Pinneberg
Wedel

Startschuss für Kita-Pilotprojekt zur Inklusion in Wedel

In Wedel startet ein Pilotprojekt: An den drei Awo-Kitas sollen in den kommenden zwei Jahren neue Wege der gelebten Inklusion beschritten werden, die fürs Land richtungsweisend seien sollen.

Wedel. „Im Land der Blaukarierten sind alle blaukariert, und wenn sich doch einmal ein Rotgefleckter dorthin verirrt, dann rufen Blaukarierte: Der passt uns nicht! Er soll verschwinden!“ Das Lied vom Anderssein sangen die Vier- bis Sechsjährigen des Awo-Kindergartens Hanna Lucas mit Inbrunst während des Festaktes zur Vorstellung eines Kita-Pilotprojektes in Wedel.

Am Ende reichten die Kinder sich die Hände in einer Welt aus Buntgemischtem, in der für alle Gestreiften und Gefleckten Platz ist. Es war ein schönes Bild für das, was am Dienstag mit einer großen Feier offiziell startete. Denn die drei Wedeler Einrichtungen der Arbeiterwohlfahrt (Awo) beschreiten neue Wege zur Förderung der Inklusion. Wege, die für das Land richtungsweisend sein könnten.

Die Wedeler Kitas wurden vom Ministerium für Bildung und Wissenschaft des Landes Schleswig-Holstein für ein Pilotprojekt ausgewählt. In den kommenden zwei Jahren soll hier getestet werden, was für alle 1722 Kita-Einrichtungen im Land Arbeitsgrundlage werden könnte. Die derzeitigen rechtlichen Regelungen stammten aus dem Jahr 1993. „Die Welt hat sich seitdem weitergedreht. Die Regelungen spiegeln das bislang nicht wider. Das System ist zu starr“, erläuterte Michael Hempel vom Bildungsministerium.

Deshalb bekommen die drei Kitas jetzt vor allem eines: mehr Freiheit. Flexibel und eigenverantwortlich dürfen die Leiterinnen über Gruppengrößen, Betreuungszeiten und Fachpersonal entscheiden. Was sie nicht bekommen, ist mehr Geld vom Land. „Es gibt keine zusätzlichen Fördermittel“, so Hempel.

Trotzdem versprechen sich die Awo-Vertreter viel von der Vorreiterrolle. „Meine Hoffnung ist es, allen Kindern in der Betreuung so gerecht wie möglich zu werden“, wünschte sich Andrea Rump. Seit 21 Jahren leitet sie die Wedeler Einrichtung Hanna Lucas. 84 Kinder werden hier derzeit betreut. Mit Beginn des Kita-Jahres nahm sie 15 neue Kinder auf. Zehn davon benötigten teilweise intensive Unterstützung. Genau darauf könne sie dank des Pilotprojektes individuell, flexibel und vor allem schnell reagieren.

Bislang lief es so: Die Heimaufsicht genehmigte Rump maximal 14 Plätze für Kinder mit Behinderung. Das hängt mit der Zahl der insgesamt betreuten Kinder zusammen. In der Regel umfasst eine Gruppe 20 Kinder. Durch ein Kind mit Behinderung verringert sich die Gruppengröße automatisch. Möglich sind höchstens vier sogenannte I-Kinder pro Gruppe bei einer maximalen Größe von dann insgesamt 15 Kindern. Ob ein Kind Förderbedarf hat und damit den I-Status benötigt, stellt das Gesundheitsamt zuvor fest. Die Kinder müssen dafür vom Amtsarzt untersucht und es muss ein Gutachten geschrieben werden. Die Kosten für die Unterbringung im Kindergarten übernimmt dann der Staat. Eltern müssen nicht zahlen.

In Wedels Awo-Kitas ist das jetzt anders. Hier wird kein Unterschied mehr zwischen „Regelkindern“ und „I-Kindern“, wie es Amtsdeutsch heißt, gemacht. Jedes Kind, egal welche Behinderung oder welchen Förderbedarf es hat, erhält einen regulären Betreuungsplatz. Die Gruppengröße liegt somit bei maximal 20 Kindern, kann aber flexibel von der Kita-Leiterin je nach Förderbedarf der Kinder auch auf 16, 17 oder eben 15 angepasst werden.

Da alle Kinder gleich behandelt werden, werden es auch die Eltern. Somit müssen Eltern von behinderten Kindern in den Awo-Einrichtungen in Wedel ihren Beitrag für die Betreuung selbst zahlen. Sie erhalten aber auch bei Bedarf dieselben sozialen Ermäßigungen. Laut Rump ist das mit den Eltern besprochen und kein Problem. Das zusätzliche Budget geht an die Kita. Damit kann zum Beispiel weiteres Personal eingestellt werden – und zwar ohne auf Genehmigungen und Gutachten warten zu müssen.

„Dass jedes Kind einen ganz normalen Gruppenplatz bekommt und die Förderung erhält, die es braucht – das ist gelebte Inklusion“, so Oliver Stolz, Landrat des Kreises Pinneberg. „Kinder haben keine Vorurteile. Wo lässt sich also besser ansetzen als bei den Jüngsten?“ Er unterstützt das Pilotprojekt ausdrücklich. Die Kreisverwaltung ermöglichte zusammen mit der Awo-Mitarbeitern, es auch schnell anzuschieben. So prescht Wedel vor, während die anderen ausgewählten Modell-Kitas in Dithmarschen, Neumünster und Flensburg mit ihren jeweiligen Testschwerpunkten zur Inklusion erst Anfang 2015 beginnen werden.