Pinneberg
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Das kleine Paradies, das Früchte trägt

Pinneberg.  Grüne Miniatur-Quadrate mit bräunlichen Tupfern, sandig-lange Streifen durchzogen von gelb-blauen Sprenkeln: Viel mehr nehmen die Urlauber, die gerade mit dem Flieger von Hamburg nach Andalusien gestartet sind, nicht mehr wahr von der Schrebergartenkolonie Hasenmoor in Pinneberg. Und wenn schon: Es geht zum Badeurlaub an die Costa de la Luz und da ist es ja wohl nebensächlich, dass Christian Benneker tausend Meter unter ihnen Bohnen in die Erde bringt und Hiltraud Frenz sich einen Cappuccino aufgießt, bevor der Rasen in ihrer Parzelle den ersten Schnitt erhält.

„Stören mich überhaupt nicht die Flieger. In Niendorf würden sie mich stören. Da haben Sie den ganzen Sott von oben dann auf der Terrasse. Hier nicht“, sagt Christian Benneker und pflockt eine Leine akkurat in sein Beet. Entlang dieser Abmessung will der Rentner aus Pinneberg heute Buschbohnen pflanzen.

„En beten scheef hett Gott leef“, grummelt der sehnige Mann mit dem weißen Bart und der Kappe, doch wer sich die Benneker-Parzelle im Hasenmoor anschaut, kauft ihm diesen Schnack nicht recht ab. Picobello sehen die Rabatten aus – von Unkraut oder sonstigem Wildwuchs keine Spur. Die Stauden sind ordentlich mit Draht in Form gebracht, vor jeder Gemüsesorte steckt die entsprechende Packung in der Erde. „Das ist für meine Frau, damit sie nicht denkt, es ist Unkraut“, sagt Christian Benneker und lacht.

Schon morgens nach dem Frühstück schwingt sich der 74-Jährige auf sein Fahrrad und radelt Richtung Hasenmoor. Mittags geht es kurz nach Haus zum Essen, dann wieder ab zum Schrebergarten. „Das ist mein Reich. Ich brauche diesen Freiraum. Und was soll ich auch in der Stube rumdröhnen, wenn die Sonne scheint.“

Die Bennekers kennen es ohnehin nicht anders. Als Kapitän hat der gebürtige Rheinländer die ganze Welt gesehen, war zuletzt mit einem Containerschiff unterwegs, während seine Frau daheim den Alltag managte. 20 Jahre ist das her. „Kann man in der jetzigen Zeit jungen Leuten eigentlich nicht mehr empfehlen. Die Häfen sind jwd und die Liegezeiten extrem kurz. Alles hat eben seine Zeit.“ Java und Bali in Indonesien, an diese Reisen erinnert sich Christian Benneker noch besonders gern. Man könnte sich Stunden von ihm davon erzählen lassen.

Die Bennekers gewinnen die Hälfte ihrer Lebensmittel aus dem Garten

Heute hält sich die Lust auf Kofferpacken in Grenzen. Den Bennekers reichen die 500 Quadratmeter Garten, die sie mittlerweile seit 20 Jahren gepachtet haben. Kohlrabi, Himbeeren, Weißkohl, Erbsen, Erdbeeren und vieles mehr – „Wir leben bestimmt zu 50 Prozent aus dem Garten“, hat Benneker errechnet. Dafür zahlt er pro Jahr 275 Euro. „Geht eigentlich“, meint er. Besonders freuen sich die Bennekers auf die Kartoffeln. „Da schmeckt man die eigene Ernte. Manch andere Frühkartoffel aus dem Supermarkt stinkt ja schon aus dem Pott. Meine nicht“, meint Christian Benneker und stößt mit der Harke die letzte Furche gesäter Bohnen zu.

„So, Zeit für den Liegestuhl unterm Apfelbaum“, entscheidet der Laubenpieper. Dort, neben der Hütte haben es sich bereits Gartenzwerg Rudi und „Shaun, das Schaf“, gemütlich gemacht. „Das Schaf habe ich im Sperrmüll gefunden. Hatte nur noch ein Ohr. Aber haben wir mit Holz und Silikon noch mal wieder hingekriegt.“ Die Kinder aus dem Hasenmoor jedenfalls freuen sich riesig, dass „Opa Benneker“ Shaun gerettet hat.

Schrebergarten-Nachbarin Hiltraud Frenz kommt vorbei und grüßt über den Zaun. Die Pinnebergerin ist ein Urgestein des Kleingärtnervereins Pinneberg. 1970 pachtete sie mit ihrem Mann, der vor neun Jahren verstarb, die 650 Quadratmeter große Parzelle im Hasenmoor, und die beiden ließen eine gemütliche Laubhütte darauf aufstellen. Hiltraud Frenz hängt sehr an ihrem kleinen Paradies, das aber auch gepflegt werden will. „Ein bis zwei Stunden Arbeit am Tag muss man bestimmt reinstecken. Heute zum Beispiel ist der Rasen dran. Aber ich sitze auch gern im Liegestuhl und lese ein gutes Buch.“

„Sind schon sehr nette Nachbarn hier im Hasenmoor“, meint die 71-Jährige, die sich auch im örtlichen Altenheim sowie in der Kirchengemeinde engagiert. Hinzu kommen im Jahr zehn Stunden Gemeinschaftsarbeit für den Kleingärtnerverein. Mal muss das Vereinshaus gestrichen werden, mal die Hecken geschnitten. Das ist Pflicht im Hasenmoor. Und macht den Parzellenpächtern auch Spaß.

Nicht so lustig finden die Laubenpieper allerdings die vielen Karnickel, die alles ratzfatz abfressen, wenn man nicht aufpasst. „Den Kohlrabi schütze ich mit Maschendraht. Sonst ist er vielleicht morgen schon weg“, sagt Hiltraud Frenz. Auch Maulwürfe fühlen sich im lockeren Mutterboden ihres Schrebergartens anscheinend ziemlich wohl. „Einmal hatte ich 192 frische Hügel, als ich im Winter zur Parzelle reinkam. Unglaublich.“ In diesem Jahr waren es nur fünf oder sechs.

Hiltraud Frenz erntet so viel, dass sie unmöglich alles allein essen kann

Am meisten freut sich die Rentnerin, wenn Bohnen, Kohlrabi, Kartoffeln und Zwiebeln aus dem eigenen Garten zur Ernte bereit sind. „Das ist einfach herrlich. Aber ich kann unmöglich alles allein essen. Ich verschenke auch viel“, sagt Hiltraud Frenz. Ihre einzige Bedingung: „Die Leute müssen selbst kommen und ernten.“

Noch eine gute Stunde, dann senkt sich der Ferienflieger über den Weinbergen von Jerez. Dort gedeihen die Trauben für den besten Sherry der Welt. Scheint die Sonne im Hasenmoor ähnlich andalusisch, dann bringen es Christian Bennekers Buschbohnen in diesem Jahr ganz sicher auch zu Ruhm und Ehre.