Tornesch

Beim Drachenbau nähen die Männer noch selber

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Fabian Schindler
Matthias Raabe und Walter Reimers (rechts) sind Gründungsmitglieder des ältesten deutschen Drachenfliegervereins "Flattermann" aus Tornesch. Seit 13 Jahren veranstalten sie ein Neujahrsfliegen.

Matthias Raabe und Walter Reimers (rechts) sind Gründungsmitglieder des ältesten deutschen Drachenfliegervereins "Flattermann" aus Tornesch. Seit 13 Jahren veranstalten sie ein Neujahrsfliegen.

Foto: Fabian Schindler

Seit 13 Jahren veranstaltet der Drachenfliegerverein Flattermann ein Neujahrsfliegen. Einige Exemplare kosten bis zu 5000 Euro.

Tornesch.  Walter Reimers näht gern mit seiner Singer-Nähmaschine. Gerader Stich, Zick-Zack-Stich – Kleidungsstücke nähen, er kann das halt. Aber am liebsten wirft er die Nähmaschine an, wenn es um sein Hobby geht: Den Drachenbau.

Walter Reimers ist Zweiter Vorsitzender und Gründungsmitglied des Tornescher Drachenbauvereins Flattermann. Seit seiner Kindheit lässt er Drachen fliegen. Seine ersten Drachen hatte der heute 79-Jährige aus Packpapier und Zeitungspapier gebastelt und an einer Leine steigen lassen, teilweise 2000 Meter hoch. Höhen, die heute nicht mehr erlaubt sind. Für Reimers war das Spiel mit dem Wind aber fesselnd, und es hat ihn sein Leben lang nicht mehr los- und von der Nähmaschine nicht mehr weggelassen. „Ich habe inzwischen mehr als 80 Drachen entworfen und gebaut.“ Aufhören will er noch lange nicht, dafür bringt es ihm immer noch zuviel Spaß.

Auch Matthias Raabe, 60, ist ein Gründungsmitglied des Vereins. Lange Zeit war er Vorsitzender, vor Jahren hat er das Zepter aber an jüngere übergeben. Nun beschränkt er sich auf das Entwerfen, aufs Nähen und Fliegen lassen seiner Drachen, die aufgrund ihrer großen Stückzahl nur noch schwer zu zählen sind. „Es macht einfach Spaß, einen Drachen zu bauen“, sagt er. Von ganz billig bis ganz teuer, von ganz einfach konstruiert bis komplex, von wenigen Zentimeter groß bis mehrere Meter lang – alles lässt sich im Verein Flattermann wiederfinden, dessen Sammlung mehrere Hundert Drachen umfasst.

„Eigentlich hätten wir gern mehr Frauen, die bei uns mitnähen, aber immer weniger Frauen wissen, wie man näht“, sagt Raabe. Der Anteil der Frauen im Verein betrage zwar fast 50 Prozent, doch wenn es um das Nähverhältnis geht, dann steht es neun zu eins für die Männer. Das, was Reimers, Raab und Co. mit ihren Nähmaschinen zusammenstellen, das hat Hand und Fuß. Denn ihre Drachen sind oftmals Themen gewidmet.

Zumeist sind es Märchen, die sie mit ihren Drachen umsetzen. Rollen werden verteilt. Für das Dschungelbuch, für Pocahontas, Frau Holle oder Arielle die Meerjungfrau. Die Motive, die auf den Drachen und als Himmelshow später zu sehen sind, sind dabei nicht auf Stoffbahnen aufgemalt, sondern genäht. „Für unsere Drachen benutzen wir Spinnakernylon. Das ist der Stoff, der auch bei Segelbooten verwendet wird“, sagt Reimers. Der sei extrem leicht und reißfest. Mit Carbonfasergestängen dazu ergebe es immens leichte Drachen, die auch in komplexesten Formen gebaut werden könnten. Der moderne Drachenbau, er ist meilenweit weg vom Packpapierflieger der Nachkriegszeit.

„Der kleinste Drache, den es bei uns gibt, den hat eine Kollegin gebaut, der ist nur eineinhalb Zentimeter groß“, sagt Reimers. Nur ein hauchdünnes Nylonseil werde zum Halten des Winz-Drachens benutzt. Das Gewicht: Nicht mal zehn Gramm. Die größten Drachen im Verein dagegen verfügen über mehr als vier Meter Spannbreite und kosten bis zu 5000 Euro. Allen gemein ist, dass sie keine Lenkdrachen sind, so wie sie ab Anfang der 1990er-Jahre große Verbreitung gefunden haben. Lenkdrachen seien nämlich, so Raabe, schlecht für die Kommunikation untereinander. „Bei denen muss man beständig konzentriert sein, um sie zu lenken und am Himmel zu halten. Nebenher klönen ist da nicht drin. Das geht mit den traditionellen Drachen besser“, so der 60-Jährige.

Die traditionellen Drachen, die Raab, Reimers und ihre Kollegen bauen, gehen teilweise auf Jahrhunderte alte Formen zurück. Der japanische Rokakku etwa. Der lasse sich auch wunderbar mit Mustern versehen. Weit verbreitet sei auch der Eddy-Typ. Es gibt aber auch Exoten wie die Peter-Lynn-Box oder den Brogden.

Drachenfliegen ist eine Wissenschaft für sich, die die Drachenflieger des Tornescher Vereins aber gern teilen. Etwa bei Drachenfesten. Dort findet ein reger Informationsaustausch statt. Oder aber beim Neujahrsfliegen. Das machen die Vereinsmitglieder bereits seit 13 Jahren. Am 1. Januar steigen dann die Drachen nahe dem Torneum in die Luft, um das neue Jahr zu begrüßen.

„Bei Windstille geht natürlich nichts, aber wenn es nur ein wenig ist, dann kommen wir schon hoch“, sagt Reimers. Das sei mit der richtigen Drachenflugtechnik zu schaffen. Und wenn die ersten paar Meter geschafft sind, sei alles ein Selbstgänger. Denn weiter oben gebe es immer ein paar Winde. Das war schon vor Jahrhunderten so und werde auch künftig so bleiben.

Es ist also alles zum Besten bestellt, könnte man meinen. Doch weit gefehlt. „Wir haben zwar acht Jugendliche in unseren Reihen, doch seit dem Drachenboom der 1980er-Jahre suchen wir Nachwuchs. Uns geht es da nicht besser als anderen Vereinen, die Nachwuchsprobleme haben“, sagt Raabe. Vielleicht wird sich das bald ein wenig ändern. Denn in den vergangenen Monaten sind einige afghanische Familien nach Tornesch gekommen. In dem zentralasiatischen Land ist Drachenfliegen Nationalsport. Das nährt Hoffnung.

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