Pinneberg
Kreis Pinneberg

Endstation Scheidung – und nun?

Familienberatung registriert im Kreis deutlich mehr Trennungsfälle. Eltern sind häufiger völlig zerstritten, Kinder leiden

Kreis Pinneberg. Ein Bürogebäude an der Wedeler Hafenstraße. Der Weg führt über eine trostlos wirkende Treppe hinauf zu einer Tür. Dahinter finden Familien seit Jahren Trost und Halt – wenn sie die Hilfe in Anspruch nehmen. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten, hier zu landen. Die eine ist freiwillig: Eltern, die dringend Hilfe suchen, werden meist von Bekannten, Lehrern oder Ärzten an die Experten der dort ansässigen Awo-Erziehungsberatung verwiesen. Die andere Möglichkeit ist mit Zwang verbunden. Das Familiengericht kann Eltern, die sich scheiden lassen wollen, eine solche Beratung vorschreiben. Da die Einrichtung der Arbeiterwohlfahrt (Awo) den gesetzlichen Anspruch auf Erziehungshilfe im Auftrag des Kreises erfüllt, landen diese Fälle auch in der Beratungsstelle in Wedel oder einem der anderen Standorte in Uetersen, Pinneberg und Elmshorn.

Ob freiwillig oder verordnet – die Fallzahlen, in denen es um Trennung und Scheidung in den Beratungsgesprächen geht, nehmen im Kreis gebiet zu. 2014 schloss die Awo-Erziehungsberatung im Kreis Pinneberg insgesamt 737 Beratungsfälle ab. Davon ging es in 49 Prozent der Fälle um Scheidung und die Folgen für die Familie. Im Vergleich dazu zählte die Beratungsstelle im Vorjahr noch 656 Beratungsfälle, von denen 311, also 47 Prozent, sich mit diesem Thema befasste. „Die Scheidungsfälle haben stark zu genommen, und jedes Jahr wächst die Zahl weiter“, stellt Ute Reinecke-Gottschalk fest. Sie hat die Leitung der vier Familienberatungsstellen im Kreisgebiet inne und beobachtet wie ihre Kollegen besorgt den Trend.

Denn unter einer Trennung leiden die Kinder. Darin sind sich die Awo-Erziehungsberater einig. In der Fachliteratur werden die Folgen einer Scheidung für Kinder zwar sehr unterschiedlich bewertet, die Mitarbeiter der Familienbildung haben aufgrund ihrer langjährigen Arbeit aber nur eine Erfahrung gemacht: „Kinder nehmen ein Monotrauma mit“, sagt Reinecke-Gottschalk. Sie stünden zwischen den geliebten Eltern und versuchten, irgendwie loyal zu sein. Desto zerstrittener die Eltern, umso schwerer sei es deshalb für die Kinder, mit der Situation umzugehen.

Das Problem ist, dass Reinecke-Gottschalk und ihre Kollegen eine steigende Zahl ratsuchender Eltern verzeichnen, die völlig zerstritten sind. „Die hochstrittigen Fälle, in denen Elternteile sich regelrecht bekämpfen, haben zugenommen“, so die Leiterin der Beratungsstelle für Familien im Kreis Pinneberg. Nicht in jedem Fall könnten da die Experten mit ihrem Rat durchdringen. „Es gibt auch Beratungen, die wir ohne Vereinbarung abschließen“, sagt Reinecke-Gottschalk. Besonders die Fälle, die direkt vom Gericht vermittelt werden, seien meist problematisch und die Eltern total zerstritten. Dann ginge es darum, wer das Kind wann sieht, um die Erziehung und um die Ausbildung. Manch ein Elternteil, der sich während der Ehe noch wenig für diese Dinge interessierte, erhebt während der Trennungszeit dann plötzlich neue Ansprüche.

„Die Kinder haben einiges durchzustehen und reagieren darauf“, so Reinecke-Gottschalk. So werden sie in der Kita oder der Schule auffällig, verändern ihr Verhalten auch zu Hause. „Deshalb steht das Kind bei unseren Beratungen immer im Fokus“, erklärt Elke Wolframm, die zum Team der Wedeler Familienberatung gehört. Es ginge darum, die zerstrittenen Eltern in den vertraulichen Gesprächen an die Folgen für das Kind und an diese Gemeinsamkeit zu erinnern. So versuchen die Berater, der Familie zu helfen, eine einvernehmliche Lösung zu finden.

Dabei wird Wolframm in Wedel seit kurzem vom Marcus Flöß und Sandra Wedra unterstützt. Die beiden Diplompsychologen haben die Stellen von ausgeschiedenen Mitarbeitern im vergangenen Jahr übernommen. Flöß war zuvor in Stade tätig, befasste sich vor allem mit Schulverweigern, Wedra arbeitete im Krankenhaus in Bad Segeberg. Zu ihren Aufgaben gehört – zusätzlich zu den Krisenbewältigungen – bei Scheidungsfällen auch Eltern zu helfen, wenn sie mit ihren pubertierenden Jugendlichen zu kämpfen haben, wenn es in der Schule nicht läuft, Eltern in Erziehungsfragen uneinig sind oder Kinder Opfer von körperlicher oder sexueller Gewalt wurden.

Die Beratung ist für Familien kostenlos. Finanziert wird die Arbeit der Awo-Experten vom Kreis Pinneberg. In Wedel sitzt die Erziehungsberatung in der Hafenstraße 28, Kontakt unter 04103/701960.