Pinneberg
Verkehr

Der jüngste TÜV-Chef arbeitet in Pinneberg

Marco Scalise klebt die begehrte Plakette auf das Kennzeichenschild: Der Leiter der Pinneberger TÜV-Station ist weiterhin auch als Fahrzeugprüfer tätig

Marco Scalise klebt die begehrte Plakette auf das Kennzeichenschild: Der Leiter der Pinneberger TÜV-Station ist weiterhin auch als Fahrzeugprüfer tätig

Foto: Rainer Burmeister / HA

Marco Scalise ist erst 27, hat aber schon einiges erlebt. Darunter ein Mercedes mit „Weihnachtsbeleuchtung“ und viele Tricks.

Pinneberg.  Wer beim TÜV arbeitet, der kann was erleben! Das trifft auch auf Marco Scalise zu, den neuen Chef der Pinneberger Niederlassung des Technischen Überwachungsvereins, so der offizielle Name der Prüforganisation. Mit 27 Jahren ist der Maschinenbauingenieur Leiter der TÜV-Station an der Flensburger Straße 3a geworden, und damit jüngster Stationsleiter Norddeutschlands und zugleich Chef von sieben Mitarbeitern.

Obwohl seine Karriere beim TÜV Nord erst 2012 begann, hat der gebürtige Schweriner, der jetzt in Norderstedt lebt, schon einige Kuriositäten in seinem Berufsalltag als Prüfingenieur mit mehr als 4000 Fahrzeugprüfungen erlebt. Scalise erinnert sich an einen Kunden, der mit einem aufwendig dekorierten Mercedes ML zur vorgeschriebenen Hauptuntersuchung (HU) vorfuhr. „Unterhalb der vorderen Scheinwerfer hatte der Eigentümer seinen Geländewagen mit LED-Leuchtbändern geschmückt”, berichtet der TÜV-Chef. Die aufgeklebten Lichtstreifen waren an das Bordnetz angeschlossen. Am Heck des Fahrzeugs hatte der Bastler zusätzlich rote LED-Lichtbalken angebracht. Der kreative Hobby-Elektriker bekam die TÜV-Plakette erst bei einer Wiedervorführung, nachdem er die „Weihnachtsbeleuchtung“ abgebaut hatte.

Zur erneuten Kontrolle bei einem Kollegen musste auch ein HU-Kunde antreten, dessen Pkw Spuren erheblichen Ölverlustes aufwies. Anstatt die Leckagen beseitigen zu lassen, trat der Halter zur Nachprüfung an, nachdem er sämtliches Öl aus dem Motor abgelassen hatte. Mit diesem Trick, den der Motor erstaunlicherweise ohne Schaden überstand, gab es allerdings wieder keine Plakette.

Zunehmend müssen Scalise und seine Prüfingenieure auch als Hilfssheriffs der Polizei tätig werden. Wenn bei Kontrollen auf den Autobahnen oder bei Liegenbleibern gravierende Mängel wie Rostlöcher oder beschädigte Scheinwerfer auffallen, eskortieren die Ordnungshüter solche Fahrzeuge gleich zur TÜV-Station. „Wir nehmen dann eine reguläre Hauptuntersuchung vor, die oft zu weiteren Beanstandungen führt“, sagt Scalise. Häufig müssen solche Fahrzeuge nach dem Check gleich aus dem Verkehr gezogen und stillgelegt werden. Die Kosten der HU trägt zunächst die Polizei, die sich dann aber vom Halter die Ausgaben erstatten lässt. Zudem können weitere Kosten wie Bußgeld fällig werden.

Bei den meisten Hauptuntersuchungen, die etwa 85 Prozent der Arbeit der Pinneberger TÜV-Station ausmachen, sind derartige unliebsame Überraschungen allerdings nicht an der Tagesordnung. Insgesamt werden jährlich rund 13.700 Fahrzeugprüfungen vorgenommen. Dazu gehören auch Begutachtungen, die beispielsweise bei Oldtimern erforderlich sind, um die begehrten H-Zulassungen mit Steuer- und Versicherungsvergünstigungen erlangen zu können. Hinzu kommen Einzelabnahmen für spezielles Zubehör, wie der Tieferlegung des Fahrwerks, Motortuning oder Breitreifen mit Felgen, die nicht ohne Sonderprüfung verwendet werden dürfen.

Solche Extras brachten auch Marco Scalise erstmalig mit dem TÜV in Kontakt. Der Auto- und Motorradfan hatte schon als Knirps in der Werkstatt seines Onkel zugeschaut, der Kraftfahrzeugmeister war. Seinen ersten Pkw, einen VW Polo, wollte Scalise gleich mit Alufelgen verzieren, die eine Einzelabnahme erforderlich machten. „Der Prüfer war sehr freundlich und hat mir sogar noch ein paar Tipps extra gegeben.“ Kein Wunder, dass der Schweriner nach dem Abitur mit dem Maschinenbaustudium begann und seine vorgeschriebenen Praktika beim TÜV absolvierte.

Eine eingespielte Mannschaft

Nächster Schritt war die erfolgreiche Bewerbung nach Abschluss des Studiums. Es folgten eine Zusatzausbildung zum amtlich anerkannten Prüfer und der Einsatz als Prüfingenieur in der Pinneberger Station und im Außendienst. Nach zweieinhalb Jahren wurde er dann zum Stationsleiter berufen.

Der zügige Aufstieg aus dem Team ist für den zielstrebigen Ingenieur kein Problem. „Wir sind hier eine eingespielte Mannschaft und wissen, was wir aneinander haben“, beschreibt er den Umgang im Kollegenkreis. Dass alle sein Mitarbeiter bereits mehr als 50 Jahre alt sind und einige schon beim TÜV arbeiteten, bevor Scalise geboren war, stört dabei niemanden.

Für die private Kundschaft hat Scalise den Tipp parat, mit dem Auto erst eine Hauptuntersuchung zu absolvieren, und dann gezielt etwaige Beanstandungen beseitigen zu lassen. Allerdings könnten einfache Kontrollen wie die Funktion der Beleuchtungseinrichtungen auch selbst vorgenommen werden, was ohnehin vor Fahrtantritt vorgeschrieben sei.

Keine Überraschung ist es, dass der TÜV-Experte alle Fahrlizenzen für Pkw, Kräder und Lkw besitzt. Und privat fährt Scalise einen kräftig motorisierten Golf R, dessen Lackierung in blau-metallic zufällig fast identisch mit der Markenfarbe vom TÜV ist.