Pinneberg
Kreis Pinneberg

Kita-Leiter kämpfen händeringend um Fachpersonal

Sabine Jacobsen ist verzweifelt. Seit einem Jahr sucht die Kita-Leiterin aus Schenefeld schon Mitarbeiter. Auch andere Einrichtungen im Kreis Pinneberg kämpfen um Personal. Mit unterschiedlichen Modellen.

Kreis Pinneberg. Wenn Andrea Rump früher eine Stelle für ihre Kita in Wedel ausschrieb, dann fürchtete sie sich fast ein wenig davor. Denn so eine Annonce zog bis zu 200 Bewerbungen nach sich. Rump, die seit 21 Jahren für die AWO-Kita „Hanna Lucas“ als Leiterin arbeitet, schloss sich dann auch einmal für eine Woche in ihrem Büro ein, um die gestapelten Bewerbungen irgendwie durchsehen zu können. Die Zeiten haben sich geändert. „Schlagartig“, wie Rump sagt. Heute schreibt sie Stellen gar nicht mehr aus. Es lohne sich nicht. Auf eine Anzeige bekomme sie höchstens zwei bis drei Bewerbungen.

Der Wind drehte sich im August 2013, als der Rechtsanspruch für Eltern auf einen Betreuungsplatz für ihre unter dreijährigen Kinder in Kraft trat. Die Städte und Gemeinden arbeiten seitdem an dem Krippen-Ausbau und das zieht auch einen hohen Bedarf an Mitarbeitern nach sich. „Fast jede Einrichtung brauchte mehr Personal“, sagt Rump. Hinzukommt, dass sich in den vergangenen Jahren die Einstellung der Eltern und damit der Betreuungsbedarf enorm verändert hat.

Längere Öffnungszeiten, mehr Elternpaare im Beruf und die Integration von Kindern mit Behinderung führen zu einem höheren Personalbedarf. Am Beispiel der „Hanna Lucas“-Kita bedeutet es, dass einst 15 Betreuer sich um 150 Kinder kümmerten. Derzeit verfügt die Einrichtung über 24 Mitarbeiterinnen, davon fünf Erzieher, die sich auch in Teilzeit um 85 Kinder kümmern.

„Der Markt ist leergefischt“, sagt Rump. Hinzukommt, dass in Hamburg weitere Mitarbeiter nach Protesten der Eltern eingestellt werden. Die Nähe zur Hansestadt, wo der Ausbau der Kita-Betreuung stark vorangetrieben wird, und der Wettbewerb mit Hamburg um Erzieher machen sich in Wedel deutlich bemerkbar. Das Problem: Die Mieten in Wedel sind für alleinverdienende Erzieher zu teuer, wie Rump berichtet. „Eine Mitarbeiterin hat uns nach drei Jahren verlassen müssen, weil sie es sich nicht leisten konnte, hier zu wohnen“, berichtet die Kita-Leiterin. Sie ist froh, dass sie derzeit alle Stellen besetzt hat und niemanden sucht. Das sah schon einmal ganz anders aus.

Vier Erzieherinnen schieden innerhalb von einer Woche aus. Sie waren schwanger und erhielten aufgrund des Gesundheitsrisikos ein sofortiges Beschäftigungsverbot in der Kita zum Schutz ihres Kindes. „Eineinhalb Jahre hat es gebraucht, bis wir das ausgleichen konnten“, erinnert sich Rump. Sie hat das Glück, dass sie ein Mitarbeiter-Team hat, das zusammenhält. Einige Erzieher stockten ihre Stundenanzahl auf, andere rührten bei Kollegen und Auszubildenden die Werbetrommel.

Rumps Kollegin Sabine Jacobsen ist da in einer verzweifelteren Lage. Ihre Kita an der Schenefelder Bogenstraße liegt ebenfalls nicht weit entfernt zur Stadtgrenze von Hamburg. Leiterin Jacobsen fühlt sich hilflos. Seit zwei Jahren sucht sie schon nach dringend benötigter Verstärkung für ihr Team. Drei Stellen sind hier derzeit unbesetzt und die Belegschaft daher überlastet. „Das, was wir jetzt leisten, lässt sich eigentlich nicht leisten“, sagt Jacobsen. Sie weiß nicht mehr, was sie noch tun könnte, um Mitarbeiter zu gewinnen. Es gäbe die Möglichkeit, Gruppen zu schließen. „Doch das ist keine Alternative“, sagt Jacobsen.

In der Kindertagesstätte „Regenbogen“ in Halstenbek versucht man sich mit der Situation irgendwie zu arrangieren. „Drei Bewerbungen pro Ausschreibung sind schon viele“, konstatiert Kirsten Osius, Geschäftsführerin des von einem Elternverein getragenen Kindergartens. Der Markt an guten Erziehern sei relativ leergefegt. Die letzte freie Stelle, eine befristete Schwangerschaftsvertretung, konnte mit etwas Glück kurzfristig belegt werden. Die Vertreterin bewarb sich zufällig initiativ. Osius bleibt optimistisch und glaubt an den Umbruch, der alles wieder in den „Normalzustand“ bringen wird.

Auch Annika Holmer vom Quickborner Haus „Wilde 13“ der Johanniter-Unfall-Hilfe weiß, wie schwierig neues Personal zu bekommen ist. Es gebe auf dem Arbeitsmarkt jede Menge vakanter Stellen, dadurch seien Mitarbeiter und Bewerber viel selbstbewusster geworden. Sie sagt: „Als Erzieher muss man heute nicht arbeitslos sein.“ Auch wenn es nicht viele Bewerber auf eine Stelle im Kinderhaus gibt, meistens zwischen drei und zehn, nimmt sie niemanden nur, weil sie es eigentlich müsste. Im Zweifel wird nicht auf die Stelle der Erstbeste eingestellt, sondern auf die richtige pädagogische Kraft gewartet.

Das Deutsche Rote Kreuz in Pinneberg greift aufgrund der Situation bei akut hohem Krankenstand auf Zeitarbeiter zurück. „Wir arbeiten mit drei Firmen in Hamburg zusammen, die Erzieher befristet vermitteln können“, erklärt Ingrid Moscharski vom DRK Kreisverband. Sie hätte damit gute Erfahrungen gemacht, das vermittelte Personal sei gut ausgebildet. Ein Erzieher auf Zeit könne aber nur eingestellt werden, wenn der erkrankte Mitarbeiter aus der Lohnfortzahlung fällt, schränkt sie ein. Ein weiteres Problem ist, so Moscharski, dass manche Standorte der 17 DRK-Kitas im Kreis Pinneberg für Praktikanten als Sozialpädagogische Assistenten aufgrund der Verkehrslage unattraktiv sind. „Gerade Wedel ist davon betroffen“, sagt sie.

Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung fehlen derzeit 120.000 Erzieher deutschlandweit. Mit Initiativen und Kampagnen versuchen Verbände gegenzulenken. Mit mäßigem Erfolg. Die Personalsituation an Kitas im Kreis Pinneberg ist auch Thema am 17. Dezember. Eka von Kalben, Fraktionschefin der Grünen in Schleswig-Holstein informiert sich vor Ort in Pinneberg.