Schulsanierungen

Eltern erwägen Klage gegen Stadt Pinneberg

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Andreas Daebeler
Überall liegt Schutt, auf Sandhügeln wächst Gras, weil seit Monaten nichts passiert. Ulrike Gräfen und Schulleiter Matthias Beimel sind fassungslos

Überall liegt Schutt, auf Sandhügeln wächst Gras, weil seit Monaten nichts passiert. Ulrike Gräfen und Schulleiter Matthias Beimel sind fassungslos

Foto: Andreas Daebeler / HA

Während Politiker Bauquoten ermitteln, vermüllt der Hof eines Pinneberger Gymnasiums. Rektor spricht von „Ghettoisierung“.

Pinneberg.  Auf dem Boden verrotten Holzplatten. Plastikplanen fliegen umher. Auf im Sommer aufgeschütteten Sandhaufen wuchert Gras. Was eigentlich der Innenhof eines Gymnasiums ist, ein Rückzugsraum für gestresste Abiturienten, sieht aus wie eine Brache. Matthias Beimel, Direktor an Pinnebergs Theodor-Heuss-Schule, steht im Laubengang. Er blickt auf eine Baustelle, auf der seit Monaten nicht gebaut wird. Wieder einmal ist die Sanierung des Schulhofs an der Datumer Chaussee ins Stocken geraten.

Im Hintergrund streiten sich Statiker und Architekten. Beimel wirkt fassungslos. Mutter Ulrike Gräfen nicht minder. Genervte Eltern der Schüler, die seit Jahren unter teils chaotischen Bedingungen lernen müssen, erwägen jetzt sogar, die Stadt zu verklagen – weil Pinneberg es seit acht Jahren nicht schafft, für ein angemessenes Lernumfeld zu sorgen. Beimel würde diesen Schritt verstehen: „Als Privatmann mit einem Kind an dieser Schule würde ich darüber ebenfalls nachdenken.“

Bis 2017 sollten 34,5 Millionen Euro investiert werden

Pinneberg und seine sanierungsbedürftigen Schulen – ein Drama in unzähligen Akten. Nachdem lange ohne Konzept und oft auf Zuruf in städtische Bildungseinrichtungen investiert worden war, schien vor knapp zwei Jahren ein wichtiger Schritt getan. Der Schulsanierungsplan sollte den Weg in eine bessere Zukunft weisen. Ehrgeiziges Ziel sollte es sein, die Schulen bis 2017 für insgesamt 34,5 Millionen Euro fit zu machen. Doch schon 2014 schaffte es die Stadt nicht annähernd, geplante Modernisierungen zu realisieren. Auch 2015 wird nicht gemäß Plan gebaut. Kann auch gar nicht, schließlich hatte die Stadt nach einem Haushalts-Chaos erst nach langem Warten finanzpolitische Planungssicherheit. Ausschreibungen konnten erst spät im Jahr auf den Weg gebracht werden.

Immerhin gibt es ein wenig Licht am Ende des Tunnels. Nachdem im Oktober noch davon die Rede gewesen war, dass nur 23 Prozent der für 2015 geplanten Bauarbeiten tatsächlich angepackt worden seien, liegen jetzt auf Initiative der CDU ermittelte Zahlen auf dem Tisch, die Mut machen. Einer so genannten Erfüllungsquote zufolge sind bis zu 76 Prozent der 2015 geplanten Sanierungsarbeiten auf dem Weg.

Beimel und Gräfen hilft das nicht. Geld für die Sanierung des verrottenden Innenhofs steht seit langem bereit. Mit der Erneuerung der Fassade war nach Jahren des Stillstands endlich begonnen worden. „Ursprünglich sollten die Arbeiten zum 1. November 2015 abgeschlossen sein“, erinnert sich der Schulleiter. Zuletzt habe es geheißen, womöglich könne der Schulhof im Frühjahr 2016 wieder genutzt werden. Daraus wird wohl nichts. Silkata Sahin-Adu vom Kommunalen Servicebetrieb: „Die Planung steht, die Aufträge sind raus.“ Auch eine Baugenehmigung, um die es zwischenzeitlich Wirbel gegeben hatte, liege vor. Sie warte jedoch auf grünes Licht der Statiker. Sahin-Adu: „Ich weiß auch nicht, unter welch schlechtem Stern diese Schule steht.“

„Es gibt kein Teamwork in der Stadtverwaltung“

Elternvertreterin Frauke Runden glaubt, dass Machtspiele im Rathaus für die erneuten Verzögerungen verantwortlich sind. Eine Einschätzung, die manch Politiker zu teilen scheint: „Chaotische Zustände, es gibt kein Teamwork in der Stadtverwaltung“, sagt Joachim Dreher von den Grünen. „Ich dachte, die Arbeiten an der Heuss-Schule würden vorangehen“, zeigt sich Werner Mende (FDP) überrascht. Er spricht von „mangelnder Fachkompetenz“ in den Behörden. Es könne nicht Aufgabe der ehrenamtlichen Politiker sein, jeden Baufortschritt zu überprüfen. „Das ist das Allerletzte“, wird SPD-Fraktionschefin Angela Traboldt deutlich. „Den immer wieder bemühten Satz, wir seien auf einem guten Weg, kann ich nicht mehr hören.“ Uwe Lange von den Bürgernahen nimmt Rathauschefin Urte Steinberg aufs Korn: „Sie ist verantwortlich, sie liefert nicht. Das ist Führungsschwäche.“ CDU-Fraktionschef Andreas Meyer wählt moderatere Worte: „Man ergeht sich in Niedrigkeiten, die Zeit und Geld kosten, das ist ärgerlich.“ Alle befragten Spitzenpolitiker äußern Verständnis für die Wut der Eltern.

Schulleiter Beimel, der längst die Unfallkasse Nord eingeschaltet hat, spricht von „Ghettoisierung und Vermüllung“, die in Kauf genommen würden. Und davon, angesichts der erneuten Hängepartie die Kommunalaufsicht anzurufen. Den 750 Schülern fehle es an Bewegungsraum, die 70 Kollegen seien Stolperfallen ausgesetzt. Zwei Räume habe er schließen müssen. „Unfassbar, wie diese Schule unter einer desaströs arbeitenden Verwaltung leidet“, ergänzt Gräfen. Der Gang zum Anwalt könne ein nächster Schritt sein. Als Gräfen ihren Sohn Moritz 2007 einschulte, wurde bereits saniert. Bald macht er Abitur – auf der Baustelle Heuss-Schule.

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