Pinneberg
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Blinde gehen auf Zeitreise durch Pinneberg

Obernachtwächter Otto Klafack führt erstmals Sehbehinderte durch die Kreisstadt

Pinneberg. „Jetzt folgen Sie mir, bitte, zur nächsten Station“, sagte Peter Russ. „Aber wo lang denn?“, fragten seine Zuhörer verwundert. „Entschuldigung, rechts herum, am Bahnhof vorbei in Richtung der Rosengärten“, gab Russ peinlich berührt zurück. Denn jetzt war klar, dass die Situation eine Premiere für ihn bedeutete. Der Museumspädagoge Russ, der seit September 2013 alle zwei Monate in die Rolle des Obernachtwächters Otto Klafack schlüpft, um bei einem historischen Rundgang den Besuchern die schönen Ecken der Kreisstadt zu zeigen, leitete nun eine Gruppe durch Pinneberg, die erheblich mehr verbale Informationen benötigte als andere Besuchergruppen. Russ alias Klafack führte erstmals Mitglieder des Blinden- und Sehbehindertenvereins durch die Stadt Pinneberg.

Die rund ein Dutzend Teilnehmer waren gespannt zum Treffpunkt am Bahnhof gekommen. „Im Grunde kenne ich Pinneberg ja“, sagte Marlies Matthies. Darum hoffe sie, „dass wir heute in Ecken kommen, die man nicht so gut kennt“, erklärte die sehbehinderte Frau. Und Russ bemühte sich, in seiner Rolle als Obernachtwächter, dieser Erwartungshaltung gerecht zu werden.

Zunächst versuchte Russ, seine Zuhörer 111 Jahre zurückzuversetzen. Was diese nicht sehen, nur ahnen konnten, war seine zeitgemäße Kleidung und das passende Handwerkszeug, das ihn als Obernachtwächter auswies. Er hatte die originale Uniform eines damaligen Nachtwächters an, den Knotenstock und den Metallfidibus mit Haken dabei, um eventuell erloschene Gaslaternen wieder in Gang zu bringen, und die laute Holzratter und das Tutenhorn, um sich notfalls Gehör zu verschaffen. Denn die vier Nachtwächter, die um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert stündlich durch Pinneberg laufen mussten, hatten die wichtige Aufgabe, hier nach dem Rechten zu schauen und womöglich Alarm zu schlagen, falls es irgendwo brennt.

4000 Einwohner hatte Pinneberg damals. Für die Städte Hamburg und Altona, das seinerzeit noch eigenständig war, avancierte das kleine Städtchen im Westen zum beliebtesten Ausflugsziel der damaligen Zeit. 100.000 Besucher strömten jedes Jahr hierher, berichtete Russ als Klafack den staunenden Teilnehmern. „Jedes Wochenende hielten drei Sonderzüge aus Hamburg in Pinneberg.“ Die Großstädter liebten den Wald, der hier wie einst Fahlt heißt, die schick zurechtgemachten Vorgärten, die ganztägig geöffnete Badeanstalt und die vielen Ausflugslokale in der Kreisstadt. Der 1844 gebaute Bahnhof holte Pinneberg wieder aus dem Schattendasein heraus, den die 1830 gebaute Kieler Straße zeitweilig verursacht hatte. Plötzlich war Pinneberg durch die Straße von Altona nach Kiel, die durch Quickborn und nicht durch Pinneberg verlief, ins Abseits gerückt. Hufschmiede, Gasthöfe, Herbergen, Kutschenfahrer hatten sich umorientiert und Pinneberg verlassen. Mit der Bahnverbindung belebte sich der Ort wieder zu neuer Blüte.

Aufmerksam verfolgten die Zuhörer des Blinden- und Sehbehindertenvereins diesen kleinen Ausflug in alte Hochzeiten ihrer Heimatstadt. Immer wieder fragten sie nach und gaben überraschte Kommentare ab. Dass die Christuskirche 7000 Sitzplätze haben sollte, wie Nachtwächter Klafack aus historischen Quellen berichtete, mochten sie kaum glauben. Wer es nicht wusste, konnte an dieser Führung keinen Unterschied zu sonstigen Stadtführungen erkennen. Außer dass einige Teilnehmer einen langen Stock und eine gelbe Armbinde mit drei schwarzen Kreisen trugen, wies ihr Verhalten nicht darauf hin, dass sie nicht sehen konnten. Behende und zielsicher umkurvten sie jedes Hindernis und ließen sich auch am wuseligen Bahnhof nicht von ein- und aussteigenden Menschenmassen beeindrucken. „Notfalls habe ich meine Klingel am Blindenstock“, sagte eine Teilnehmerin. Diese müsse sie am Bahnhof oft benutzen, klagte sie. Viele Sehende würden oft keine Rücksicht auf sie und ihre Mitbetroffenen nehmen, wenn sie aus dem Zug stiegen und schnell an ihnen vorbei wollten, ohne dass sie es ahnen könnten.

Nachtwächter Klafack hatte sich während des zweistündigen Rundgangs auf seine Besuchergruppe eingestellt. Nur für die historischen Fotos, die er an jeder der 15 Stationen zeigte, muss er sich noch mal etwas ausdenken, das auch ihre Sinne besser anspricht.