Pinneberg
Rellingen

„Wir hatten einen Schutzengel“

Linienbus kracht in Halstenbeker Doppelhaushälfte. Sechs Insassen verletzt, Bewohner und Nachbarn bleiben verschont

Halstenbek/Rellingen. Die zerstörten Fenster sind mit Brettern vernagelt, ein Berg Schutt liegt vor den Häusern. Und doch vermittelt die Szenerie an der Altonaer Straße am Morgen danach nur noch Ansätze davon, was sich hier im Grenzgebiet von Halstenbek, Rellingen und Hamburg am späten Sonnabend ereignet hatte.

Gegen 20 Uhr war ein Bus der HVV-Linie 185 in Rellingen von der Straße abgekommen und in eine Doppelhaushälfte auf Halstenbeker Gebiet gerast. Er rammte sich mehr als einen Meter tief ins Gemäuer und brachte einen Carport zum Einsturz. Dabei wurde auch der Erker eines benachbarten Hauses zerstört. Vier der Insassen des Busses wurden leicht verletzt, zwei schwerer – darunter der Busfahrer.

Trümmerteile des Carports zerstörten Erker eines benachbarten Hauses

Die Bewohner der betroffenen Wohnungen erfuhren von dem Unglück erst mit Verzögerung. Sie hatten sich glücklicherweise allesamt nicht daheim aufgehalten. Auch die Familie von Kurush Esmaeili-Schramm war unterwegs. Später fand er mit seiner Frau Nadine dann den Essbereich seines Zuhauses mit Scherben übersät vor. Das zerbrochene Glas und gesplittertes Holz waren alles, was vom Erker des Gebäudes übrig geblieben war. Trümmerteile des benachbarten Carports hatten diesen nach dem Aufprall des Busses zerstört.

„Ich möchte nicht wissen, was passiert wäre, wenn unser Kind zu Hause gespielt hätte“, sagte Esmaeili-Schramm, Vater einer zweijährigen Tochter. „Wir hatten einen Schutzengel.“ Während seine Familie im Verlauf des Abends darum bemüht war, für eine schnellstmögliche Abdichtung des erheblichen Lochs in der Außenwand zu sorgen, musste nebenan ein intakt gebliebenes Fenster von den Einsatzkräften vorsätzlich eingeschlagen werden.

Weil die Bewohner zunächst nicht erreichbar gewesen waren und niemand in der Nachbarschaft einen Schlüssel hatte, konnten sich die Helfer nur gewaltsam Zugang zu dem Haus verschaffen, in dem der Linienbus feststeckte.

Fachleute hatten sich zunächst einen Eindruck vom Zustand des Gebäudes verschafft und entschieden, dass vor der Bergung des Busses die Decken im Erdgeschoss und im Dachgeschoss tragend abgestützt werden müssten. Diese Aufgabe übertrug die Einsatzleitung 22 freiwilligen Helfern des THW Pinneberg, die von 21.30 Uhr an mit drei Einsatzfahrzeugen vor Ort waren.

Erst weit nach Mitternacht konnten die Arbeiten abgeschlossen und der im Vorderbereich komplett zerstörte Bus aus dem Haus gezogen werden. Dessen zunächst eingeklemmter Fahrer war bereits innerhalb der ersten Viertelstunde des Einsatzes befreit worden. Die Fahrgäste hatten den Bus ohne Hilfe verlassen können.

„Der Kollege hatte einen Schutzengel ungeahnten Ausmaßes“, sagte Martin Beckmann, Sprecher der Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein (VHH). Wo der Fahrer gesessen hatte, prägten später Holzteile des Carports, Glassplitter und andere Trümmer das Bild. Zur möglichen Unfallursache wollte sich Beckmann nicht äußern. Nach Angaben der Polizei könnte ein Schwächeanfall oder Ähnliches den Fahrer kurzzeitig außer Gefecht gesetzt haben. Die Rettungskräfte fanden den 52-Jährigen, der bereits seit mehr als 20 Jahren für die VHH fährt, bei Bewusstsein vor.

Insgesamt waren rund 100 Einsatzkräfte von THW, der freiwilligen Feuerwehren aus dem Kreis Pinneberg und Hamburg, der Berufsfeuerwehr Hamburg, von Rettungsdiensten sowie der Polizei im Einsatz.