Pinneberg
Tierische Einwanderer

Marderhunde: Neubürger auf dem Vormarsch

Die Marderhunde breiten sich auch im Kreis Pinneberg rasend schnell aus

Die Marderhunde breiten sich auch im Kreis Pinneberg rasend schnell aus

Foto: R. Linke / picture alliance / blickwinkel/R

Marderhunde aus Ostasien vermehren sich stark im Norden. Jäger warnen vor der Übertragung gefährlicher Krankheiten.

Kreis Pinneberg.  Er sieht aus wie eine putzige Mischung aus Dachs, Marder und Kleinbär: Der Marderhund (Nyctereutes procyonoides). In den Kreisen nördlich von Hamburg sowie im gesamten Bundesland Schleswig-Holstein ist das auch als Enok bekannte Raubtier auf dem Vormarsch. Die Meinungen über ihn gehen auseinander. Die einen sehen in ihm eine Gefahr für die heimische Tierwelt und einen potenziellen Träger von Krankheiten, die anderen begrüßen ihn als längst erfolgreich integrierten Neubürger.

Uwe Danger, Geschäftsführer der Kreisjägerschaft in Stormarn, gehört eher zur ersten Fraktion. „Das ist eine Katastrophe für viele unserer heimischen Tierarten“, sagt der erfahrene Jäger aus Bad Oldesloe. „Bei Vogelarten wie dem Schilfrohrsänger, Kiebitz und der Rohrdommel beispielsweise haben wir bereits einen starken Artenrückgang festgestellt. Das ist in jedem Fall mit der Ausbreitung des Marderhundes in Zusammenhang zu sehen.“ Denn sogenannte Bodenbrüter und deren Gelege seien besonders gefährdet. Aber auch Hase, Fasan und Rebhuhn würden schnell Opfer des Fleisch- und Pflanzenfressers. Zudem seien die Marderhunde stark von Milben, Zecken und anderen Parasiten befallen. „Sie können Tollwut oder den Fuchsbandwurm übertragen“, sagt Danger.

Allein im Kreis Pinneberg erlegten Jäger 61 der Raubtiere in einem Jahr

Die Ausbreitung des Wildtieres schreitet auch im Kreis Pinneberg rasch voran. In der Jagdsaison 2013/2014 wurden landesweit 2017 der Tiere geschossen beziehungsweise im Straßenverkehr getötet (Fallwild), davon 61 im Kreis Pinneberg. Zum Vergleich: Im Jagdjahr 2011/2012 waren es noch landesweit 1145 Marderhunde, davon 23 im Kreis Pinneberg. 2009/2010 zählten die Jäger lediglich 610 tote Marderhunde in Schleswig-Holstein und acht in unserem Kreis. Und vor 15 Jahren kam er hier überhaupt nicht vor. „Die Zahlen sagen zwar nichts über die tatsächliche Populationsgröße aus, vermitteln aber einen Eindruck davon, wie sich rasch die Bestände entwickeln“, sagt Hans-Albrecht Hewicker, Naturschutzbeauftragter des Kreises Pinneberg und ehemals Vorsitzender der Kreisjägerschaft.

Was sind die Gründe für die stark anwachsende Marderhund-Population, die sich auch aus diesen Zahlen ableiten lässt? Der Allesfresser ist in Bezug auf seine Nahrung anspruchslos. Er mag Mäuse, Vögel, Eier, Fische, Kröten, Schnecken und Insekten ebenso wie Eicheln, Nüsse, Beeren und Obst. Auch Aas verschmäht er nicht. Außerdem hat der nachtaktive Räuber keine natürlichen Feinde. Denn eigentlich gehört Nyctereutes procyonoides gar nicht hierher. Das Pelztier zählt zu den sogenannten Neozoen, also den „neuen Lebewesen“. Ursprünglich war es überwiegend in Ostasien verbreitet in Ostsibirien, der Mandschurei, Nordvietnam und Japan. 1928 und 1955 wurden Tausende von Marderhunden in die Sowjetunion für die Pelzzucht importiert. Dort gelangten sie in Freiheit. Seither wandern sie immer weiter gen Westen. 30 Kilometer pro Jahr, schätzt Hewicker. „Der steile Anstieg der Population war hier demnach vorhersehbar.“

In Mecklenburg-Vorpommern hat sich der Bestand durch Seuchen dezimiert

Hewicker sieht im Marderhund vor allem für am Boden brütende Vogelarten eine zusätzliche Belastung. Eigentlich sollen Jäger für ein natürliches Gleichgewicht in der Natur sorgen. Laut Hewicker ist es gar nicht so einfach, die scheuen nachtaktiven Tiere zu jagen, da ein Jäger sie kaum vor dem Lauf zu sehen bekommen. „Doch die Jagd mit Fallen wird von der Politik mit vielen Auflagen erschwert“, sagt er. „Nur wenige Jäger sind bereit, diese Bürokratie auf sich zu nehmen.“

Doch für Panik sieht Hewicker keinen Grund: „In Mecklenburg-Vorpommern waren die Zahlen zunächst explodiert, jedoch zuletzt stark rückläufig, weil Seuchen wie Räude und Staupe den Bestand dezimierten.“ Ob sich der Bestand wieder erhole, bleibe abzuwarten, auch ob die Marderhunde möglicherweise weiterziehen Richtung Holland und Belgien. „Wir können es erstmal nur weiterverfolgen“, sagt er.

Beim Naturschutzbund Schleswig-Holstein versteht man die Aufregung um den Marderhund nicht. „Die Bedrohung für die Artenvielfalt ist nicht bewiesen“, heißt es auf der Homepage. Dort fordert der Nabu zu mehr Gelassenheit auf, zumal ihre Bestände kaum noch einzugrenzen, geschweige denn, auszurotten seien, wie sich nach mehreren Jahren der Bemühungen, sie über Abschüsse in den Griff zu bekommen, zeige. Für manche klingt das allerdings eher nach einer Kapitulation als nach einem Willkommen.

Uwe Danger ist Geschäftsführer der Kreisjägerschaft in Stormarn. Er sagt: „Die Tiere sind stark von Milben, Zecken und anderen Parasiten befallen. Sie können Tollwut oder den Fuchsbandwurm übertragen.“ Der Wurm kann beim Menschen zur Echinokokkose führen, einer lebensbedrohlichen Erkrankung. Gründe genug, weshalb der erfahrene Jäger aus Bad Oldesloe davor warnt, einem Marderhund zu nahe zu kommen.

Allein in Stormarn erlegten Jäger 511 der Raubtiere in einem Jahr

Die Ausbreitung des Wildtieres schreitet offenbar unaufhaltsam voran. Allein im Kreis Stormarn wurden im vergangenen Jahr 511 Tiere von Jägern erlegt. 27 weitere Tiere wurden tot aufgefunden. Überfahren oder eines natürlichen Todes gestorben. Im Vorjahr waren es 317 gewesen. Was sind die Gründe für die stark anwachsende Marderhund-Population, die sich auch aus diesen Zahlen ableiten lässt? Der Allesfresser ist in Bezug auf seine Nahrung anspruchslos. Er mag Mäuse, Vögel, Eier, Fische, Kröten, Schnecken und Insekten ebenso wie Eicheln, Nüsse, Beeren und Obst. Auch Aas verschmäht er nicht. Außerdem hat der nachtaktive Räuber in unseren Breitengraden keine natürlichen Feinde.

Denn eigentlich gehört Nyctereutes procyonoides gar nicht hierher. Das Pelztier zählt zu den sogenannten Neozoen, also den „neuen Lebewesen“. Ursprünglich war es überwiegend in Ostasien verbreitet und trieb in Ostsibirien, der Mandschurei, Nordvietnam und Japan sein Unwesen. 1928 und 1955 wurden Tausende von Marderhunden in der Ukraine und anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion als jagdbare Pelzträger ausgewildert. Seither wandern sie immer weiter gen Westen. 30 bis 40 Kilometer pro Jahr, schätzt Jäger Uwe Danger.

Bei einigen Vogelarten stellen die Fachleute bereits Artenrückgänge fest

„Das ist eine Katastrophe für viele unserer heimischen Tierarten“, sagt Uwe Danger. „Bei Vogelarten wie dem Schilfrohrsänger, Kiebitz und der Rohrdommel beispielsweise haben wir bereits einen starken Artenrückgang festgestellt. Das ist in jedem Fall mit der Ausbreitung des Marderhundes in Zusammenhang zu sehen.“ Denn sogenannte Bodenbrüter und deren Gelege seien besonders gefährdet. Aber auch Hase, Fasan und Rebhuhn würden schnell Opfer des Fleisch- und Pflanzenfressers. „Der Marderhund will morgens, mittags und abends essen, da kommt einiges zusammen“, sagt Uwe Danger. Mit seinen Jägerkollegen versucht er, die weitere Ausbreitung des Marderhundes zu verhindern. Wie gefährlich der Kontakt mit dem Tier sein kann, zeigt diese Aussage Dangers: „Wenn wir ein Tier erlegen, fassen wir es zu unserem Schutz ausschließlich mit Handschuhen an und vergraben es anschließend möglichst tief.“

So verfährt auch Patrick Magiera, Jäger aus Elmenhorst. Der 24-Jährige hat die Erfahrung gemacht, dass die monogamen Marderhunde meist als Paar unterwegs sind und sich eher träge und ruhig verhalten. „Die Fellfärbungen können ganz unterschiedlich sein“, so Magiera. In den Wintermonaten gibt der Elmenhorster die erlegten Tiere an Gerbereien weiter, die den dicken Pelz weiterverarbeiten.

Im Vergleich zu den eingewanderten Wölfen, die in Schleswig-Holstein in den vergangenen Wochen und Monaten durch das Reißen von Schafen, Lämmern und Kälbern für große Schäden bei Landwirten sorgten, sind die Marderhunde in diesem Bereich noch nicht auffällig geworden. Peter Koll, Chef des Kreisbauernverbands Stormarn sagt: „Bei dem einen oder anderen ist bereits Geflügel abhanden gekommen. Aber ob das dem Marderhund angelastet werden kann, ist unklar.“ Für Landwirte und Züchter seien eher Tierseuchen wie Staupe und Räude das Problem, die auch vom Marderhund übertragen werden können. Auch Hunde und Katzen, die im Wald unterwegs sind, können sich infizieren. Menschen sollten vom Verzehr von Waldbeeren absehen.

Das hohe Infektionsrisiko ist auch der Grund, weshalb Marderhunde niemals angefasst werden sollten – tot oder lebendig. Experte Patrick Magiera rät: „Bei einem Wildunfall umgehend die Polizei alarmieren.“