Pinneberg

Die Gelebte Inklusion steht vor dem Aus

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Andreas Daebeler
Die Aktiven vom gemeinnützigen Verein Weiche Speiche haben Angst, ihr Zuhause zu verlieren

Die Aktiven vom gemeinnützigen Verein Weiche Speiche haben Angst, ihr Zuhause zu verlieren

Foto: Andreas Daebeler / HA

Beim Verein Weiße Speiche sitzen sehende und blinde Menschen auf dem Tandem. Jetzt droht dem Verein der Verlust des Clubhauses.

Pinneberg.  Inklusion ist ein Wort, das von Politikern oft und gern bemüht wird. Selbstverständlich gelebt wird das Miteinander von Menschen mit und ohne Handicap nicht immer. An Pinnebergs Schulen etwa fehlen Räume und Mobiliar, um den inklusiven Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Kindern zu gewährleisten. Gut, wenn gemeinnützige Vereine den Gedanken aufgreifen, ihre die Gesellschaft zusammenhaltende Arbeit mit Spenden und Mitgliedsbeiträgen abzusichern – sollte man meinen. In Pinneberg könnten bei einem solchen Verein die Lichter ausgehen, weil die Stadt dem Weiße Speiche genannten Tandemclub das Zuhause nehmen will. Das Grundstück, auf dem das Vereinsheim steht, soll auf Sicht Gewerbebetrieben angeboten werden. Mehr als 100 Tandemfans sind in Aufruhr.

Seit 1984 gibt es die Weiße Speiche. Initiiert von Ohnsorg-Schauspieler Jasper Vogt, finden sich in dem Verein sehende und sehbehinderte Menschen zusammen, um gemeinsam auf dem Rad zu sitzen. Nachdem der Club in seinen Anfangsjahren mal hier und mal dort unterkam, konnte vor mehr als 20 Jahren das heutige Vereinsgelände am Hafen in Pinnberg bezogen werden. Warum gerade Pinneberg? „Weil Jasper Vogt mit dem damaligen Pinneberger Bürgermeister Jan Nevermann befreundet war“, erklärt Bernd Wülfken, Vorstand der Weißen Speiche. Er blickt auf die Halle, in der die 40 Tandems geparkt werden, zeigt zudem auf den Wohncontainer, der mit viel Liebe zum Vereinsheim inklusive Küchenzeile umgebaut worden war.

„Wir haben massiv in den Standort investiert“, so Wülfken. Man habe sich im vergangenen Sommer eigentlich mit Bürgermeisterin Urte Steinberg geeinigt – und vereinbart, das Grundstück für den Preis von 100 Euro pro Quadratmeter anzukaufen. Dafür seien extra Spenden gesammelt worden. Mit einem Mal wolle die Rathauschefin davon nichts mehr wissen. Man fühle sich getäuscht.

Ortstermin auf dem 450 Quadratmeter großen Areal am Hafen. Vereinschef Gregor Scheithauer hat etliche Mitglieder eingeladen. Sie verdeutlichen, was ihnen der Club bedeutet. Die Rede ist von einem über die Jahre gewachsenem Zusammenhalt. Von einem optimalen Standort, von dem aus die ländliche Umgebung Hamburgs sehr gut zu erkunden sei. Davon, dass sehende und blinde Menschen längst eine verschworene Gemeinschaft bilden. Und davon, dass gerade die etwa 70 sehbehinderten Tandemfans darauf angewiesen seien, eine vertraute Umgebung ansteuern zu können. „Vom Maurer bis zum Juristen, hier erweitern alle ihren Horizont, es gibt keine Scheuklappen“, sagt Ina Seidel. Ein Großteil der Mitglieder komme aus der Region. Bei der Weißen Speiche werde übrigens nicht nur geradelt. Sonnabends treffe man sich zum Schrauben. Tandems wollen gepflegt sein.

In Pinnebergs Rathaus wird schon seit längerem darüber nachgedacht, das an die Weiße Speiche verpachtete Areal mit einem benachbarten Grundstück zusammen für den Verkauf an Firmen vorzubereiten. Die hoch verschuldete Stadt schielt auf jeden zusätzlichen Cent an Gewerbesteuer. Rathaussprecher Marc Trampe kündigte am Mittwoch jedoch an, dass Bürgermeisterin Urte Steinberg nach den Protesten erneut das Gespräch mit Verantwortlichen des Vereins suchen wird. Von einer geplanten Beratung während der Sitzung des Hauptausschusses am 2. Dezember werde Abstand genommen. Trampe geht allerdings nicht davon aus, dass es seitens der Rathauschefin in der Vergangenheit klare Zusagen bezüglich des Verkaufs der Fläche an den Club gegeben hat. „Es war schließlich immer klar, dass die Politik so etwas zu entscheiden hat“, so Trampe.

In der Vergangenheit hatte sich der Pachtvertrag für das Areal am Hafen jeweils in Fünf-Jahres-Schritten verlängert. Diese Option scheint jetzt vom Tisch. Im Gespräch ist eine Frist von bis zu drei Jahren. Für Wülfken keine Option: „Auch wir benötigen Planungssicherheit“, sagt er. Alternative Grundstücke, die dem Verein etwa am Rande der Sportanlagen An der Raa im Stadtteil Eggerstedt angeboten worden seien, eigneten sich nicht für die Nutzung. „Zumal wir dort wieder bei Null anfangen müssten“, sagt Wülfken. Das Angebot, die 450 Quadratmeter Fläche zu kaufen, stehe. „Wir haben die nötigen 450.000 Euro.“ Der Marcus-Hermann-Petersen-Fonds aus Hamburg hat dem Verein seine Unterstützung zugesagt.

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