Pinneberg
Wohnungslosigkeit

Immer mehr Obdachlose im Kreis Pinneberg

Foto: Paul Zinken / dpa

Konkurrenz mit Flüchtlingen um knappen bezahlbaren Wohnraum. Sichere Unterbringung von Frauen besonders schwierig.

Kreis Pinneberg.  Deutschland hat ein erstes Erfrierungsopfer in diesem Winter zu beklagen. Eine 57-jährige Obdachlose ist in einem Waldstück in der Nähe von Offenburg (Baden-Württemberg) erfroren. Angesichts der derzeitig niedrigen Temperaturen und deutlich steigender Wohnungslosenzahlen fordert die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe zusätzlichen Einsatz bei der Notunterbringung, um den Kältetod weiterer Menschen zu verhindern.

Auch im Kreis Pinneberg sind die Winternotprogramme angelaufen und die Unterkünfte für Obdachlose fast gänzlich belegt. 333 Menschen ohne feste Bleibe wurden im vergangenen Jahr im Kreis Pinneberg erfasst. In diesem Jahr sind es bereits 353, davon allein in der Stadt Pinneberg 109. „Uns steht aber nur ein begrenztes Kontingent an Unterbringungsmöglichkeiten zur Verfügung“, sagt Antje Mause. Die Sozialpädagogin arbeitet für die Beratungsstelle für Wohnungslose der Diakonie in Pinneberg und ist für den gesamten Kreis zuständig.

Für ihre Klienten nehme sie eine Verschärfung der Situation wahr. So seien aufgrund der gestiegenen Flüchtlingszahlen und der anhaltenden Migration aus süd- und osteuropäischen EU-Mitgliedsländern zusätzliche Anstrengungen in der Unterbringung nötig. Anerkannte Asylbewerber drohen wohnungslos zu werden, wenn sie die Flüchtlingsunterkünfte nach Abschluss ihres Asylverfahrens verlassen müssen, aber auf den knappen Wohnungsmärkten kein Zuhause finden. Ein Teil der Migranten aus den EU-Mitgliedsländern findet in Deutschland keine oder nur schlecht bezahlte Arbeit, keine Wohnung und benötigt existenzielle Hilfe. „Wir arbeiten an der Grenze unserer Möglichkeiten“, sagt Mause.

Zudem beobachte sie, dass der Druck, der auf den Mitarbeitern in den Ordnungsämtern laste, nicht selten an die sowieso schon psychisch labilen Wohnungslosen weitergegeben werde. „Ich habe schon erlebt, dass Klienten dazu genötigt werden, schriftlich zu erklären, die Differenz zur Miete aus eigener Tasche zu zahlen“, sagt sie. So dürfe die Miete laut Richtwert in Pinneberg höchstens 427 Euro plus Heizkosten betragen. „Dagegen steht das Recht auf eine menschenwürdige Unterbringung. Ich rate meinen Klienten dazu, nicht zu unterschreiben.“

Etwa 20 Prozent der Wohnungslosen sind Frauen. Sie trifft die Obdachlosigkeit oft besonders hart. So berichtet Wiebke Turkat, Leiterin der Notunterkunft in Elmshorn, aktuell von einer Bewohnerin, die vom Lebensgefährten vor die Tür gesetzt wurde. Da keine Gewalt im Spiel war, kann sie nicht im Frauenhaus unterkommen. „Die beiden Herren, mit denen sie sich die Notbleibe nun teilt, sind umgänglich und friedlich“, sagt T urkat. Das sei nicht immer der Fall.

Frau schläft nicht in der Nähe von Männern

Eine andere obdachlose Elmshornerin, die mit Männern schlechte Erfahrungen gemacht habe, schlafe aus diesem Grund lieber im Freien. „Frauen eine sichere Bleibe zu suchen, ist noch einmal eine besondere Herausforderung“, sagt Turkat. Sie und ihre Kollegen helfen bei der Wohnungs- und Jobsuche. Die Bewohnerin der Notunterkunft hat Glück im Unglück. Sie darf in einer Bäckerei auf Probe arbeiten und hat so eine Chance, den Teufelskreis zu durchbrechen und irgendwann auch wieder das Besuchsrecht für ihr Kind zu erhalten.

Auch Uetersens Bürgermeisterin Andrea Hansen beobachtet, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander klafft. Ein Indiz dafür sieht sie in der steigenden Zahl an Obdachlosen, derzeit sind es 26. Um sie menschenwürdig unterbringen zu können, soll in Uetersen 2016 eine neue Obdachlosenunterkunft mit etwa 30 Plätzen entstehen. In Rellingen soll die Obdachlosenunterkunft an der Hans-Reumann-Straße um ein weiteres, festes Gebäude erweitert werden. Die Gemeinde investiert 580.000 Euro in 14 neue Plätze. In Rellingen leben derzeit 25 Obdachlose, zum Teil in einer Unterkunft an der Tangstedter Chaussee zusammen mit Asylbewerbern. Sie sollen künftig getrennt voneinander wohnen.

Die Stadt Quickborn habe seit Jahren zehn Obdachlose in ihren Unterkünften, sagt Fachbereichsleiter Volker Dentzin. „Das ist eine erfreulich niedrige Zahl.“ Mithilfe der Beratungsstelle der Diakonie würde bei Kündigungen frühzeitig eingegriffen werden können.

Überhaupt keine Wohnungslosen hat die Stadt Barmstedt und das seit etwa drei Jahren, sagt Fachbereichsleiter Uwe Dieckmann. Das Sozialamt werde in Notfällen sofort eingeschaltet und habe erfolgreich mit präventiven Hilfsangeboten Wohnungslosigkeit verhindern können. „Vor zehn Jahren hatten wir noch ein Pik As für diese Menschen. Das ist zum Glück längst vorbei.“