Pinneberg
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Lebensretter im Handyformat

„Notfall. Tür verschlossen“ heißt es immer öfter für die Feuerwehren. Was die Ehrenamtlichen erwartet, wissen sie nie

Pinneberg. „Notfall. Tür verschlossen.“ Diese lakonische Alarmmeldung gehört für Freiwillige Feuerwehren im Kreis Pinneberg zum Tagesgeschäft. Doch das, was die ehrenamtlichen Retter erwartet, wenn sie eine Haustür aufgebrochen haben, ist selten alltäglich. Senioren, die gestürzt sind und hilflos auf dem Boden kauern. Verstorbene, die tagelang unbemerkt in ihrer Wohnung liegen. Menschen, die ihrem leben eigenhändig ein Ende gesetzt haben. „Es gibt Bilder, die nicht leicht zu verarbeiten sind“, sagt Pinnebergs Wehrführer Claus Köster. Etwa wenn verhungernde Haustiere sich bereits über die Körper ihrer toten Halter hergemacht hätten. Spezielle Schulungen, die auf derartige Situationen vorbereiten, gebe es nicht. Aber wenn es hart auf hart kommt, wählt Köster die Nummer der Einsatzleitstelle und fordert Unterstützung an. In Elmshorn gibt es eine Seelsorgerin, die sich um angeschlagene Feuerwehrleute kümmert. Eine Pastorin, die von drei Kollegen unterstützt wird. „Sie ist für uns 24 Stunden am Tag erreichbar“, sagt Köster.

In Anspruch nehmen muss Pinnebergs Wehr die Unterstützung selten. „Der Tod spielt bei den meisten Einsatzlagen eine Rolle, darüber muss man sich im Klaren sein“, so Köster. Im Jahr 2014 sei bei insgesamt 410 Einsätzen der Pinneberger Wehr in acht Fällen jede Hilfe zu spät gekommen. Sieben der Verstorbenen lagen hinter verschlossenen Wohnungstüren. „Wir haben alle ein Auge aufeinander, stellen die Teams mit Bedacht zusammen“, so Köster. Kameraden könnten selbst entscheiden, welche Rolle sie bei Einsätzen einnehmen. Niemand müsse in vorderster Reihe agieren, wenn etwa Leichenteile nach einem Bahnunfall eingesammelt werden müssten. Laut Köster hat sich die Art, mit belastenden Einsatzlagen umzugehen, in den vergangenen Jahren gewandelt. Früher sei vieles mit „derben Schnacks“ abgetan worden. Heute werde miteinander geredet – und aufgearbeitet.

Ein Vorfall ist Köster besonders in Erinnerung geblieben. Es ist Mitte April 2014, als Pinnebergs Wehr an die Generaloberst-Beck-Straße gerufen wird. Ein Rauchwarnmelder hat Alarm ausgelöst. Vor Ort keine Spur von einem Feuer. Kurz darauf werden die Kameraden erneut in das Haus gerufen. Diesmal brechen sie eine Tür auf. Und finden im Badezimmer der leeren Wohnung mehrere Holzkohlegrills, die noch glühen. „Die Bewohnerin wollte sich offenbar das Leben nehmen, hat es sich dann aber anders überlegt“, so Köster. Für seine Kameraden bedeuten derartige Situationen absolute Lebensgefahr. Eine Kohlenmonoxidvergiftung ist tückisch. Wenige Atemzüge reichten aus, einen Menschen zu töten.

Hamburgs Feuerwehr musste das im Dezember vergangenen Jahres schmerzlich erfahren. Bei einem Gas-Drama in Harburg waren mehrere Bewohner eines Wohnhauses gestorben. Obwohl Rettungskräfte in den Stunden zuvor mehrere Einsätze in dem Haus hatten. Doch die hatten keine so genannten CO-Warngeräte dabei. Pinnebergs Feuerwehr hat die schon vor einigen Jahren angeschafft. Die hochsensiblen Messinstrumente kosten wenige Hundert Euro und sind nicht größer als ein handelsübliches Handy. Sie laufen im Dauerbetrieb. Und schlagen sofort Alarm, wenn eine erhöhte Kohlenmonoxid-Konzentration gemessen wird. „Das Ding warnt sogar, wenn ich im Auto im Stau stehe und die Lüftung anschalte“, sagt Köster. Für ihn sind die Lebensretter im Handyformat unerlässlich.

Geht es um Wohnungsöffnungen sind laut Halle grundsätzlich erfahrene Kräfte am Werk. Eben weil niemand wissen könne, was die Retter hinter der aufgebrochenen Tür erwartet. „Unsere Gesellschaft ist zweifellos anonymer geworden“, so Köster. Die Zeit der Nachbarn, die nach dem Rechten schauen, sei vorbei. „Die Leute verbarrikadieren sich regelrecht in ihren Wohnungen“, sagt der Wehrführer.

Die Statistik der Freiwilligen Feuerwehr in Pinneberg spricht eine deutliche Sprache. Wurden die Blauröcke im Jahr 2012 noch 64-mal gerufen, um Wohnungen zu öffnen, rückte die Wehr 2013 schon 77-mal aus. Im Jahr 2014 hieß es 87-mal „Notfall. Tür verschlossen.“ Die Zahl der technischen Hilfsleistungen stieg somit auf insgesamt 191. Zum Vergleich: 135-mal musste die Wehr im vergangenen Jahr zu Bränden ausrücken – Feuer sind längst nicht mehr das Hauptgeschäft. Kreiswehrführer Frank Homrich kann das bestätigen: „Früher gab es einen engeren Zusammenhalt in den Familien, heute kümmern sich die Menschen weniger umeinander.“ Die Zahl der Türöffnungen werde also weiter steigen.