Pinneberg
Serie

Zwischen Blumen und Vögeln der Natur auf der Spur

Umlandlust – rund um Hamburg auf Entdeckungstour. Ein Ausflug für Naturfreunde zur Blumenpracht ins Arboretum Ellerhoop, zur Liether Kalkgrube und zur Vogelbeobachtung an der Wedeler Vogelstation.

Kreis Pinneberg. Hans-Dieter Warda ist empört. „Wie kann man die Schönheit der Lotosblüte anzweifeln“, fragt er. Gerade hat der Leiter des Arboretums Ellerhoop eine Diskussion über die Anmut der asiatischen Pflanze geführt. „Für mich gibt es keine zwei Meinungen. Die Lotosblume ist formvollendet.“ Vor 15 Jahren unternahm Warda erste Züchtungsversuche mit Nelumbo, so der botanische Name, auf dem See des Parks – mit Erfolg. Heute wächst die Wasserpflanze nirgendwo in Deutschland so üppig wie im Arboretum Ellerhoop, mitten im Kreis Pinneberg. Momentan ist die Lotospracht besonders groß, denn es ist Blütezeit. Die Lotosblume mit ihren rosa Blüten ist einer der Gründe, weshalb das Arboretum, auch Norddeutsche Gartenschau genannt, ein beliebtes Ausflugsziel ist. Jedes Jahr kommen etwa 100.000 Besucher aus ganz Deutschland in den Park.

Das Arboretum ist jedoch nicht der einzige Ort im bevölkerungsreichsten Landkreis Schleswig-Holsteins, für den Naturfreunde Anfahrtswege in Kauf nehmen: Die Liether Kalkgrube, ein ehemaliger Tagebau nahe der Ortschaft Klein Nordende, begeistert Fachleute aus der ganzen Welt mit einzigartigen geologischen Formationen. Die Carl-Zeiss-Vogelstation lockt Besucher in die Wedeler Marsch – eine Region, die internationale Bedeutung als Rast- und Überwinterungsgebiet für Zugvögel hat. Jede der drei Einrichtungen lohnt einen Einzelbesuch. Mit dem Auto lassen sich die Ziele und die dazwischen liegende Distanz von 30 Kilometern auch zu einer Rundtour verbinden.

Idealerweise startet der Ausflug am Arboretum, denn der Baumpark ist von Hamburg aus über A 7 und A 23 (Abfahrt Tornesch) schnell zu erreichen. Wer ein Navigationssystem besitzt, tippt die Adresse „Thiensen 4“ in Ellerhoop ein. Parkplätze befinden sich unmittelbar am Gelände. Im Kassenhäuschen gibt es Übersichtspläne für den mehr als sieben Hektar großen Park.

Nicht verpassen sollten Besucher den Bauerngarten, der kurz hinter dem Eingang ausgeschildert ist. Er befindet sich direkt am Münsterhof, einem 350 Jahre alten Reetdachhaus, und orientiert sich mit seinem quadratischen Grundriss, den Buchsbaumhecken und der Bepflanzung an historischen Vorbildern. „Es handelt sich um einen liebenswerten Gartentyp, geprägt durch zwangloses Nebeneinander von Zier- und Nutzpflanzen“, sagt Warda. Im Unterschied zum Bauerngarten unterliegen andere Pflanzungen einem Farbthema: So dominieren am Sonnenweg die Gelbtöne – mit Targetes und Zinnien. Im weißen Garten blühen Bechermalven, Duftsteinrich und Clematis.

Empfehlenswert sind auch der Duft- und Tastgarten, die Kräuterbeete sowie der Bambus-Dschungelpfad. Die Areale, die nach chinesischen und mediterranen Vorbildern angelegt wurden, sind beliebte Fotomotive. Im Herbst vermitteln die Gehölze am Nordufer des Sees mit der tiefgelben und blutroten Farbe ihrer Blätter ein Gefühl von „Indian Summer“, einer intensiven Laubverfärbung, die für Nordamerika typisch ist.

Aus Nordamerika stammt eine weitere Attraktion im Arboretum: eine Nachbildung des größten Baums der Welt, genauer gesagt eine Kopie der unteren zehn Meter. Das Original, den General Sherman Tree, hatte Warda im kalifornischen Sequoia-Nationalpark persönlich vermessen. 84 Meter ragt der Riese dort in die Höhe und beeindruckt mit einem Durchmesser von elf Metern. Die Beton-Replik in Ellerhoop will Warda ab 2015 begehbar machen. Im Inneren soll ein Infozentrum zum Thema Bäume entstehen. Ein Blick auf die „Schulbiologische Abteilung“ mit der Vegetation unterschiedlicher Erdzeitalter, den Versteinerungen und dem lebensgroßen Dinosaurier, rundet den Besuch ab. Kaum zu glauben, wie schnell die Zeit vergeht. Ein solcher Spaziergang durchs Arboretum dauert schon mal mehr als zwei Stunden.

Weiter geht es in Richtung Liether Kalkgrube. Zugegeben, das Gelände ist nicht leicht zu finden. Hilfe liefert Google Maps im Internet, wenn die Stichwörter „Langengang, Klein Nordende“ eingegeben werden. Das System errechnet eine Distanz von neun Kilometern und 15 Minuten Fahrtzeit zwischen Arboretum und Kalkgrube. Am Zielort angekommen, springen dem Laien die geologischen Sensationen nicht sofort ins Auge. Auffällig ist vor allem ein etwa 30 Meter tiefes Loch. Ein Pfad führt um den oberen Rand der Grube herum, ein weiterer hinunter zu einem Teich mit Felseninsel. Die Infotafeln am Wegesrand verraten mehr über den idyllischen Ort: Mehr als ein Jahrhundert lang fraßen sich dort Bagger in die Erde auf der Suche nach Düngekalk. Dabei legten sie geologische Formationen frei, die bis zu 270 Millionen Jahre alt sind und bis heute die Fachwelt in Begeisterung versetzen. Bei genauem Hinsehen fallen auch Laien die braunen, roten und schwarzen Streifen und Verfärbungen an den Steilhängen auf. Es handelt sich um ein Über- und Nebeneinander von verschiedenen Erdschichten wie roter Tonstein, Zechstein und Braunkohle. Die Felseninsel am Grund der Grube ist die Spitze eines Salzstocks.

Und was ist daran so ungewöhnlich? „Die Gesteine liegen in Norddeutschland normalerweise tief in der Erde und sind nicht zu sehen“, erklärt der Mineraloge Roland Vinx, Vorsitzender der Kulturgemeinschaft Tornesch, die sich um die Kalkgrube kümmert. Doch Salz, das in Klein Nordende an die Erdoberfläche drängte, riss die Gesteinsarten mit sich in die Höhe. „In benachbarten Regionen müsste man etwa sieben Kilometer in die Tiefe fahren, um auf diese Formationen zu treffen“, sagt Vinx. Die Bodenbeschaffenheit in der Grube bietet auch seltenen Tieren und Pflanzen ein Zuhause. Aus diesem Grund steht das 16 Hektar große Areal seit 1991 unter Naturschutz. 2006 erhielt das Gelände zusätzlich die Auszeichnung „Nationales Geotop“. In Deutschland gibt es davon nur 77 Orte.

Das letzte Ziel der Tour ist die Carl-Zeiss-Vogelstation. Weil sich die Einrichtung in der autofreien Wedeler Marsch befindet, müssen Fahrzeuge weit vorher abgestellt werden, etwa vor der Gaststätte am Fährmannssand. Vor dem Restaurant verläuft der Elbdeich mit Fuß- und Radwegen. Wer auf der Innenseite des Deichs nach Nordwesten geht, hat die Vogelstation in 15 Minuten erreicht. Diese liegt, nicht von ungefähr, ein wenig abseits vom Weg, versteckt hinter Wällen und Vegetation: Vögel sollen den Gebäudekomplex und die Besucher möglichst wenig wahrnehmen – und davon profitieren die Menschen: „Vögel, insbesondere Wasservögel, lassen sich hier wunderbar aus nächster Nähe betrachten“, schwärmt Stationsleiter Marco Sommerfeld.

Am besten geht das von den drei Beobachtungsposten, die am Ufer des zehn Hektar großen Gewässers stehen. Der See ist mit seinen schilfbewachsenen Buchten und 15 Inseln ideales Rast- und Brutgebiet. Durch Ferngläser, die in der Station verliehen werden, sind derzeit vor allem Grau- und Kanadagänse sowie Bekassinen zu erkennen. Hin und wieder erhebt sich ein Silberreiher zum majestätischen Flug. „Übers Jahr verteilt kommen bis zu 120 Vogelarten in die Wedeler Marsch“, sagt Sommerfeld. Ab September wird der Vogelzug wieder eine große Rolle spielen. Die Wedeler Marsch ist ein wichtiger Anlaufpunkt auf der Strecke zwischen den Brutgebieten im Norden und den Winterquartieren in Südeuropa und Afrika. Ab Oktober erwartet Sommerfeld bis zu 10.000 Weißwangengänse.

Die Vogelstation existiert seit 1984. Als die Elbe Ende der 70er-Jahre eingedeicht wurde, setzten Naturschützer durch, dass die für den Deichbau nötige Kleientnahmestelle zu einem Ersatzlebensraum mit Vogelstation umgestaltet wurde. Seitdem pachtet der Nabu Hamburg die knapp 18 Hektar große Anlage.

Zurück geht es wieder am Deich entlang. Vom Parkplatz aus ist die A 7 (Zufahrt Bahrenfeld) 30 Minuten entfernt, erreichbar über Sülldorfer und Osdorfer Landstraße. Doch einfach ins Auto springen und wegfahren? Das wäre viel zu schade. Besser ist es, den ereignisreichen Tag auf der Terrasse der Gaststätte Fährmannssand in Ruhe ausklingen zu lassen.