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Elmshorn

Wer ist normal und wer nicht?

Gegen Vorurteile: Psychologin Petra Wiethölter und Fotografin Heike Günther geben psychisch Erkrankten ein Gesicht

Elmshorn. Wer das Foto von Andrea und ihren beiden erwachsenen Kindern sieht, ahnt die enge Beziehung der drei. Sie sind dicht aneinandergerückt, halten einander fest. Der Mutter steht der Stolz auf Tochter und Sohn ins Gesicht geschrieben. Was nicht zu sehen ist: Jemand in dem Dreigespann ist psychisch erkrankt. Wer und woran, das erfährt der Betrachter nicht.

Das großformatige Porträt der Hamburger Fotografin Heike Günther ist Teil der Ausstellung „ganz normal verrückt?!“, die von Freitag, 5. Dezember, an im Elmshorner Rathaus zu sehen sein wird. Wer leidet an einer Sucht, einem Zwang oder einer Phobie, wer ist manisch-depressiv, essgestört oder schizophren? Wer ist gesund? Und was ist eigentlich normal? Die Fotos von Menschen mit und ohne psychischer Erkrankung laden die Betrachter ein, sich mit ihren Fragen und Unsicherheiten dem Thema zu nähern. Die Brücke Elmshorn e.V. möchte mit der Ausstellung Neugierde wecken und Anstöße geben, Ängste und Unsicherheiten im Umgang miteinander abzubauen.

Die Idee zu der Ausstellung hatte die Psychologin Petra Wiethölter, die zehn Jahre für die Brücke Elmshorn arbeitete, schon 2011. Damals standen die Begegnungsstätte vor Kürzungen und die niedrigschwelligen Angebote für psychisch Erkrankte auf der Kippe. Das wollte Wiethölter so nicht hinnehmen. „Lobbyarbeit für psychisch Kranke ist nicht so einfach“, sagt die 49-Jährige. „Viele Menschen schrecken vor dem Kontakt mit ihnen zurück.“ Dabei würde jeder jemanden im Umfeld kennen, der psychisch erkrankt sei, davon ist sie überzeugt. „Jeder Dritte hat einmal in seinem Leben psychische Probleme“, sagt die Therapeutin. Jeder Zehnte erkranke behandlungsbedürftig. Ihre Idee: Man müsste den psychisch Erkrankten ein Gesicht geben.

Dann waren die Einsparungen vom Tisch, die Begegnungsstätte gerettet und das Projekt schlief ein. In Vergessenheit geriet es allerdings nicht. „Die Idee hat mich seitdem nicht mehr losgelassen“, sagt sie. Sie wirbt bei der Aktion Mensch Gelder ein und nimmt Kontakt zur Hamburger Fotografin Heike Günther auf, deren Familienporträts von Migranten sie nachhaltig beeindruckt haben.

Günther arbeitet häufig mit Hilfsorganisationen zusammen, fotografiert Obdachlose, Flüchtlinge, Kranke und möchte die Stärken vermeintlich schwacher Menschen in ihren Porträts sichtbar machen. „Fragen wie, was bin ich wert, wenn ich nicht wie alle anderen bin, faszinieren mich“, sagt sie. Von Wiethölters Projekt muss sie nicht lange überzeugt werden.

Anders die Menschen, die sie fotografieren soll. „Viele hatten Angst vor der Stigmatisierung“, sagt Wiethölter. Am Ende finden sich 20 Mutige. Ihr Wunsch: dem Stigma entgegen zu wirken, als Person sichtbar zu werden, gemeinsam mit Menschen, die wichtige Begleiter sind, sich auf diese Weise in der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Wiethölter und Günther sprechen mit ihnen darüber, was sie für normal halten, wie sie im Alltag mit der Krankheit umgehen. Einer erzählt: „Die meisten Leute verstehen nicht, wenn sie mich im Alltag erleben, dass ich psychisch krank bin. ,Das gibt es doch gar nicht, wir kennen dich doch ganz anders.‘ Vielleicht bin ich nicht so wie die anderen, aber ich bin wie ich bin.“

Ein anderer Teilnehmer sagt: „Krankheit ist normal. Vielleicht hab ich das erst so gesehen, nachdem ich es erlebt habe, vorher kannte ich das ja nicht. Aber danach habe ich mitbekommen, dass psychische Erkrankung ziemlich häufig ist, dass das in dem Sinne normal ist.“

Sieht man Menschen eine psychische Erkrankung an? Was sagt eine entsprechende Diagnose über einen Menschen aus? Was macht mich neugierig, einen Menschen kennenzulernen? Was verbindet mich mit einem Menschen? Ganz bewusst wird in dieser Ausstellung darauf verzichtet, die Betroffenen und deren Diagnosen mit Namen zu benennen. Denn auch heute noch wirkt sich das Wissen um eine psychische Erkrankung und eine Diagnose eher stigmatisierend auf die Betroffenen aus.

Der Verein Brücke Elmshorn lädt mit der von Aktion Mensch geförderten Ausstellung „ganz normal verrückt?!“ zur Begegnung miteinander ein. Sie wird am 5. Dezember, um 14 Uhr im Rathaus Elmshorn, Kollegiumsaal eröffnet. Petra Wiethölter und Heike Günther freuen sich gemeinsam mit den Porträtierten, die auch anwesend sein werden, auf den Austausch mit Besuchern. Die Fotos sind zu den Öffnungszeiten des Rathauses bis zum 23. Januar ausgestellt. Der Eintritt ist frei.