Kreis Pinneberg

„Zwischen Lippenstift und Hakenkreuz“

| Lesedauer: 4 Minuten
Katy Krause

Unterschätzte Gefahr: Workshop in Quickborn über Frauen in der rechtsextremen Szene

Kreis Pinneberg. Frauen sind friedlich, freundlich – und bestimmt keine gewaltbereiten Neonazis. Solchen Vorurteilen begegnet Johanna Sigl täglich. Die Dozentin an der Universität Göttingen und Autorin verschiedener Fachbeiträge befasst sich seit Jahren intensiv mit dem Thema Frauen und Rechtsextremismus. Ein nicht nur für Sigl deutlich unterschätztes Problem. Sigl gehört dem bundesweiten Forschungsnetzwerk aus Wissenschaftlern, Journalisten und Pädagogen an, dessen Ziel es ist, über die Rolle von Frauen in der extremen rechten Szene aufzuklären. So wie kürzlich in Quickborn.

„Zwischen Lippenstift und Hakenkreuz“ lautete der provokante Titel des Workshops in Quickborn, der von etwa 18 Teilnehmern, darunter Erzieher, Jugendhelfer und Mitarbeiter von Beratungsstellen aus dem Kreis Pinneberg und Hamburg wahrgenommen wurde. Sie hörten teilweise erstaunt zu, wie Referentin Sigl an zahlreichen Beispielen verdeutlichte, wie sich solche Vorurteile auswirken und welche Gefahr sie bergen. „Rechtsextremismus und die allgemeine Vorstellung vom Bild der friedlichen Frau passen nicht zusammen“, so Sigl. Sie warnte: „Wenn Frauen als weniger gefährlich wahrgenommen werden, heißt das im Umkehrschluss, dass sie größeren Spielraum haben, unbehelligt zu agieren.“

Laut Sigl nutze die rechte Szene genau das zunehmend aus. „Frauen werden vorgeschickt, um Gaststätten oder Veranstaltungsräume für rechte Konzerte zu mieten oder Demos anzumelden. Bei ihnen ist das Risiko geringer, dass Veranstalter genauer nachfragen“, erklärte Sigl den Workshop-Teilnehmern die Strategie. Frauen schafften es auch bei Veranstaltungen, zum Beispiel zum Thema Flüchtlingspolitik, die unterwandert werden sollen, ans Mikrofon zu kommen. Ob beruflich oder privat, bei Frauen werde ihre rassistische Gesinnung deutlich länger ignoriert.

Ein sehr drastischer Fall, in dem die Gewaltbereitschaft einer Frau in der extrem rechten Szene unterschätzt wurde, ist Beate Zschäpe. Sie steht vor Gericht, weil ihr vorgeworfen wird, der Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) angehört zu haben, deren Mitglieder über Jahre hinweg unentdeckt morden konnten.

Sigls Vorwurf: Als 2011 das Ausmaß der Mordserie öffentlich wurde und die gesuchte Zschäpe sich stellte, sei sie lange als Mitläuferin abgetan worden. Das Gros der Gesellschaft traue einer Frau eine mögliche Führungsrolle gar nicht zu. Dabei machte die Soziologin während ihres Vortrages ganz deutlich, dass Mädchen und Frauen in allen Bereichen der extremen Rechten aktiv sind, dass sie Führungspositionen bekleiden und sich an rechtsextrem motivierten Straftaten beteiligen.

Das Problem ist laut Sigl, dass die Frauen viel häufiger unbestraft davonkämen. Ein aktuelles regionales Beispiel für die Schere im Kopf hatte die Soziologin auch parat. Dabei ging es um die Berichterstattung über die KZ-Aufseherin, die in Hamburg nahe Schenefeld lebt und gegen die kürzlich Strafanzeige gestellt wurde. Die 92-Jährige soll einen Todesmarsch von Gefangenen im Jahr 1945 begleitet haben. Den Weg vom Konzentrationslager Groß-Rosen in Niederschlesien nach Guben in der Niederlausitz überlebten 1400 der 2000 Gefangenen nicht.

Von einem Journalisten der „Welt am Sonntag" auf ihre KZ-Vergangenheit angesprochen, sagte die Frau: „Ich habe nichts gemacht, ich war nur in der Küche.“ Dass sie sich überhaupt darauf berufe, nur in der Küche gewesen zu sein und sonst nichts gesehen oder getan zu haben, zeigt laut Sigl, dass sie dieser Erklärung eine gewisse Glaubhaftigkeit innerhalb der Gesellschaft einräume.

„Wer an Neonazis denkt, denkt an Männer in Springerstiefeln und Glatze“, sagt auch Hannah Gleisner. Die Gleichstellungsbeauftragte aus Quickborn kam während einer Fachtagung erstmals mit dem Thema in Berührung, das sie in diesem Ausmaß überraschte.

Die Idee, ein Netzwerk zu bilden und andere Funktionsträger über das Problem aufzuklären, war geboren. „Quickborn ist keine Insel, auch wir haben ein Problem mit Rechtsextremismus“, so Gleisner. „Wenn wir uns hier in Quickborn aber dafür sensibilisieren und mit offenen Augen und Ohren durch die Welt gehen, haben wir schon viel erreicht“, gab sie das Ziel des Workshops vor. Das wurde erreicht. Nach dem Vortrag Sigls erklärte eine Mitarbeiterin aus dem Bereich Jugendarbeit im Kreis Pinneberg, dass sie vor kurzem mit Eltern sprach, bei denen sie von einem rechtsradikalen Hintergrund ausging. Ihr sei jetzt klar geworden, dass sie nur den auffällig gekleideten Vater im Visier hatte, über die Rolle der Mutter habe sie gar nicht nachgedacht.

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