. In der Baumschulgemeinde gibt es zwar ein Flüsschen namens Ballerbek, doch mit dem Ballermann auf Mallorca hat das nun wirklich nichts zu tun.

Sei’s drum: Statt Reeperbahn und Hafenstraße heißt es jetzt Hartkirchener Chaussee, Hauptstraße und Gärtnerstraße. Das ist etwa der Verlauf des Rundkurses, der ziemlich zielstrebig in die Halstenbeker Wohnmeile führt. Dafür, dass die Linie 66 nicht Schlangenlinie fährt, ist gesorgt. Hinterm Lenkrad (jawohl Lenkrad, es stammt von einem alten Peugeot) des Bierbikes sitzt eine junge Frau, die bei der Linie 66 angestellt ist.

Und diese freundlich-resolute Verkehrsexpertin ist im Gegensatz zu den mindestens zehn meist männlichen Passagieren garantiert stocknüchtern. Die Dame gibt den Ton an, wenn es gilt, in die Pedalen zu treten. Außerdem hat sie die Macht, das Bike per Bremspedal zum Halten zu bringen.

Der Charme der Frau am Steuer, die ihren Namen nicht verraten will, trägt dazu bei, die Verkehrslage zu entspannen. Denn die Reaktionen der Autofahrer sind auf der viel befahrenen Gärtnerstraße im Zentrum der Wohnmeile höchst unterschiedlich. Wird vom Gegenverkehr noch fröhlich gehupt und gewinkt, so machen die hinter dem Bierbike in der Stauschlange ausharrenden Fahrzeugführer meistens lange Gesichter. Dem folgen, wenn sich dann mal Lücken ergeben, oft riskante und aggressive Überholmanöver.

Die Rundfahrt wird auf dem Kundenparkplatz zwischen zwei Möbelhäusern unterbrochen. Auch beim Parken kann weiter gezapft und getrunken werden. Vor allem gibt es aber auch Gelegenheit, die Kundentoiletten anzusteuern.

Große Nachfrage bei Briten und Niederländern

Auf Tour sind an diesem Tag zum Beispiel sympathische junge Männer aus der südenglischen Grafschaft Hampshire. Die jungen Briten sind zu einem verlängerten Wochenende per Flugzeug nach Hamburg gereist, um dort mit ihrem Kumpel Dave den Jungegesellenabschied zu zelebrieren. Dave heiratet Mitte April. Jetzt sitzt er, mit einem altmodischen Damennachthemd nebst Haube dekoriert, auf dem Bier-Bike und hat gute Laune. Nach dem zweistündigen Trip durch Halstenbek soll es noch ins Volksparkstadion gehen.

Die Bike-Touren, Stundenpreis inklusive Bier, um die 120 Euro, werden vorwiegend von Hamburg-Touristen aus dem In- und Ausland gebucht. Engländer und Niederländer sind besonders stark vertreten. Neben Jungegesellenabschieden sind auch Betriebsauflüge und Geburtstagspartys Anlass, die rollenden Bartresen zu chartern.

In Halstenbek gibt es nach Auskunft der Fahrdienstleiterin keine Probleme. Das sieht ein Anwohner, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, allerdings anders. Er hat beobachtet, wie vor einigen Wochen Bierbike-Touristen gegen geparkte Autos pinkelten.

Immerhin: Die Ordnungsbehörden sind noch nicht eingeschaltet. Weder im Halstenbeker Rathaus noch bei der Polizei hat man Kenntnis von dem neuen Tourismus-Angebot. Verboten ist diese Art der feucht-fröhlichen Fortbewegung nicht. Fahrzeuge, die mit Muskelkraft betrieben werden, unterliegen nicht der Zulassungspflicht, heißt es im Straßenverkehrsamt.