Pinneberg
Elmshorn

„Die Vorbereitung war mehr als ausreichend“

Schulleiterin sieht Grund für Abi-Desaster an Leibniz Privatschule in Prüfungsverordnung

Elmshorn. Lediglich 48 von 71 Oberstufenschülern des aktuellen Abschlussjahrgangs an der Leibniz Privatschule in Elmshorn wurden zum Abitur angemeldet, davon fünf gegen den Ratschlag der Lehrer. Der Grund: In den Vorabiturprüfungen schnitten sie zu schlecht ab – trotz teilweise guter Vorzensuren. Fünf Schüler sind in den elften Jahrgang zurückgestuft worden, 16 haben die Privatschule, die noch auf die staatliche Anerkennung wartet, verlassen. Eine ist unentschieden, einer ist langfristige erkrankt. Ein Großteil ist an Gymnasien im Umkreis untergekommen. Dort müssen sie zwei Jahre Oberstufe wiederholen, weil die bisherigen Noten der elften und zwölften Klasse nicht angerechnet werden können. Die Eltern der betroffenen Kinder machen Schulleiterin Barbara Manke-Boesten für das Desaster verantwortlich. Die sieht die Schuld wiederum in den uneinheitlichen Prüfungsverordnungen.

Hamburger Abendblatt:

Ein Drittel der 71 Oberstufenschüler sind an der Leibniz Privatschule nicht zum Abitur zugelassen? Wo sehen Sie die Gründe dafür?

Barbara Manke-Boesten:

Hauptsächlich in der schweren Prüfungsverordnung, die vier schriftliche und vier mündliche Prüfungen vorsieht. Das ist auch der Grund, warum wir Schülern raten, ein Jahr zurückzugehen und es diesmal nicht zu versuchen, um keinen Fehlversuch zu riskieren. Die externe Prüfung ist eine enorme Belastung und erheblich schwerer als eine „normale“ Prüfung. Natürlich müssen sich die Schüler auf diese Prüfung anders vorbereiten, weil nur der Stichtag zählt, denn die Noten der Oberstufe werden nicht angerechnet. Ich würde mir wünschen, das wäre anders. Weil die Vorzensuren die umfassende Leistung des Schülers beurteilen. Projektarbeiten, Präsentationen, Beteiligung im Unterricht, Engagement – das alles außen vor zu lassen, ist ungerecht.

Hamburger Abendblatt:

Welche Fehler sehen Sie bei sich?

Barbara Manke-Boesten:

Sicherlich ist es nicht schön, wenn Lehrer in der elften oder zwölften Klasse gehen und wir neue Lehrer einarbeiten müssen – weder für uns noch für die Schüler. Vielleicht hätten wir auch noch früher sagen müssen: Wir raten euch, zurückzugehen. Aber die Zeugnisverordnung lässt das nicht zu. Wer in der elften Klasse ist, steigt automatisch in die zwölfte auf. Es gibt keinen Versetzungsbeschluss. Selbst mit schlechten Zensuren steigt man in die zwölfte auf.

Hamburger Abendblatt:

Wie erklären Sie die hohe Fluktuation der Lehrkräfte?

Barbara Manke-Boesten:

Es sind unterschiedliche Gründe, warum die Lehrer uns verlassen. Zum Beispiel ist gerade einer nach Bayern zurückgegangen. Der Hauptgrund ist aber die Verbeamtung der Lehrer. Wir zahlen zwar das gleiche Bruttogehalt, beim Nettogehalt eines Beamten können wir nicht mithalten.

Hamburger Abendblatt:

Sind Sie der Auffassung, die Vorbereitungen auf die Prüfungen waren ausreichend?

Barbara Manke-Boesten:

Ja, die Vorbereitung war mehr als ausreichend. Das haben uns auch die Abiturienten des ersten Jahrgangs bestätigt. Die Schüler werden im Unterricht innerhalb der Rahmenschriftpläne des Curriculums vorbereitet. Wir bieten darüber hinaus in den Hausaufgaben an, sich vorzubereiten, und in den Ferien extra Vorbereitungskurse. An den Vorbereitungsmöglichkeiten kann es nicht liegen. Wir sagen immer, wir schließen euch die Tür auf. Durchgehen müsst ihr selber.

Hamburger Abendblatt:

Wie kommt es, dass Schüler mit durchschnittlichen Zeugnisnoten von 2,5 oder 3,0 die Vorabiturprüfung dann nicht schaffen?

Barbara Manke-Boesten:

In diesen Zeugnisnoten geht überwiegend, wie das Ministerium vorschreibt, die mündliche Beteiligung mit ein – die schriftlichen Arbeiten mit weniger als 50 Prozent. Hauptgrund ist aber die Stichtagsprüfung. Nur das Wissen, das an diesem Tag gezeigt wird, zählt. Und es ist etwas anderes, ob ich eine Vorabiturklausur schreibe, die Abiturniveau hat oder eine einfache Klausur innerhalb eines Halbjahres. Bei der Vorabiklausur wird das Wissen von zwei Jahren abgefragt.

Hamburger Abendblatt:

Warum haben Sie die Eltern nicht rechtzeitig darüber informiert, dass die Zulassung ihrer Kinder gefährdet ist?

Barbara Manke-Boesten:

Sowohl im Zusammenhang mit den Zeugnissen für elf/zwölf als auch nach den Sommerferien haben wir mit Eltern und Schülern gesprochen und ihnen gesagt, dass ihr Kind intelligent ist, aber es schon mehr tun muss. Mit der Haltung, „wird schon“, schafft man kein Abitur. Das berechtigt zum Studium und da muss man schon ein gewisses Niveau haben.

Hamburger Abendblatt:

Ein Drittel Durchfaller sind schon sehr viele. Heißt das in der Konsequenz, dass die Schüler überdurchschnittlich schlecht sind?

Barbara Manke-Boesten:

Nein, das glaube ich nicht. Und wir bereiten auch nicht schlecht vor. Die Prüfung ist einfach überdurchschnittlich schwer, wie uns auch das Ministerium bestätigte.

Hamburger Abendblatt:

Welche Konsequenzen haben Sie nach dem Abi-Desaster des ersten Jahrgangs gezogen?

Barbara Manke-Boesten:

Wir haben die Konsequenz gezogen, dass wir nicht mehr allen raten, das Abitur zu machen und deswegen die Vorprüfung als Zulassung oder besser Warnsignal eingeführt haben. Aber ich betone noch einmal: zugelassen wird durch die Oberste Schulbehörde des Ministeriums in Kiel. Wir haben aber nicht mehr allen geraten, sich anzumelden. Doch die endgültige Entscheidung darüber treffen Schüler und Eltern. Außerdem haben wir die Vorbereitungen auf die mündliche noch intensiviert. Denn die mündlichen Prüfungen sind die entscheidenden gewesen. Hier hatten die Schüler die größten Schwierigkeiten.

Hamburger Abendblatt:

Was sagen Sie zum Vorwurf der Eltern, Sie hätten die Kinder zugunsten der staatlichen Anerkennung geopfert?

Barbara Manke-Boesten:

Wir haben den Ratschlag, zu wiederholen, aus zwei Gründen gegeben. Aus Fürsorge gegenüber dem Einzelnen, den wir für nicht gut vorbereitet halten. Er sollte mit der Wiederholung eines Schuljahres auf ein sicheres Fundament gestellt werden. Und wir haben natürlich die Fürsorge für alle anderen, die die Prüfung in den Jahren danach machen.

Hamburger Abendblatt:

Welche Konsequenzen ziehen Sie aus den jüngsten Vorfällen an Ihrer Schule?

Barbara Manke-Boesten:

Wir werden, sollten wir nochmal die externen Prüfungen für den Jahrgang 2015/16 leisten müssen, sicherlich noch intensiver und mit Protokoll vorbereiten. Wir werden jedoch bei den schriftlichen und mündlichen Vorprüfungen bleiben.

Hamburger Abendblatt:

Was erhoffen Sie sich denn noch an Unterstützung seitens des Ministeriums?

Barbara Manke-Boesten:

Wir wünschen uns, dass wir gleich behandelt werden und Schüler unter gleichen Bedingungen ihr Abitur erwerben können. Dann kann man auch darüber diskutieren, ob man uns an der einen oder anderen Stelle weiter begleitet. Für die Schüler hoffen wir, dass sie im nächsten Jahr nicht die externen Prüfungen machen müssen. Vielleicht noch ein Punkt: Wir haben auch viele Quereinsteiger, die an anderen Schulen gescheitert und dort aussortiert worden sind. Denen geben wir noch eine Chance. Wir sind ja auch Pädagogen und hoffen, dass wir diese Schüler dann noch zum Abitur führen können. Das klappt nicht immer, aber manchmal eben doch. Wir haben im letzten Jahrgang hochbegabte, aber sehr schwierige, ausländische Schüler oder welche mit ADHS, die überall sonst gescheitert wären, zum Abitur geführt. Darauf sind wir stolz. Aber sie müssen ihre Chance wahrnehmen.