Pinneberg
Prozess

Rellinger Brandstifter wurde monatelang überwacht

Anwohnerinnen begutachten zwei Autowracks. 2014 kam es in Rellingen zu mehreren Feuern, bei denen Brandstiftung als Ursache ermittelt wurden

Anwohnerinnen begutachten zwei Autowracks. 2014 kam es in Rellingen zu mehreren Feuern, bei denen Brandstiftung als Ursache ermittelt wurden

Foto: Arne Kolarczyk

Verteidigung und Staatsanwaltschaft legten Berufung nach Urteil gegen Rellinger ein. Jetzt wird das Verfahren neu aufgerollt

Rellingen/Itzehoe. Zwei Jahre und drei Monate Haft: So lautete im März das Urteil gegen Andre M. aus Rellingen, nachdem es das Amtsgericht Itzehoe als bewiesen ansah, dass dieser im September 2014 versucht hatte, unmittelbar vor dem Wohnhaus seiner Eltern drei Fahrzeuge anzuzünden. Die Verteidigung, die auf Freispruch plädierte, und die Staatsanwaltschaft, die sieben Monate mehr Haftstrafe für den Angeklagten gefordert hatte, legten Berufung gegen das Urteil ein. Am Dienstag begann nun vor der siebten Strafkammer des Landgerichts Itzehoe die nächste Auflage des Prozesses.

Dabei wird unter dem Vorsitz von Richter Werner Hinz die Beweisaufnahme erneut aufgerollt werden müssen. Nur jene Zeugen, wie die Eltern des Angeklagten, die die Aussage verweigert hätten, würden nicht noch einmal geladen, sagte Staatsanwalt Kjell Gasa. Der Angeklagte, der seit seiner Festnahme vor genau einem Jahr inhaftiert ist, machte keine Aussagen zum Sachverhalt. Er wurde in Handschellen in den Gerichtssaal geführt, sah blass aus und wirkte stark abgemagert.

Verteidiger verlas zwei Erklärungen

Ihm falle es schwer, zu essen und zu trinken. Er sei zudem von starken Psychopharmaka abhängig, sagte sein Rechtsanwalt Thomas Pennecke, der sich um den Gesundheitszustand seines Mandanten sorgt. Der Verteidiger verlas zu Beginn der Verhandlung zwei Erklärungen, die sein Mandant handschriftlich verfasst hatte. Darin warf dieser der Polizei und Boulevard-Medien vor, ihn vorverurteilt zu haben und sprach von einer regelrechten Hetzkampagne gegen ihn und seine Familie, die „einem Psychoterror“ ausgesetzt worden sei. So sei er bedroht und ein Brandanschlag auf die Wohnung seiner Eltern verübt worden.

Im Jahr 2008 war Andre M., damals 20, wegen zahlreicher Sachbeschädigungen in seiner Heimatgemeinde Rellingen in die Psychiatrie nach Neustadt eingewiesen worden, wo er bis Ende 2013 in der geschlossenen Abteilung war. Bei dem damaligen Prozess war er öffentlich zum „Apfelfest-Bomber“ abgestempelt worden, weil er angeblich auf dem Rellinger Gemeindefest einen Sprengstoffanschlag verüben wollte, was ihm aber nicht nachgewiesen werden konnte. Jetzt ließ M. mitteilen: „Ich hege keinen Hass und führe keinen Krieg gegen Rellingen und seine Bürger. Das ist meine Heimat.“

Als es nach seiner Rückkehr ins Elternhaus in Rellingen erneut im näheren Umfeld des Angeklagten zu Sachbeschädigungen kam, begann die Polizei ihn zum Teil rund um die Uhr zu observieren, wie die Beamten gestern aussagten. Dies begann im April 2014, also etwa ein halbes Jahr vor den Straftaten um kurz vor Mitternacht des 8. September. Eine Nachbarin bot dabei von sich aus der Polizei an, von ihrer Wohnung aus die Haustür der Familie M. zu beobachten, wie sie sagte. „Warum soll ich alleine Dienst schieben“, sagte die Rentnerin, die offenbar selbst nächtelang auf der Lauer gelegen hatte. So fühlte sie sich sicher und bewacht. Auch eine Kamera, die das Geschehen vor der Hausfront von M. monatelang 24 Stunden am Tag aufzeichnete, sei in ihrem Wohnzimmer installiert worden.

Polizeibeamte beobachteten die Wohnung

Hier saßen am Abend des 8. September zwei Polizeibeamte, in einer weiteren Wohnung gegenüber zwei weitere. Zusätzlich waren mehrere Beamte rund um den Parkplatz postiert. Die Beamten sagten aus, dass sie den Angeklagten mehrmals hinauskommen gesehen hätten. Er sei zum Parkplatz gegangen, was auch die Nachbarin bestätigte, die die Szenerie von ihrem Schlafzimmer aus auf dem Bett stehend verfolgt haben will. Dabei soll Andre M. Papier aus einem Container in der Nähe herausgenommen, dieses in die Radkästen zweier Fahrzeuge gelegt und angezündet haben. Dabei wurde er von einem Beamten beobachtet, der am Dienstag nicht vor dem Landgericht als Zeuge vernommen wurde. Die Nachbarin will auch zwei Mal eine Art Stichflamme gesehen haben und wie sich der Angeklagte an den Fahrzeugen zu schaffen machte. Allerdings soll ihre Aussage von der abweichen, die sie unmittelbar nach dem Vorfall bei der Polizei gemacht hatte.

Der Prozess wird am 24. September fortgesetzt. Dann wird auch wieder ein forensischer Sachverständiger gehört werden, der im ersten Verfahren Andre M. aus dem Aktenstudium bescheinigte, zwar schuldfähig, aber ein gefährlicher Psychopath zu sein.

Zudem muss sich M. in einem weiteren Strafprozess vor dem Schöffengericht Itzehoe verantworten, der im Herbst beginnt. Darin werden ihm zwölf Straftaten wie Pkw-Brandstiftung und Sachbeschädigung und auch das Vortäuschen einer Straftat vorgeworfen. Damit ist ein Vorfall gemeint, den Andre M. selbst als Bedrohung durch einen bewaffneten Unbekannten beschrieben hat.