Pinneberg
Tier-Exkursion

Haselau ist ein Refugium für Seehunde

Helga Dilchert (v.l.), Jürgen Prahl und Roland Dilchert holen mit Hilfe eines Spektivs die Seehunde für die Teilnehmer der Exkursion ganz nah heran

Helga Dilchert (v.l.), Jürgen Prahl und Roland Dilchert holen mit Hilfe eines Spektivs die Seehunde für die Teilnehmer der Exkursion ganz nah heran

Foto: Thomas Pöhlsen / HA

Naturschutzbund Elbmarschen organisiert „Seehundkiek“. Ein großes Fischangebot hat die seltenen Raubtiere in die Elbe gelockt.

Haselau. „Wir haben gewonnen“, verkündet Roland Dilchert mit ein bisschen Erleichterung in der Stimme, nachdem er durch das Spektiv geblickt hat. Vom Elbdeich aus ist mit bloßem Auge nichts zu identifizieren. Nur mit dem High-Tech-Gerät sind die braun-grauen Seehunde auf dem dunklen Watt im Bereich des Bishoster Sand erkennbar. „Das ist ja spektakulär“, entfährt es einem Teilnehmer, nachdem er durch das Okular geschaut hat.

Vier Naturfreunde haben sich zu dem von Jürgen Prahl, Helga und Roland Dilchert organisierten „Seehundkiek“ des Naturschutzbund Elbmarschen eingefunden. Angelockt von den Ausführungen gesellen sich später noch zwei Spaziergänger auf dem Elbdeich dazu. Ein bisschen Glück ist nötig, um die Säugetiere zu beobachten. Dilchert berichtet von einer Nabu-Führung, zu der 42 Teilnehmer kamen, sich jedoch kein Tier blicken ließ.

Die seit Anfang der Neunziger des vergangenen Jahrhunderts kontinuierlich verbesserte Wasserqualität hat für einen größeren Fischbestand gesorgt, und die Raubtiere zogen ihrer Beute von der Nordsee kommend hinterher. Die größte Gefahr für sie selbst geht von den Schiffschrauben aus.

Warum ausgerechnet dieser Platz zwischen dem einstigen Kirchspiel Bishorst und dem Pinnausperrwerk zum bevorzugten Rastplatz bei Niedrigwassser wurde, können die Experten nicht erklären. Im Haseldorfer Naturschutzgebiet scheinen sie sich jedenfalls wohlzufühlen. Auch auf der Insel Pagensand sowie nahe der Krückaumündung sind die einst akut gefährdeten Lebewesen schon gesichtet worden. Auf trockenfallenden Sandbänken sind sie jedenfalls sicher, die dicken Pötte sind auf der anderen Seite der Elbinsel unterwegs. Selten fährt ein Freizeitkapitän vorbei.

20 Seehunde dauerhaft in der Elbe

Bis zu 20 Seehunde hätten in der Elbe dauerhaft eine neue Heimat gefunden, vermutet Prahl. Wegen des guten Nahrungsangebots siedelten sich auch Schweinswale an, die regelmäßig im Hamburger Hafen zu sehen sind. Die häufig genannte Zahl von 40 der dem Delfin ähnlichen Tiere hält er jedoch für spekulativ.

Doch zurück zu den Seehunden. Die Naturschützer lassen ihre Gäste raten: Wie viele sind zu sehen? Drei, kommt als Antwort. Der Nächste erkennt neun, am Ende einigt man sich auf elf. Ein Tier ist deutlich größer und sein Fell dunkler als das der anderen. Sollte das eine Kegelrobbe sein? Bisher lebten sie in friedlicher Koexistenz, doch gebe es laut Prahl neue Berichte von „Kannibalismus“, und zwar in der Form, dass die Robbe den kleineren Seehund angreift. Eine wissenschaftliche Erklärung gebe es nicht.

Bei nochmaligem Blick durch das Fernrohr stellt sich jedoch heraus, dass das Fell der vermeindlichen Kegelrobbe nun heller schimmert. Der Säuger dürfte als Letzter aus der Elbe gekommen sein, und durch die Sonneneinstrahlung trockneten die Haare, sagt Prahl. Ein genauere Beobachtung der Gesichtsform ergibt, dass es sich doch um einen Seehund und keinen möglichen Angreifer handelt.

„Rau“ geht es unter den Seehunden dennoch auf der Sandbank zu, so Prahl. Die Tiere seien Einzelgänge, jagen auch solo. Bei der Auszeit auf dem Watt wird auf eine „Intimsphäre“ von eineinhalb bis zwei Metern wertgelegt. Wer dies missachte, werde weggebissen, so der Nabu-Mann. Steigt das Wasser wieder, geht es zur Nahrungsaufnahme. „Seehunde fressen alles, was sie an Fisch finden können“, erläutert Prahl.

Seit 1976 dürfen Seehunde in Deutschland nicht mehr bejagt werden. Der vorerst letzten Zählung zufolge gibt es allein im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer 7500 Seehunde.

Seit dem Beginn des industriellen Fischfangs Ende des 19. Jahrhunderts war der Meeresbewohner verfolgt worden, berichtet Prahl, weil er die Bestände dezimierte. Gegen 1930 galten die Seehunde übrigens genauso wie die Kegelrobben an den deutschen Küsten als praktisch ausgerottet.