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Elmshorn

Viele Flüchtlinge nutzen Trauma-Ambulanz

Nicht nur die gefährliche Fahrt über das Mittelmeer hinterlässt Spuren bei den Flüchtlingen. Viele sind traumatisiert, wenn sie in Deutschland ankommen

Nicht nur die gefährliche Fahrt über das Mittelmeer hinterlässt Spuren bei den Flüchtlingen. Viele sind traumatisiert, wenn sie in Deutschland ankommen

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Angebot von Verein Wendepunkt und Regio Kliniken wird zunehmend von Geflüchteten genutzt, um die Erlebnisse der Flucht zu verarbeiten.

Elmshorn.  Immer mehr Kriegsflüchtlinge finden den Weg in die Trauma-Ambulanz Westholstein des Vereins Wendepunkt und der Regio Kliniken für die Kreise Pinneberg und Steinburg. 2014 waren es nur acht Fallanfragen, ein Jahr später schon 27 von insgesamt 105. „Hinter den Zahlen stecken meist ganze Beratungssysteme, nicht nur eine einzelne Person“, sagt Ingrid Kohlschmitt. Die Leiterin der gewaltpräventiven Beratungsstelle stellte am Dienstag gemeinsam mit dem Psychologen Dirk Jacobsen, Leiter des Fachbereichs Traumaintervention, in Elmshorn den Tätigkeitsbericht vor. Wenn die sicher geglaubte Lebensgrundlage ins Wanken gerate, sei eine Beratung des sozialen Umfeldes wichtig, so Kohlschmitt. Dazu zählten Familienangehörige, Nachbarn, Fachkräfte aus Schulen, Kitas oder Jugendhilfe, die für Stabilität sorgen können.

„Unter einem Trauma verstehen wir eine Situation, in der ein Mensch vollkommen hilflos und ohnmächtig einem Geschehen ausgeliefert ist, das er nicht beeinflussen kann“, sagt Kohlschmitt. So hätten 70 Prozent der Flüchtlinge Gewalt gegenüber anderen mit ansehen müssen, 60 Prozent hätten Leichen gesehen und 50 Prozent seien selbst Opfer von Gewalt geworden. In Deutschland erlebten sie dann einen Kulturschock, fühlten sich sprachlos. In der Trauma-Ambulanz werden mit Hilfe von Dolmetschern Screenings gemacht, um festzustellen, ob eine Traumatisierung vorliegt und welche therapeutischen Maßnahmen notwendig sind. „Wir arbeiten mit dem Verein die Brücke zusammen, die einen Pool aus Dolmetschern aufgebaut hat und 23 Sprachen abdecken kann“, sagt die Diplom-Pädagogin.

Jugendhilfe finanziert Trauma-Ambulanz mit

„Im ersten Jahr haben wir die Trauma-Ambulanz aus 63.000 Euro Spenden und 42.000 Euro Eigenmitteln aufgebaut“, sagt Kohlschmitt. 2015 dann hätten 40.000 Euro weniger zur Verfügung gestanden. „Deshalb konnten wir nur 105 statt der 177 Fälle in 2014 bearbeiten.“ Doch nun sei endlich eine seriöse, langfristige Finanzierung dank der Jugendhilfe möglich.

Die steigende Zahl der Mädchen und Jungen, die in DaZ-Kursen Deutsch lernen, stellen Lehrkräfte vor Herausforderungen. Sie müssen nicht nur dafür sorgen, dass die jungen Flüchtlinge schnell die Sprache lernen, damit sie am regulären Schulunterricht teilnehmen können. Sie müssen auch mit Traumatisierten umgehen und ihnen ein Gefühl von Sicherheit vermitteln können. „Hier haben wir 2015 eine Ausschreibung des Landes gewonnen und konnten in ganz Schleswig-Holstein Fortbildungen in mehreren Etappen für die Fachkräfte anbieten“, sagt Kohlschmitt. Das Land habe signalisiert, die Arbeit mit dem Wendepunkt fortführen zu wollen.